Aus: Ausgabe vom 19.01.2018, Seite 15 / Feminismus

Ein Frühfeminist

200 Jahre nach dessen Niederschrift wurde Charles Fouriers Essay »Die Freiheit der Liebe« neu aufgelegt. Seine Kernforderung: Befreiung der Frau

Von Sabine Kebir
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Der französische Gesellschaftstheoretiker Charles Fourier (1772-1837) plädierte für eine Art Kommunen als Herzstücke einer neuen Ordnung. Vieles, was er zur Befreiung und zu den Rechten der Frau sagte, hatte vor ihm bereits die Revolutionärin Olympe de Gouges (1748–1793) formuliert

Die Ablehnung ausbeuterischer Gesellschaftsordnungen war in der Geschichte oft mit der mehr oder weniger klaren Erkenntnis verbunden, dass diese den Menschen sich selbst entfremden, bis hin zur Unterdrückung körperlicher Grundbedürfnisse. Auch deshalb ging politischer Widerstand schon in der Antike teilweise mit dem ungehemmten Ausleben von Sexualität einher. Das aber war meist patriarchal geprägt. Dieses Kennzeichen fehlt der Utopie »Die Freiheit in der Liebe«, die der Frühsozialist Charles Fourier (1772–1837) vor rund 200 Jahren entwarf und die 1967 in Frankreich erstmals als Buch erschienen ist. Die Edition Nautilus hat den 1977 vom Wagenbach-Verlag auf Deutsch publizierten Essay jetzt neu aufgelegt, versehen mit einem Vorwort der jungen feministischen Autorin Margarete Stokowski.

Fourier war sicher, »der soziale Fortschritt« werde sich »entsprechend den Fortschritten in der Befreiung der Frau« vollziehen. In einer Gesellschaft ohne Ausbeutung, die Fourier »Harmonie« nannte, werde die Frau »Gegenpol«, nicht aber »Sklave des Mannes« sein. Sie werde »an allen Einrichtungen jeweils zur Hälfte beteiligt« und zum Mann in »wetteifernde Konkurrenz« treten. Fourier war außerdem überzeugt: »Wir müssen endlich damit beginnen, den Frauen die nötige sinnliche Befriedigung zu gewähren«.

Voller Abscheu betrachtete der Frühsozialist die ihn umgebende Ordnung. In der »Zivilisation« seien »die Liebesbeziehungen, ganz wie die Politik, der Gipfel der Heuchelei; alle unsere Sitten wie Ehebruch und Hahnreitum, bezahlte Prostitution, Prüderie der Greise, Falschheit der Mädchen und Zügellosigkeit der Knaben sowie das geheime Luderleben aller Klassen beweisen, dass ein höherer Grad an Verderbtheit kaum noch möglich ist«. Die herrschende Ordnung habe nicht nur die Armen sich selbst entfremdet. Ihre natürlichen »Leidenschaften« brauchten nur die wenigen Reichen nicht vollends zu unterdrücken. Aber auch sie könnten sie nur ausleben, wenn sie nach außen eine Existenz vortäuschten, die den Moralgesetzen entspreche, analysierte Fourier. Zugleich hätten »diejenigen, welche die Leidenschaften verlästern, die Philosophen und Priester« nämlich, Einrichtungen »ersonnen einzig zu dem Zweck, die Leidenschaften der anderen einzudämmen und die ihrigen zu befriedigen«.

Fourier glaubte fest, dass die de­struktiven Anteile der Leidenschaften – seit Sigmund Freud nennen wir sie Triebe –, durch deren konstruktive Seiten nicht nur ausgeglichen, sondern sogar überflügelt werden können. Sobald man einander das Ausleben der Triebe zugestehe, komme es zu einem »kollektiven Aufflug« der Menschengemeinschaft, den Fourier mit dem Zusammenspiel in einem Orchester vergleicht, das »von den Soli zu den Tutti, von den Tutti wiederum zu den Soli wechselt und das Ganze mit kleineren Konzerten durchwirkt, mit Duos, Trios, Quartetten usw., deren Stimmen und Instrumente in den verschiedensten Kombinationen zu hören sind.«

