Aus: Ausgabe vom 19.01.2018, Seite 8 / Ansichten

Zyniker des Tages: Europäische Union

Von Jörg Tiedjen
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Nicht allein durch die rigide Grenzpolitik der EU kommen jährlich Tausende Menschen ums Leben. Dennoch stellt sich die EU in einer aktuellen Werbekampagne als Einrichtung dar, die Kinder »schützt und stärkt«

Wer die Plakate, die neuerdings in Berlin zahlreiche Litfaßsäulen zieren, zum ersten Mal sieht, dürfte am ehesten denken, dass es sich um eine Werbung für einen neuen Film handelt. Rätselhafte Sprüche springen einem ins Auge: »Für ein Kind sollte das Leben eine Geschichte sein, die es niederschreiben will«, heißt es etwa, während im Hintergrund eine Katastrophenszene zu sehen ist. Im Kleingedruckten findet sich der Absender der Botschaft: »EU saves, protects, em­powers« (»Europäische Union rettet, schützt, stärkt«). Indem nämlich das Flüchtlingskind, das auf diesem Plakat stolz in die Ferne blickt, dank Brüssel nun angeblich eine Schule besuchen kann – »in der Türkei«, versteht sich, nicht in der Festung Europa.

Bis heute hat es die EU nicht geschafft, die durch den Krieg in Syrien ausgelöste Flüchtlingskrise zu entschärfen. Wie auch, ist der Konflikt doch dadurch entstanden, dass EU- und NATO-Länder gemeinsam mit den Golfstaaten die Protestler des »arabischen Frühlings« in dem nahöstlichen Land bewaffneten und Tausende Dschihadisten dorthin passieren ließen. Wie gleichgültig der EU das Schicksal der Kinder war, führte aller Welt das Bild des beim türkischen Bodrum ertrunken am Strand liegenden dreijährigen Aylan Kurdi vor. In den Lagern in der Türkei gab es übrigens lange keine geeigneten Schulbücher – während der Oberschurke, die Terrororganisation »Islamischer Staat«, für seinen Machtbereich saudische Unterrichtsmaterialien heranschaffen ließ. In Deutschland ist es auch der Umgang mit dem Recht auf Familiennachzug, der zeigt, dass der Regierung mitnichten am Schutz von Kindern gelegen ist. An dieser menschenverachtenden Haltung hat sich nichts geändert.

An den Kriegen in Nahost verdienen EU-Rüstungsfirmen Milliarden. Jetzt werden ein paar Euro für Plakate spendiert, um das Gewissen zu entlasten.


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