• Wochenendgespräch

Aus: Ausgabe vom 13.01.2018, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Es gibt eine große Wut auf dieses System«

Gespräch mit Ben Chacko. Über den Erfolg der Linken in Britannien, Jeremy Corbyns politischen Kurs und Herausforderungen für marxistische Medien

Interview: Interview: Stefan Huth
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Unterstützer feiern den Labour-Chef während dessen Rede auf dem Rock- und Kunstfestival in Glastonbury im Südwesten Englands (24.6.2017)

Anders als auf dem Kontinent erlebt die Linke in Britannien gegenwärtig einen bemerkenswerten Aufschwung. Das dürften gute Zeiten für fortschrittlichen Journalismus sein. Inwiefern profitiert die kommunistische Tageszeitung Morning Star von dieser Entwicklung?

Seit Jeremy Corbyn an der Spitze von Labour steht, ist unsere Auflage deutlich gestiegen, allerdings noch nicht in ausreichendem Maße. Angesichts der Tatsache, dass seine Partei Hunderttausende neuer Mitglieder gewonnen hat und die bürgerlichen Medien ihm äußerst feindlich gegenüberstehen, sind die rund 10.000 Exemplare, die wir täglich verkaufen, und die 3.000 Besucher unserer Website viel zu wenig. Dabei ist der Morning Star in Corbyns Worten »die wertvollste Stimme, die wir in der Tagespresse haben«, und mit »wir« meint er die Arbeiterbewegung. Als Parlamentsabgeordneter hatte er zehn Jahre hindurch bei uns eine wöchentliche Kolumne. Wir wissen, dass die Zeitung nach wie vor zu seiner täglichen Lektüre gehört. Sie wird auch von vielen Gewerkschaftern gekauft, liegt in vielen Gewerkschaftsbüros aus. Das heißt, sie wird von mehr Leuten gelesen, als die Verkaufszahlen suggerieren. Ende vergangenen Jahres hatten wir einen Onlinerelaunch und arbeiten zur Zeit an einer Neugestaltung der Printausgabe, sind also guter Dinge, dass wir weiter wachsen werden.

Alles in allem fühlen wir uns sehr ermutigt durch die Tatsache, dass Britannien in Europa gegenwärtig durch eine Linke heraussticht, die in der Offensive ist, die wächst und die Regierung wirklich herausfordert. Während in vielen anderen europäischen Ländern die extreme Rechte vom Zusammenbruch liberaler und sozialdemokratischer Parteien profitiert, kommt diese Entwicklung hierzulande der Linken zugute.

Ihre Arbeit stelle ich mir einigermaßen kompliziert vor: Zum einen hat die Zeitung schon aufgrund ihrer Geschichte eine große Nähe zur Kommunistischen Partei Britanniens, sie hat zahlreiche Gastautoren und ist zugleich als Genossenschaft nach eigenem Bekunden »im Besitz ihrer Leser«. Wie gelingt es Ihnen vor diesem Hintergrund, eine klare politische Linie beizubehalten?

Die Blattlinie hat sich stets an »Britanniens Weg zum Sozialismus« orientiert, dem Programm der KP. Das wird von den Lesern akzeptiert, es gibt eine jährliche Versammlung der Anteilseigner, auf der auch diese Grundlage angesprochen wird, und bislang wurde sie von niemandem in Frage gestellt. Viele Leser sind natürlich Kommunisten. Heikel wird es mitunter da, wo die Gewerkschaften ins Spiel kommen. Neun von ihnen halten jeweils die Höchstzahl an Anteilen, rund 20.000 britische Pfund, und haben damit einen Sitz im Vorstand. Mitunter nehmen sie Positionen ein, die von denen der KP abweichen.

Wird da gelegentlich Druck auf die Redaktion ausgeübt?

