Aus: Ausgabe vom 18.01.2018, Seite 5 / Inland

Ungleichheit wächst

Die Kluft zwischen den Klassen wird immer tiefer. Das belegt eine groß angelegte internationale Studie

Von Florian Sieber
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Die Kluft zwischen den Klassen - was man täglich auf den Strassen sehen kann, wurde nun auch für die Wissenschaft sichtbar gemacht

Gutverdienende dürfen sich wieder einmal freuen: Der Anteil, den die reichsten 10 Prozent, am gesamten in der Bundesrepublik erwirtschafteten Volkseinkommen haben, steigt. Seit den 80ern wuchs dieser um ein Drittel auf mittlerweile 40 Prozent. Gleichzeitig erhält die untere Hälfte der Bevölkerung gerade einmal noch 17 Prozent des Volkseinkommens. In den 60ern war der Anteil noch doppelt so hoch. Zu diesem Schluss kommt der »World Inequality Report« (Weltungleichheitsbericht). Bei der Studie handelt es sich um ein internationales Großprojekt einer Gruppe von Wirtschaftswissenschaftlern um den Ungleichheitsforscher Thomas Piketty. Diesen Dienstag stellte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das sich auch an der Forschungsarbeit beteiligt hatte, in Berlin seine Ergebnisse vor.

Die Studie, die von mehr als 100 Wissenschaftlern aus aller Welt getragen wurde, untersuchte die Entwicklung der Einkommenssteuerdaten der letzten 140 Jahre. Die Ungleichheitsforscher haben für den Report eine Datenbank geschaffen, die ständig erweitert wird und mittlerweile Daten zur Einkommensentwicklung aus über 70 Ländern enthält. Der Bielefelder Soziologieprofessor Stefan Liebig, der die Vorstellung der Resultate beim DIW einleitete, fasst die Zielsetzung des Mammutprojekts folgendermaßen zusammen: »Es geht beim Weltungleichheitsbericht darum, mehr empirische Daten zu erheben, mit denen sich die Wissenschaft auseinandersetzen kann.« Damit solle die kontroverse Diskussion um soziale Ungleichheit endlich auf ein solides Fundament gestellt werden. Die gewählte Methode hat aber auch einen Nachteil: Es können nur versteuerte Einkommen untersucht werden. Was in der Schattenwirtschaft der Steueroasen versumpft, bleibt für die Forscher nicht nachvollziehbar. Die tatsächliche Ungleichheit dürfte also noch größer sein, als im Bericht angegeben.

Besonders im Fokus stand am Dienstag die Forschungsarbeit von Charlotte Bartels, die das Kapitel zu Deutschland für den World Inequality Report geschrieben hat. »Anfang der 1990er Jahre hatte sich die Schere zwischen der Hälfte der Bevölkerung mit den niedrigsten Einkommen und den oberen Einkommensschichten erst einmal ein wenig geschlossen«, erklärte Bartels. Doch seit Mitte der 90er öffnet sich wegen des Kollapses der Produktion und der Explosion der Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland die Reichtumsschere in der Bundesrepublik. So erhielt die schlechter verdienende Hälfte der Bevölkerung in den 60ern etwa ein Drittel des gesamten in Deutschland ausgezahlten Einkommens. 1995 war es gerade noch ein Viertel. Bis heute ist dieser Wert um acht Prozent gesunken und damit so niedrig wie seit 1913 nicht mehr. Gleichzeitig stieg der Anteil des reichsten Zehntels von 32 Prozent um ebenfalls acht Prozent. Noch deutlicher wird die Konzentration von Einkommen in Händen des Kapitals, wenn man die Entwicklung beim reichsten einen Prozent betrachtet. Dort stieg der Anteil am Gesamteinkommen von acht auf 13 Prozent.

Besonders stark sei das Wachsen der Ungleichheit laut Bartels durch politische Entscheidungen beeinflusst worden: »Die Steuerreformen der letzten 20 Jahre haben die Umverteilungswirkung des Steuersystems gedämpft.« Dieser Entwicklungen entgegen zu wirken hat die Forschergruppe um Piketty auch einige Lösungsvorschläge parat: Hohe Einkommen sollten steuerlich stärker belastet und Mindestlöhne müssten auf ein angemessenes Niveau erhöht werden. Auch stärkere Investitionen in die Bildung werden als Möglichkeit genannt, Ungleichheit zu vermindern. Ob das genügt, ist fraglich. So erklärt der Report den massiven Anstieg auch mit der größeren Bedeutung von Finanzkapital für die Einkommen von Superreichen. Dass also die Reichtumskonzentration in den Händen derer, die mehrheitlich aus Unternehmensbesitz in Form von Aktien Einkommen beziehen, ein Ende nimmt, wenn man die Besitzrechte an sich nicht in Frage stellt, kann bezweifelt werden.


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