Aus: Ausgabe vom 19.01.2018, Seite 12 / Thema

Stadt, Land, Müll

Indien leidet unter einer erdrückenden Abfallast. Von der Regierung 2016 beschlossene Regelungen greifen nicht

Von Thomas Berger
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Berge von Müll. Sogenannte Ragpicker auf einer Halde in Dehli auf der Suche nach Verwertbarem (Aufnahme vom November 2014)

Es war eine Katastrophe mit Ansage: Am 1. September 2017 bricht ein Müllberg am Ostrand der indischen Hauptstadt Delhi in sich zusammen, die Abfallmassen rutschen in einen nahen Kanal. Die Lawine rollt über eine benachbarte Straße und reißt mehrere Fahrzeuge mit sich. Zwei Menschen sterben, fünf weitere überleben das Unglück nur deshalb, weil die herbeigeeilten Rettungsmannschaften sie rechtzeitig bergen können. Tags zuvor hatte es geregnet, nach amtlichen Angaben waren das die schlimmsten Regenfälle seit drei Jahren. Das Abfallgebirge von Ghazipur, das sich an dieser Stelle auf fast 50 Meter Höhe auftürmte – so hoch wie ein 15- bis 16stöckiges Haus –, war durch den extremen Niederschlag instabil geworden, rund 50 Tonnen Müll gerieten in Bewegung.

Mehrere Dutzend Helfer waren im Einsatz, suchten nach Opfern, befreiten Verschüttete. Das Entsetzen war groß, aber der Unfall wenig überraschend. Das Problem ist seit Jahren bekannt – und von allen relevanten Stellen beständig ignoriert worden. Erst als Menschen starben, verhängten die Behörden in aller Hektik einen Anlieferungsstopp für weiteren Müll, und die gegenseitigen Schuldzuweisungen überschlugen sich geradezu.

Doch das nächste Unglück ließ nicht lange auf sich warten: Am 14. Oktober brach in Ghazipur ein Feuer aus, das erst am Folgetag endgültig gelöscht werden konnte. Das National Green Tribunal, Indiens höchstes für Umweltdelikte zuständiges Gericht, hat die Ermittlungen in dem Fall aufgenommen. Vordergründig streiten sich die Regionalregierung des Hauptstadtterritoriums (National Capital Territory) und die Stadtverwaltung von Ost-Delhi. Die wirft wiederum der Feuerwehrführung vor, nicht angemessen reagiert und zunächst zu wenig Personal entsandt zu haben.

Systematisches Versagen

Doch es geht um mehr als die Aufarbeitung von Details. Die Megamüllhalde ist eine von insgesamt dreien in Delhi. Täglich werden 3.000 Tonnen Abfälle aus der Metropolregion mit etwa 20 Millionen Einwohnern zur Deponie Ghazipur gebracht, die zudem weitaus länger als die beiden anderen in Betrieb ist – seit nunmehr 33 Jahren. Eigentlich, so die Regularien, müssen die Müllkippen spätestens nach einem Vierteljahrhundert geschlossen werden.

Das Beispiel Ghazipur mit den beiden genannten Vorfällen macht deutlich, dass der indischen Gesellschaft das Müllproblem schon längst über den Kopf gewachsen ist. Was sich dort am Rande der Hauptstadt abspielt, ist kein singulärer Skandal, sondern Indiz eines jahrzehntelangen systematischen Versagens der Stadtverwaltungen und Regionalregierungen im ganzen Land und unabhängig von den Parteien, die sie beherrschen. Einfache Maßnahmen wie der verhängte Stopp neuer Lieferungen lösen dieses äußerst komplexe Problem keinesfalls.

Hunderte, mitunter Tausende Familien in Indien leben an, auf und von einem solchen Abfallberg. Schon Kinder im Grundschulalter müssen gemeinsam mit ihren älteren Geschwistern oder den Eltern mithelfen, den täglich aufs neue angelieferten Müll auf Wiederverwertbares zu durchsuchen. Glas, Plastik, Metallteile, fast alles lässt sich bei den Aufkäufern zu Geld machen. Dafür gibt es zwar nur eine Handvoll Rupien, doch das genügt am Ende des Tages vielleicht doch noch für eine halbwegs sättigende Mahlzeit, nachdem alle seit den frühen Morgenstunden mit knurrendem Magen zwischen den teils scharfkantigen oder anderweitig gefährlichen Restbeständen der Konsum- und Wegwerfgesellschaft gewühlt haben.