Es kommt immer wieder vor, dass ich mit Gewerkschaftsführern über Inhalte im Blatt sprechen muss. Sie zögern nicht, mich anzurufen, wenn sie sich über etwas geärgert haben. Das konfliktträchtigste Thema in jüngerer Zeit ist vermutlich die Debatte über den Brexit und das Verhältnis zur EU. Die KP hat da eine sehr klare Haltung. Sie rief dazu auf, beim Referendum im Juni 2016 für den Austritt aus dem Staatenbund zu stimmen, trat dafür ein, dass Britannien den EU-Binnenmarkt verlässt und sich nicht mehr dem Europäischen Gerichtshof unterwirft. Das war auch unsere Linie, vor allem wegen der Beschränkungen in Fragen öffentlichen Eigentums und wirtschaftlicher Planung, die Brüssel Britannien auferlegt. Doch die meisten Gewerkschaften waren gegen den Brexit. Beim Gewerkschaftsdachverband Trades Union Congress, TUC, gibt es eine starke Tendenz für ein Verbleiben im gemeinsamen Markt. Wir mussten in dieser Frage also großes diplomatisches Geschick an den Tag legen. Während die Redaktion selbst mit Nachdruck für ein Ausscheiden aus der EU plädierte, haben wir zugleich Artikel von Gewerkschaften veröffentlicht, die den gegenteiligen Standpunkt einnehmen. Im Vorfeld des Brexit-Referendums hatten wir nahezu dieselbe Anzahl von Artikeln beider Seiten. Das war tatsächlich der einzige Weg, um zu vermeiden, dass wir uns Feinde machten.

Hat Corbyn seine Haltung zum Brexit inzwischen geändert? Lange Zeit hatte er sich gegen einen Austritt aus der EU ausgesprochen, nun scheint er ihn zu befürworten. Wie beurteilen Sie das?

Als Hinterbänkler im Parlament galt Corbyn stets als »Euroskeptiker«, er stimmte gegen die Verträge von Maastricht und Lissabon. Als Chef von Labour mit der Frage konfrontiert, ob Britannien in der EU bleiben solle oder nicht, entschied er sich für die Mitgliedschaft, obwohl er dem Staatenbund äußerst kritisch gegenübersteht. Heute ist seine Position die, dass er das Ergebnis der landesweiten Abstimmung über diese Frage akzeptiert und auch ein erneutes Referendum ablehnt. Sein Standpunkt ist, dass das nicht fair wäre, da die Briten sich nun einmal entschieden hätten. Es gelte nun, aus dieser Entscheidung das beste zu machen.

Wenn Corbyn über die EU spricht, dann meist in Kategorien von öffentlichem Eigentum, Investitionen in Industriezweige und Subventionen, ökonomischer Planung, staatlichen Eingriffen in das Wirtschaftsgeschehen. Das alles sind Schlüsselfragen für Sozialisten, die durch die Mitgliedschaft in der EU und im Binnenmarkt blockiert werden. Dagegen spricht sich Keir Starmer, Sprecher der Labour-Partei für Brexit-Fragen, mit deutlich mehr Nachdruck für die EU-Mitgliedschaft aus. Es ist ein Problem für Corbyn, dass viele Labour-Abgeordnete deutlich rechts von ihm stehen. Das hat natürlich Einfluss auf die Positionen, die er in diesen Fragen einnehmen kann.

Trotz dieser mitunter offenen Feindseligkeiten sieht Corbyn sich nach wie vor an der »Schwelle zur Macht«. Besteht angesichts seiner zahlreichen innerparteilichen Gegner nicht die Gefahr, dass er zentrale Positionen über Bord werfen könnte, sobald er in die Downing Street Nr. 10 eingezogen ist – von seiner Haltung gegen die NATO und imperialistische Kriege bis zur geforderten Stärkung des öffentlichen Sektors?

