Aus: Ausgabe vom 18.01.2018, Seite 15 / Medien

Sympathie für Terroristen

Deutsche Leitmedien stilisieren venezolanische Rechte zu Freiheitskämpfern

Von Volker Hermsdorf
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Die Berichte anlässlich der Zerschlagung einer rechten Terrorzelle in Venezuela erinnern an den NATO-Krieg gegen Jugoslawien, den Mord an Libyens Staatschef Muammar al-Ghaddafi, an Afghanistan, Irak und Syrien. Bundesdeutsche Leitmedien, darunter Spiegel Online, Tagesschau.de und FAZ machen keinen Hehl aus ihrer Sympathie für Oscar Pérez, der am Montag bei einem Schusswechsel mit Sicherheitskräften getötet wurde. Pérez hatte als Anführer eines Terrorkommandos im Juni zwar von einem gestohlenen Polizeihubschrauber aus die Gebäude des Obersten Gerichtshofs und des Innenministeriums beschossen, ist laut FAZ dadurch jedoch »für viele Venezolaner zum Helden geworden«.

Mit keiner Zeile erwähnen die bundesdeutschen Leitmedien, dass sich im Gebäude des Obersten Gerichtshofs eine Vorschule befindet und auf der Terrasse des Innenministeriums zum Zeitpunkt des Beschusses eine Feier stattfand, Pérez und Kumpane also den Tod von Kindern und unbeteiligten Partygästen als Möglichkeit in Kauf nahmen. Mit einer Mischung aus Zynismus und Bewunderung heißt es lediglich, die »unblutige Aktion« (FAZ) des »abtrünnigen Polizeipiloten« (Spiegel Online) habe es »im Sommer 2017 in die Schlagzeilen geschafft« (FAZ). Auch für Tagesschau.de war die kriminelle Tat des (O-Ton) »jungen, gutaussehenden Expolizisten« lediglich »eine spektakuläre Aktion«. Dass auf sein Konto auch Überfälle auf Kasernen gehen, bei denen schwere Waffen erbeutet wurden, änderte nichts an der verharmlosenden Berichterstattung. Für keinerlei Aufregung im deutschen Blätterwald sorgte auch der vom spanischsprachigen Programm des US-Nachrichtensenders CNN kürzlich verbreitete Aufruf von Pérez zum »bewaffneten Aufstand«.

Nach den Erkenntnissen der venezolanischen Ermittler plante die Terrorzelle gerade, eine Autobombe vor der kubanischen Botschaft in Caracas detonieren zu lassen, wobei der Tod Unbeteiligter wieder zum Kalkül gehörte. Der Anschlag konnte durch das Großaufgebot von Polizei und Nationalgarde gerade noch verhindert werden. Doch obwohl bei dem Einsatz mindestens zwei Angehörige der Sicherheitskräfte von den schwer bewaffneten Paramilitärs getötet wurden, gilt das Mitgefühl der bundesdeutschen Medien den Terroristen und ihrem Chef. »Menschenrechtsorganisationen verurteilen das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte scharf«, schreibt die FAZ und verschweigt, dass ihre Quelle die ultrarechte Opposition ist. Das Portal Tagesschau.de verbreitete – ebenfalls ohne dies zu hinterfragen – die rechtfertigende Behauptung des Terroristen: »Wir kämpfen gegen … die Tyrannei. Gegen Hunger und den Mangel an Medikamenten.« Doch in der Kunst des Manipulierens ist die FAZ dem öffentlich-rechtlichen Nachrichtenportal noch allemal um Längen voraus. »Die große Sympathie für Pérez zeigt, wie weit viele Venezolaner für einen Umsturz gehen würden«, phantasierte das Blatt und schloss: »Sein Tod hat ihn vom Helden zum Märtyrer gemacht.«


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