»Die zwei, die da gestorben sind, waren auf der Straße. Meint ihr, irgend jemandem würde es etwas ausmachen, wenn hier einer von uns stirbt?« Die Äußerungen der zwölfjährigen Rukhsana, die Anfang Oktober im Indian Express nachzulesen waren, wirken, als hätte ein Erwachsener gesprochen. Aus dem Mädchen spricht die Empörung der sogenannten Ragpicker, der »Müllmenschen«, über die Ignoranz des Rests der Gesellschaft, die sie und ihre Tätigkeit nur zu gern aus dem Bewusstsein ausblendet. »Survival game« (Überlebensspiel) ist die am 1. Oktober in der Zeitung publizierte Reportage überschrieben, in der die Kinder in den Mittelpunkt gerückt werden. Sie wie auch ihre Eltern klagen darüber, dass ihnen mit dem Lieferstopp gewissermaßen die Grundlage für ihr tägliches mageres Einkommen entzogen wird. Kein neuer Müll, das heißt keine weiteren Flaschen, Gläser, Metallteile, die sich zu Geld machen lassen, und damit keine Mahlzeiten am Ende des Tages.

Allein in Delhi mit seinen circa 17 Millionen Einwohnern fallen Tag für Tag mindestens 10.000 Tonnen Müll an. In ganz Indien sind es in einem Jahr schätzungsweise 60 Millionen Tonnen, schrieb der Indian Express unter Berufung auf Aussagen des früheren Umweltministers Prakash Javadekar am 6. September, wenige Tage nach der Katastrophe von Ghazipur. Die Abfallmenge ist damit seit der Jahrtausendwende bereits auf das Doppelte gestiegen. »Ohne einen gründlichen neuen Ansatz wird das bisherige System, den anfallenden Müll lediglich außer Sichtweite in den Vororten abzuladen, die Landschaft zerstören«, konstatierte die Tageszeitung The Hindu in einem Beitrag von Anfang September. Schon die nationale Sauberkeitskampagne »Swatch Bharat«, die Premierminister Narendra Modi bald nach seinem Amtsantritt vor dreieinhalb Jahren mit viel Tamtam verkündet hatte, sei ein Selbstbetrug, schreibt das Blatt. Denn damit setze die Regierung vorrangig auf einzelne Aktionen. Was fehle, sei zentralstaatlicher Druck auf Regionen und Kommunen, um effektive Systeme eines modernen Abfallmanagements nach wissenschaftlichen Kriterien einzuführen. Das wird nötig sein, denn für den Subkontinent werden nach offiziellen Schätzungen bis zum Jahr 2030 sogar bis zu 135 Millionen Tonnen Müll jährlich prognostiziert – noch einmal mehr als das Doppelte der jetzigen Menge. Das käme für die meisten Großstädte, die bisher konsequent auf Deponien gesetzt haben und denen schon seit Jahren die verfügbaren Flächen ausgehen, endgültig einem Infarkt gleich.

Ohne Problembewusstsein

Die Komplexität des Problems verlangt entsprechende Lösungsansätze. Eine funktionierende Müllabfuhr bleibt notgedrungen ineffektiv, wenn der Abfall nicht angemessen entsorgt werden kann und unter den Inderinnen und Indern kein Problembewusstsein entwickelt wird. Ein Beispiel: Millionen Einwohner des Riesenlandes sind tagtäglich kürzere oder längere Strecken mit der Bahn unterwegs. Es gibt Zugverbindungen von 24 oder mehr Stunden. Selbst die neueren Waggontypen verfügen oft nicht über einen einzigen Mülleimer in den Abteilen. Die Abfälle werden in aller Regel einfach während der Fahrt aus dem Fenster geworfen. Entsprechend sieht es denn auch entlang der Gleise aus. Im Laufe einer Fahrt kommt einiges zusammen. Die indische Bahngesellschaft setzt zwar beim Ausschank von Tee und Kaffee inzwischen auf Papp- anstelle von Plastikbechern, aber bei einem einzigen Zug mit etwa 15 Waggons mit je 72 Plätzen fallen mehr als 1.000 weggeworfene Becher pro Fahrt an, wenn jeder Fahrgast auch nur ein Getränk zu sich nimmt. Vom weiteren Verpackungsmüll ganz zu schweigen. Im besten Falle sammeln den am Ende einer Fahrt die Ragpicker ein, die am Zielbahnhof auf die einfahrenden Züge warten.

Selbst auf den Bahnsteigen sucht man Abfallbehälter oftmals vergeblich. Bahnhöfe großer Metropolen wie Mumbai können sich seit wenigen Jahren damit brüsten, dass Mülleimer zumindest in begrenzter Zahl zu finden sind, aber Standard sind sie längst nicht, ebensowenig wie entlang belebter Straßen in den Großstädten Indiens.