Es gibt in der Tat alle möglichen Gefahren, vor denen wir uns in acht nehmen müssen. Seit Corbyn an der Spitze ist, gab es eine ganze Reihe von Versuchen, ihn zu einem Bruch mit seiner Vergangenheit zu bewegen. So wurden seine Kontakte zur »Stop the War Coalition«, einer britischen Friedensinitiative, angegriffen, deren Vorsitzender er viele Jahre war. Gleiches geschah im Zusammenhang mit der Kampagne für nukleare Abrüstung, CND, für die er sich engagiert oder eben mit dem Morning Star, für den er lange geschrieben hat. Er ist seinen Prinzipien immer treu geblieben und hat es stets verweigert, sich da zu distanzieren. Aber in seiner Politik hat es Kompromisse gegeben: Während Corbyn sich persönlich für nukleare Abrüstung einsetzt, fordert Labour eine Erneuerung »unserer« Atomwaffen. Auch hat sich die Partei im Unterschied zu Corbyn nicht für einen Austritt aus der NATO ausgesprochen.

Angesichts auch der Zwänge des parlamentarischen Betriebs: Sehen Sie eine Chance, dass es Corbyn gelingen könnte, sich mit seiner Linie in irgendeiner Weise gegen diese enormen Widerstände durchzusetzen?

Wir sehen seine stärkste Seite, wenn es um Widerstand gegen Kürzungspolitik geht, um öffentliches Eigentum, um ein sozialistisches Wirtschaftsprogramm. An diesem Punkt hat sich die Stimmung in der Öffentlichkeit deutlich gegen die Konservativen gewendet, die Mehrheit der Leute ist gegen Privatisierung. Das zeigt sich an der stark gewachsenen Basis der Labour-Partei. Seit Corbyns Amtsantritt ist die Mitgliederzahl von 200.000 auf 600.000 gestiegen. Die neuen Mitglieder sind oftmals sehr jung und politisch unerfahren, sie fühlen sich links – insbesondere, was Fragen der Umverteilung von Reichtum im Land betrifft – haben aber oft nur vage Vorstellungen von internationaler Politik, vom Wesen des Imperialismus ganz zu schweigen. Ich würde daher vermuten, dass eine Regierung Corbyn stärkeren Rückhalt in innenpolitischen Fragen hätte, als darin, das Land aus den imperialistischen Bündnissen herauszubrechen.

Wie erklären Sie sich den Erfolg, den Corbyn besonders bei jungen Leuten hat?

In der britischen Politik gab es eine lange Phase, in der praktisch keine Unterschiede zwischen den großen politischen Parteien existierten. Die Jahre nach der großen Wirtschaftskrise 2008/2009 waren gekennzeichnet durch einen langanhaltenden Lohnverfall und hohe Erwerbslosigkeit. Studenten verlassen die Unis mit einem Berg an Schulden und ohne vernünftige Jobperspektive. Leute meiner Generation – ich bin 33 – haben generell das Gefühl, dass es ihre Eltern leichter hatten, im Berufsleben Fuß zu fassen. Es gibt eine große Wut auf dieses System. Corbyn wird dagegen als authentisch und aufrichtig wahrgenommen – vor allem, weil er seit so vielen Jahren dieselben Standpunkte vertritt. Jemand wie Tony Blair wird dagegen mit Manipulationen und Lügen in Verbindung gebracht wird. Corbyn wird als jemand wahrgenommen, der all die Propaganda zerreißt und einfach sagt, was er denkt.

Sozialistische Lösungen sind durchaus populär – das gilt selbst mit Blick auf die USA, wie Bernie Sanders’ Wahlkampf gezeigt hat. Vorbehalte gegen die Superreichen, die Banker sind weit verbreitet, und es gibt eine Ahnung davon, dass das System nicht funktioniert. Wir in Britannien hatten Glück, dass Corbyn den Vorsitz der Labour-Partei erringen konnte und somit eine der großen etablierten Parteien jetzt von einem Antiimperialisten und Sozialisten geführt wird. In der britischen Geschäftswelt ist man sich sehr sicher, dass Corbyn wesentlich gefährlicher ist, als ein herkömmlicher Labour-Chef. Die britischen Konservativen sind daher gegenwärtig entschlossen, um jeden Preis durchzuhalten und an der Regierung zu bleiben. Obwohl es in ihren eigenen Reihen ein Patt zwischen Brexit-Befürwortern und -Gegnern gibt.

