Aus: Ausgabe vom 18.01.2018, Seite 2 / Inland

»Es ist eine Schande für den rot-grünen Senat«

Einem seit Jahrzehnten in Hamburg lebenden regierungskritischen türkischen Journalisten droht die Abschiebung. Gespräch mit Adil Yigit

Interview: Peter Schaber
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Wird er in die Türkei abgeschoben, droht ihm Haft: Der Erdogan-kritische Journalist Adil Yigit

Sie sind seit 35 Jahren in Deutschland. Dennoch will Sie die Ausländerbehörde nun in die Türkei abschieben. Warum?

In dem Ablehnungsbescheid, den ich bekommen habe, wird ins Feld geführt, dass es keinen familiären Zusammenhalt gäbe und deshalb der Familiennachzug hinfällig würde. Ich habe vier Kinder hier. Aber ich bin nicht wegen des Familiennachzugs nach Deutschland gekommen. Als ich im November um Verlängerung meines Aufenthalts ansuchte, wurde mir nur noch eine sogenannte Fiktionsbescheinigung für drei Monate ausgestellt, in denen jetzt, nach Jahrzehnten, mein Fall erneut geprüft werden soll.

Ich sehe im Hintergrund dieser Entscheidung andere Gründe: Zum Beispiel wurde mir beim G 20 die Akkreditierung als Journalist verwehrt. Ich gehöre zu den insgesamt 32 Journalisten, die nicht reingelassen wurden. Ich habe zwar vom Bundeskriminalamt danach zwei Briefe bekommen, in denen die Behörde betont, das sei ein Missverständnis gewesen. Aber ich nehme dennoch an einer Sammelklage von Journalisten teil und habe die Klage auch nach der Entschuldigung nicht zurückgenommen.

Zudem könnte die Entscheidung mit den erneuten Verbesserungen der Beziehungen zur Türkei zu tun haben. Die schmutzigen Waffendeals mit der Türkei laufen ja schon seit Jahren, aber offenbar will man diese Beziehungen derzeit noch verbessern. Und da geraten eben auch Journalisten ins Visier, die Kritik an Erdogan äußern. Bei Avrupa Postasi bringen wir viele Berichte über die Türkei, die Behörden wissen schon, wer ich bin. Ich bin nicht irgendein harmloser Journalist. Was in der Türkei los ist, was in Kurdistan los ist, das stört mich, und da will ich nicht wegsehen.

Ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass es sich um Zufall oder eine Einzelentscheidung eines Beamten handelt. Und zudem ist der ganze Vorgang eine Schande für den rot-grünen Senat in Hamburg.

Nun ist es ja nicht ungefährlich für Sie in der Türkei. Sie waren ja in der politischen Linken aktiv …

Ich war noch keine zwanzig Jahre alt, da war ich an der Berufsschule in Malatya, meinem Geburtsort, aktiv. Wir waren drei Freunde auf dem Weg zur Schule, da wurden wir angegriffen. Mein enger Genosse Ahmet Seref Satilmis starb durch einen Kopfschuss. Das war am 4. April 1978. Der andere Freund wurde am Arm getroffen, ich blieb unverletzt. Durch meine Aussage wurden zwei der Mörder, beides Mitglieder der faschistischen Partei MHP, verurteilt.

Ich bin dann auf Anraten meiner Familie nach Istanbul gegangen. 1979 haben dort Faschisten einen Sprengsatz in meine Wohnung geworfen. Ich habe die selbstgebaute Bombe in die Hand genommen und aus dem Fenster geworfen, wurde aber schwer an der Hand verletzt. Ich musste also die Türkei verlassen, weil ich zweimal dem Tod nur knapp entkommen bin. Ich bin nicht aus ökonomischen Gründen oder wegen einer Freundin nach Deutschland gekommen. Ich war in Lebensgefahr.

Was würde Ihnen drohen, wenn man Sie zwingt, in die Türkei zurückzukehren?

Was passiert, wenn sie mich abschieben, ist klar. Viele Kollegen sind wegen harmloser Artikel im Gefängnis. Ich habe Can Dündar 2015 nach Hamburg eingeladen, später auch Ahmet Sik, der jetzt in einem türkischen Gefängnis sitzt. In zwei Fällen haben mich Anwälte Erdogans angeschrieben und mich aufgefordert, Berichte zu löschen, die nach türkischem Presserecht gelöscht werden müssen. Ich habe gesagt, in Deutschland gilt das türkische Recht nicht.

Was ich damit sagen möchte: Wenn man mich zwingt, in die Türkei zurückzugehen, werde ich sicher nicht mit einem roten Teppich empfangen. Natürlich rechne ich mit Gefängnis.

Bekommen Sie Unterstützung beim Versuch, die Abschiebung zu verhindern? In Hamburg gibt es ja einen rot-grünen Senat …

Die Linke hat mich als einzige Partei eingeladen und wollte eine Anfrage zu meinem Fall stellen. Aber von der SPD oder den Grünen interessiert sich niemand für meinen Fall. Die türkischstämmigen Abgeordneten dieser Parteien haben sich bei mir gemeldet und gesagt, ich solle ihnen den Ablehnungsbescheid schicken. Das habe ich getan, aber es kam keine Antwort.

Adil Yigit lebt und arbeitet in Hamburg. Als Journalist betreibt er das Online­portal Avrupa Postasi


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