Die Übernahme westlicher Konsummuster, gekennzeichnet durch raschen Verschleiß, enorme Verschwendung und Verpackungswahnsinn ließ Indiens Müllberge spätestens um die Jahrtausendwende um ein Vielfaches anwachsen. Plastiktüten, oft nur ein einziges Mal benutzt und danach achtlos weggeworfen, prägen das Städte- und auch das Landschaftsbild in Indien. Sie liegen auf Straßen und Wegen, schwimmen in Flüssen und Seen. Die Zeitung The Hindu verwies zwar auf Vorbilder wie das zentralafrikanische Ruanda, das einen Plastikbann eingeführt hat. Doch auf dem indischen Subkontinent, und das schließt die Nachbarländer Pakistan, Nepal, Bangladesch und auch Sri Lanka ausdrücklich ein, sind solche Maßnahmen nur ganz selten zu finden bzw. beschränken sich auf vereinzelte private Initiativen.

Zugegeben, es existieren Stadtviertel in Indien, da funktioniert die Entsorgung ebenso gut wie in Mitteleuropa. Der Müll wird regelmäßig abgeholt, und bestenfalls einzelne im Wind herumwehende Fetzen fallen im Straßenbild negativ auf. Dabei handelt es sich jedoch um die »gated communities«, die streng abgegrenzten hochmodernen Wohngebiete einer zahlungskräftigen Oberschicht in mittelgroßen Städten wie Pune (etwa vier Fahrstunden von Mumbai entfernt) oder im administrativ eigenständigen Gurgaon, innerhalb der Agglomeration Delhi. Aber auch in solchen Kommunen, in denen eine halbwegs funktionierende Müllabfuhr existiert, wird der Abfall aus Vierteln, in denen weder Wasserversorgung noch sanitäre Anlagen vorhanden sind, nicht abgeholt. Auch dies zeigt die dramatischen Unterschiede der Lebensverhältnisse, selbst in ein und derselben Stadt.

Immer mehr Müll

Mülltrennung, wie sie hierzulande gefördert wird, ist in Ländern wie Indien ein Fremdwort. Sinnvoll wäre sie allemal. Der Anteil an organischen Abfällen liegt laut einer Studie des Waste-to-Energy Research and Technology Council (WTERT) und der New Yorker Columbia University aus dem Jahr 2012 zwischen 50 und 57 Prozent. Durchschnittlich rund 17 Prozent gelten als recyclebare Stoffe. Die Verfasser der Studie haben dabei Daten aus 366 Städten, in denen 70 Prozent der urbanen Bevölkerung Indiens leben, gesammelt und ausgewertet. Binnen einer Dekade, zwischen 2001 und 2011, sei das Müllaufkommen um 50 Prozent gewachsen. Zum Zeitpunkt der Erhebungen lag es bei rund 188.000 Tonnen pro Tag. Bis 2041, so die Prognose, könnte der Tageswert auf 440.000 Tonnen wachsen. Das wären jährlich 160,5 Millionen Tonnen. Problematisch sei das vorsätzliche Anzünden des Mülls auf den Deponien bzw. Brände, die ohne direktes Zutun entstehen. Allein in Mumbai würden dadurch jährlich 22.000 Tonnen diverse Schadstoffe in Luft und Boden freigesetzt.

Was in solchen wissenschaftlichen Arbeiten nur bedingt Niederschlag findet, ist der Umstand, dass es in aller Regel wiederum die Ragpickers sind, die vor allen anderen unter den unmittelbaren gesundheitlichen Folgen zu leiden haben. Neben der schon erwähnten Verletzungsgefahr bei der Arbeit atmen sie regelmäßig schädliche Verbindungen wie Stick- und Schwefeloxide oder Feinstaubpartikel ein. Die Müllsammler leiden so oftmals schon in relativ jungen Jahren an chronische Erkrankungen insbesondere der Atemwege.

Nur rund 28 Prozent der wiederverwertbaren Rohstoffe aus den indischen Abfällen werden Recyclinganlagen zugeführt, schrieb The Hindu. Die Verfasser der erwähnten Studie gehen (für das Jahr 2011) von 6,7 Millionen Tonnen jährlich aus, die mangels Mülltrennung trotz Wiederverwendungsfähigkeit dem Stoffkreislauf entzogen werden. Weitere 9,6 Millionen Tonnen organische Bestandteile könnten als kompostierbares Material für Düngezwecke in der Landwirtschaft zum Einsatz kommen, landen aber ebenfalls ungenutzt auf den Deponien. Und 58 Millionen Barrel Öläquivalent könnten eigentlich zur Wärmegewinnung eingesetzt werden, wenn es die technischen Systeme dafür gäbe. Diese existieren aber selbst heute, nochmals ein halbes Jahrzehnt später, nur in wenigen lokalen Vorzeigeprojekten.