Wie kam Ihre Zusammenarbeit mit Corbyn eigentlich zustande?

Während Blairs Amtszeit (1997–2007, jW) gab es den Ausdruck »Die renitente Truppe« (the awkward squad, jW) für die echten Linken in seiner Partei, die sich seinem Kurs verweigerten und regelmäßig im Parlament gegen ihn stimmten. Corbyn war einer von diesen Leuten. Er war auch Mitglied der Socialist Campaign Group, einer Gruppe sozialistischer Parlamentarier. Sie verbrachten mehr Zeit auf der Straße als im Parlament. Das dürfte einer der Gründe dafür sein, dass Labour, seit Corbyn den Vorsitz innehat, den außerparlamentarischen Kämpfen mehr Bedeutung beimisst: Streiks, Kundgebungen, kommunaler Widerstand. In diesen Auseinandersetzungen war er jahrelang Schulter an Schulter mit KP-Mitgliedern aktiv, mit Trotzkisten und anderen Aktivisten der radikalen Linken. Er hat mit diesen Leuten stets zusammengearbeitet, hatte freundschaftliche Kontakte. So ergab es sich fast von selbst, dass er im Morning Star die Kolumne des verstorbenen Abgeordneten Tony Benn, einer bekannten Figur in der britischen Linken, gleichsam erbte. Von 2005 bis 2015 hat er für uns geschrieben.

Der Morning Star hat Corbyn während seines Wahlkampfs 2017 und auch davor schon stark unterstützt. Sehen Sie als Kommunist keine Notwendigkeit, Politik unabhängig von Labour zu machen?

Natürlich sehe ich die, sonst wäre ich ja nicht Mitglied in der Kommunistischen Partei. Was das aber konkret bedeutet, hängt vom Kontext ab. Bei Parlamentswahlen hat die KP in der Vergangenheit immer Labour unterstützt, stets aber auch ein paar eigene Kandidaten aufgestellt, zu deren Wahl der Morning Star aufgerufen hat. Doch bei der Wahl im Juni 2017 haben wir uns vorbehaltlos hinter Corbyn gestellt, weil seine Niederlage einen Rückschlag für die gesamte Bewegung bedeutet hätte. Er wäre dann als Chef der Labour-Partei abgesetzt worden. Seine Wahl für den Vorsitz hat linker Politik einen großen Auftrieb gegeben, auch der der KP. Bei der nächsten Parlamentswahl wird es sicher wieder eine Debatte über eigenständige Kandidaturen geben, aber um Wahlen geht es uns ohnehin nicht in erster Linie. Unsere Arbeit findet zumeist in den Gewerkschaften statt, auf kommunaler Ebene, das geht natürlich alles weiter.

In Ihrem Land hat es im vergangenen Jahr eine neue Welle von Arbeitskämpfen gegeben. In Birmingham, das von Labour regiert wird, gingen die Müllwerker auf die Barrikaden, es gab eine landesweite Kampagne für einen Mindestlohn bei McDonald’s. Wie ist Corbyns Verhältnis zu den Gewerkschaften heute?