Die Beseitigung der Armut sei, so Fourier, die Voraussetzung für einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel. Er propagierte den Zusammenschluss von 1.800 bis 2.000 Menschen zu »Phalansterien«, die jeweils eine landwirtschaftliche oder industrielle Produktionsgemeinschaft darstellten. Darin sollte jeder nicht nur arbeiten, sondern auch genug Freiheit und Freizeit haben, seinen Ambitionen zu folgen. Die Ehe wollte Fourier abschaffen. Er schloss aber nicht aus, dass es lang anhaltende Partnerschaften geben kann, in denen jeder frei ist, auch andere Beziehungen einzugehen. Vorurteile hegte er weder gegen Homosexualität noch gegen Sadomasochismus und Fetischismus. Er meinte, »Unbeständigkeit« werde in der künftigen Gesellschaft zur »höchsten Tugend« avancieren. Und er war überzeugt, das Ausleben der Triebe und die Vervielfältigung der sexuellen Beziehungen werde die sozialen Bindungen eher festigen als zerstören. Freilich sollten Partnerschaften nach seiner Auffassung auch von Freundschaft und »Ehre« – gemeint ist wohl gegenseitige Wertschätzung – getragen sein. Obwohl staatskritisch, prophezeite Fourier, dass in einem künftigen Gemeinwesen »alle Vergnügungen Staatsangelegenheiten sind und ein vorrangiges Ziel der Gesellschaftspolitik bilden, so dass (so) der Liebe notgedrungen eine große Bedeutung zukommt, da sie tatsächlich den ersten Rang unter den Vergnügungen einnimmt«.

Kinder sollen in den Phalansterien nur freiwillig gezeugt werden. Fourier empfahl die Anwendung der »üblichen Maßnamen (…), um eine Schwangerschaft zu verhüten, welche die öffentliche Meinung missbilligt«. Familien im eigentlichen Sinne würde es nicht mehr geben, worin Fourier sowohl für die Eltern als auch für die Kinder nur Vorteile sah. Der Kapitalismuskritiker glaubte, bei gemeinschaftlicher Erziehung würden Kinder »ohne, dass man sie dazu anhält, sich aus freien Stücken Kenntnisse in der Landwirtschaft, im Handwerk, in Kunst und Wissenschaft erwerben, Güter produzieren und Gewinne machen, und all dies als Spiel ansehen«. Dergleichen wirkt wie viele von Fouriers Utopien übertrieben optimistisch und zugleich befremdlich, wenn er etwa annimmt, dass Kinder bei gesicherter »freier Unterkunft und unentgeltlicher Erziehung mit fünf oder besser mit sieben Jahren ihren Unterhalt verdienen« könnten.

Voller Zuversicht war Fourier auch, was das Leben kommender Generationen älterer Menschen betrifft. Die neue Ordnung werde dem Körper zur vollen Entfaltung »der ihm innewohnenden Kraft« verhelfen, so dass Frauen wie Männer auch noch mit 80 das Begehren ihrer Mitmenschen wecken könnten.

Tatsächlich konnten weder Fourier selbst noch die von seinen Ideen inspirierten Genossenschaften diesen Vorstellungen nahe kommen. Gleichwohl gab es immer wieder Versuche, solche Formen des gleichberechtigten Zusammenlebens zu praktizieren, zum Beispiel in der frühen Sowjetunion und bei den »68ern«. Die Neuveröffentlichung von Fouriers Schrift kommt angesichts der derzeit herrschenden Heuchelei, die unter einer dünnen Schicht prüder Political Correctness in den Geschlechterbeziehungen sowohl sexuelle Frustration als auch sexuelle Ausbeutung von Millionen Menschen verbirgt, genau zum richtigen Zeitpunkt.

Charles Fourier: Die Freiheit in der Liebe. Ein Essay. Mit einem Vorwort von Margarete Stokowski, aus dem Französischen von Eva Molden­hauer. Edition Nautilus, Hamburg 2017, 160 Seiten, 26 Euro


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