Allein 15.342 Tonnen Plastikmüll produzierten die Inder täglich, gab Anil Dave, Staatsminister im Umweltministerium, im August 2016 in einer schriftlichen Antwort auf eine parlamentarische Anfrage zu Protokoll. Die Nachrichtenagentur PTI zitierte den Regierungsvertreter zudem mit der Aussage, dass davon über 6.000 Tonnen, also rund 40 Prozent, nicht ordnungsgemäß entsorgt und nicht eingesammelt würden und damit zur Verschmutzung von Kommunen und Landschaft einschließlich Gewässern beitragen.

Fortschritt nur auf dem Papier

Ganz abgesehen von den jährlich 170.000 Tonnen biomedizinischen Abfällen, für die es bisher kaum eine eigene Regelung zur ordnungsgemäßen Entsorgung gibt, wie der Fernsehkanal NDTV in einem Beitrag auf seiner Internetseite vom 17. April 2017 schreibt. Selbst die 2016 beschlossenen Solid Waste Management Rules, die als Rahmengesetzgebung die früheren Bestimmungen aus dem Jahr 2000 abgelöst haben, seien lückenhaft, lautet die Kritik. Und der zuständige Minister Prakash Javadekar musste in diesem Zusammenhang einräumen, dass generell nur 22 bis 28 Prozent des Müllaufkommens bisher überhaupt in irgendeiner Weise behandelt werden. Von der Gesamtmenge der rund 60 Millionen Tonnen sind aber immerhin 7,9 Millionen Tonnen als gefährliche Materialien einzustufen.

Dabei wirkt das Regelwerk auf dem Papier äußerst fortschrittlich. So wird erstmals landesweit das Prinzip der Mülltrennung eingeführt, und Kommunen werden dazu verpflichtet, anstelle der gegenwärtigen Deponien Anlagen zur Aufbereitung in Betrieb zu nehmen. Die größeren Städte mit über einer Million Einwohner erhalten dafür eine Frist von zwei, die kleineren von drei Jahren zur Umsetzung. Im Falle willkürlicher Umweltverschmutzungen, etwa dem Verbrennen von Müll auf der Straße, sollen Strafen erhoben, große Hersteller von Produkten dazu verpflichtet werden, den Verpackungsmüll wieder zurückzunehmen. Für Fabriken bestehen Vorgaben, zur eigenen Energiegewinnung neu zu installierende Müllverbrennungsanlagen einzusetzen. Deponien sollen eher zur Ausnahme werden – wo sie noch nötig sind, werden nunmehr Mindestabstände zu Wohnsiedlungen, Parks und Gewässern festgelegt. Und ein Kontrollgremium mit Verantwortlichen der nationalen und der regionalen Ebene, geleitet vom Staatssekretär im Umweltministerium, soll einmal jährlich die Fortschritte bei der Umsetzung der neuen Vorgaben überprüfen. Die bleiben aber beispielsweise an dem Punkt schwammig, wie die zwar durchaus erwähnten Ragpicker, deren wirtschaftliche Lebensgrundlage der Müll ist, in die wesentlicher stärker formalisierten Entsorgungssysteme einbezogen werden sollen.

Bislang, so scheint es, ist das ehrgeizige Vorhaben – wie so viele gute Ansätze in Indien – nicht mehr als ein Papiertiger. Eine kritische Bestandsaufnahme des Indian Express im vorigen Mai, also 13 Monate nach Inkrafttreten der Solid Waste Management Rules, machte am Beispiel der Verwaltungen in Delhi deutlich, dass dort so gut wie keiner der Mitarbeiter in den entsprechenden Abteilungen mit den neuen Vorschriften vertraut war. Genausowenig gab es, obwohl gefordert, städtische Regularien zur Umsetzung der einzelnen Punkte. Immerhin, das mag ein kleiner Lichtblick sein, haben nach Darstellung der Zeitung einige private Wohnungsbaugesellschaften, teils in Verbindung mit Umweltgruppen, lokale Projekte auf Basis des Regelwerks in Angriff genommen. Bis zu einem »sauberen Indien«, wie es Modis Swachh-Bharat-Kampagne eigentlich bis zum Ende der Legislaturperiode 2019 vorsieht, ist es allerdings noch ein sehr langer Weg. In Ghazipur scheint alles beim alten. Und in Mumbai mit seinen 25 Millionen Einwohnern, wo es auch nur drei Großdeponien als zentrale Entsorgungsorte gibt, ist die von Deonar sogar schon seit sage und schreibe 90 Jahren in Betrieb.

Thomas Berger schrieb an dieser Stelle zuletzt am 26.10.2017 über die Diskriminierung der Dalits in Indien.


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