Aus: Ausgabe vom 18.01.2018, Seite 16 / Sport

Durch die Hintertür

Die Eisbären Berlin spielen seit dieser Saison auch Fraueneishockey

Von Oliver Rast
DSC_1545.jpg
Macht den Deckel auf: Anne Bartsch am Puck

Wer das Areal des Sportforums Hohenschönhausen in Berlin besuchen will, muss sich auskennen. Vor allem rund um die Eishalle, den altehrwürdigen »Wellblechpalast« – will man beispielsweise den Seiteneingang zum Fraueneishockey entdecken. Nicht über die Hauptpforte geht es Richtung Eis, sondern verwinkelt drei mal ums Eck. Wer aber diese Einlasshürde nimmt, sieht erstklassigen Sport.

Nach einer vierwöchigen Pause trafen am vergangenen Wochenende im »Welli« die Spielerinnen der Eisbären Juniors und der Düsseldorfer EG in der ersten Bundesliga der Eishockeyfrauen, der DFEL, aufeinander. Anne Bartsch ist Verteidigerin der Eisbären. Nach dem Sonntagsspiel sitzt sie im Aufenthaltsraum des Eisstadions vor Kaffee, Schnittchen und Gepäck. Sie wirkt ausgepowert – und noch mehr frustriert. Ein Wochenende, zwei Partien, null Punkte. Aus den fest eingeplanten Siegen wurde nichts: 3:1 und 3:2 hieß es am Ende für die Düsseldorferinnen.

Innerhalb von 18 Stunden zweimal aufs Eis zu müssen ist ein typischer Spielrhythmus im Fraueneishockey. »Klar, so ein Spielwochenende geht an die Substanz, aber dafür trainieren wir ja im Sommer an unserer Ausdauer und Kraft«, sagt die 22jährige Bartsch. Die gebürtige Sächsin ist Nationalspielerin mit Auslandserfahrung. In der vergangenen Saison spielte sie beim schwedischen Erstligisten HV 71 Jönköping: »Ich wollte ein neues Team, ein neues Training, ich wusste, dass dort das Spielniveau höher ist.« Anschließend ging’s für die Studentin zurück nach Berlin.

Die Pressemitteilung über das neue Fraueneishockeyteam der Eisbären Berlin versackte im Sommerloch: Seit der Spielzeit 2017/2018 streifen sich die Eisladies des OSC Berlin das Trikot der Eisbären über. Und zum Vereinsübertritt kam es so: »Beim OSC war zu viel Volkssport, zu wenig Leistungssport. Nur bei den Eisbären haben wir eine professionelle Ausbildungsbasis«, sagt Teammanager Torsten Szyska, der den »Deal« mit den Eisbären eingefädelt hatte und nun das »Feindbild Nummer eins« für seinen alten Klub sei. »Wir erhoffen uns außerdem einen höheren Bekanntheitsgrad und neue Sponsoren.« Dass das Fraueneishockey bei den Eisbären in der Jugendsparte, den Eisbären Juniors, angesiedelt ist, stört Szyska nicht, auch wenn es ein bisschen nach Vorschule klingt: »Wir mussten den Namen des Stammvereins annehmen, der ist nun einmal Eisbären Juniors.«

Die Übernahme der OSC-Frauen war ein kluger Schachzug. Damit holten sie sich quasi durch die Hintertür einen fünffachen Deutschen Meister in den Verein. Letztmals holten die OSC-Frauen 2010 den Titel. Die Eisbären liegen auch voll im Trend des deutschen Eishockeysports. Immer mehr DEL-Klubs erweitern ihre Vereinsstruktur um ein erstligataugliches Frauenteam: Ingolstadt hat es vorgemacht, die Düsseldorfer EG zog nach – und nun die Eisbären.

Für die kanadische Eisbär-Trainerin Amy Young hat sich im Saisonverlauf einiges getan: »Ich muss nicht mehr so viele vereinsinterne Kämpfe führen – die Logistik steht, wir haben eine eigene Kabine und einen Kraftraum.« Auch Visa für ausländische Spielerinnen würden nun vom Verein administrativ schnell erledigt. Sportlich sieht es dagegen nicht so gut aus: Gegen die Klubs aus dem bayerischen Führungstrio (ECDC Memmingen, ESC Planegg und ERC Ingolstadt) konnten die Eisbär-Frauen weder daheim noch auswärts punkten. »Aber Klatschen wie in der Vorsaison, als wir noch OSC waren, haben wir uns nicht mehr abgeholt,« betont Szyska. Zum Schlusslicht aus Langenhagen halten sie Distanz – die Gefahr, als Tabellenletzter in die Relegation zu müssen, besteht nicht. Young fordert ihre Spielerinnen aber weiter: »Wir müssen endlich mal den Deckel öffnen und unsere Spielstärken aus unserem Topf ziehen.«

In der Bundesliga der Eishockeyfrauen mit ihren acht Teams gibt es keine Play-offs – der Saisonhöhepunkt fehlt. Die Teams spielen eine doppelte Hin- und Rückrunde, insgesamt 28 Spiele. Der Tabellenführer wird Anfang März des Jahres zum Meister gekürt – und fertig. Eine zusätzliche Play-off-Runde würde die Klubs finanziell zusätzlich belasten. Und hier liegt ein Grundproblem: Fraueneishockey ist ein Freizeitspaß – unentgeltlich und strapaziös. Die Spielerinnen sind Amateure und müssen für ihre Ausrüstung selbst aufkommen. Die Trainer sind kaum besser dran: »Ich bin in Berlin Vollzeit als Lehrerin beschäftigt. Wenn ich nach Hause komme, muss ich Trainingspläne vorbereiten und Spiele gegnerischer Mannschaft analysieren,« sagt Young. Alles für lau.

Fraueneishockey findet nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die DEG-Frauen sind als Aufsteiger auch keine Zugnummer für Fans – an den beiden Spieltagen kamen nur jeweils 60 zahlende Zuschauer in den »Welli«. Für Akustik in der Halle sorgten die Schlittschuhkufen der Spielerinnen bei scharfen Wendungen, die aneinander rasselnden Schläger bei Zweikämpfen und der an der Bande aufprallende Puck. Ist Fraueneishockey unattraktiv, fehlt es an Bodychecks? »Auch das Fraueneishockey ist in der Spitze sehr körperbetont und athletisch«, erwidert Young. Das Problem sei einfach, dass viele noch nie ein Spiel im Fraueneishockey gesehen hätten.

Anne Bartsch weiß, was besser werden muss: »Wir müssen uns aufs Spiel fokussieren, mental stärker werden, dann siegen wir auch wieder.« Dann kämen auch die Zuschauer. Aber zunächst muss sie umdenken: Montagfrüh tauscht sie ihren Eishockeyschläger gegen Lehrbücher aus der Uni.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Sport