Generell durchaus freundlich, wobei anzumerken ist, dass die Gewerkschaften selbst gespalten auf seine Person reagieren. Sie haben großen Einfluss darauf, was in der Labour-Partei geschieht und auch in den wichtigsten Gremien mehr als nur ein Wörtchen mitzureden. Wenn die Gewerkschaften Corbyn 2016 die Unterstützung verweigert hätten, hätte er das Misstrauensvotum nicht überstehen und unmöglich an der Parteispitze bleiben können. Traditionell stehen die Gewerkschaftsspitzen eher dem rechten Flügel von Labour nahe. Doch nachdem sie jahrzehntelang sowohl von den Konservativen als auch von der Blair-Regierung komplett ignoriert worden waren, die sich alle dem großen Geld andienten, entschlossen sie sich zu einem Kurswechsel. Ursprünglich war die Unterstützung für Corbyn wohl das Signal: Wir haben es satt! Unite, die größte Gewerkschaft des Landes, steht felsenfest an seiner Seite wie auch andere große Organisationen. Corbyns Kampf für eine Anhebung des Mindestlohns und sein Engagement für staatliche Eingriffe in die Wirtschaftspolitik finden ihren nahezu ungeteilten Zuspruch. Die Mehrzahl der Gewerkschaften ist allerdings nicht so sehr darauf erpicht, die Friedensfrage ins Zentrum zu rücken. Die Rüstungsindustrie spielt da eine zentrale Rolle, das ist immer der Knackpunkt, denn Abrüstung kostet schließlich Jobs. Es wird also sicher an einigen Punkten Konflikte geben, aber im großen und ganzen ist die Beziehung sehr eng.

Zurück zu Ihrer Zeitung: Der Morning Star wird von einem vergleichsweise jungen Team gemacht. Insgesamt arbeiten rund 30 Kolleginnen und Kollegen in Verlag und Redaktion. Welche Rolle spielen theoretische Fragen oder die Geschichte der Arbeiterbewegung in Ihrer journalistischen Praxis?

Mitunter beschweren sich unsere älteren Leser und fordern mehr Marxismus in ihrer Zeitung ein. Wir versuchen, dem zu entsprechen, haben jetzt eine zweiwöchentliche Kolumne eingeführt, die marxistische Antworten auf alltägliche Probleme gibt. Diese Beiträge sind sehr beliebt, denn es gibt ein verbreitetes Bedürfnis nach mehr Theorie. Generell klappt die Arbeit gut im Team. Das Hauptproblem ist, dass die KP klein ist. Wir beschäftigen auch Leute aus der Labour-Partei, was prinzipiell in Ordnung ist, gelegentlich aber zu Kontroversen führt, vor allem, wenn es um komplizierte internationale Angelegenheiten geht …

oder um die Geschichte der UdSSR?

Auch, aber das berührt die Leute nicht so sehr auf der emotionalen Ebene, denn das alles liegt doch schon eine ganze Weile in der Vergangenheit und ist für junge Leute eher entrückt. Klar, wenn man regelmäßig die Leserbriefseite liest, begegnen einem immer wieder wütende Zuschriften über Stalin, den Spanischen Bürgerkrieg usw. Das sind allerdings keine Kontroversen, die wir unter uns Kollegen in der Nachrichtenredaktion führen.

Zum Krieg in Syrien gab es allerdings reichlich Meinungsverschiedenheiten und Streit. Unsere Blattlinie war stets, dass die dschihadistische Revolte in Syrien von einer reaktionären, mörderischen Bewegung getragen ist, die es zu besiegen gilt. Dabei vertreten die britischen Kommunisten nicht die Auffassung, dass die Regierung Assad eine fortschrittliche Kraft ist, sondern vielmehr das kleinere Übel. Als Aleppo im Dezember 2016 von der syrischen Armee zurückgewonnen wurde, war das einer der kontroversesten Momente, denn die Zeitung sprach von »Befreiung«.

wie auch die junge Welt.

Wir wurden heftig angegriffen, im Parlament, wo uns vor allem Tory-Finanzminister George Osborne anprangerte, von allen anderen Zeitungen, es war ein regelrechter Sturm, der da über uns hereinbrach. Corbyn wurde wiederholt aufgefordert, sich wegen unserer »Pro-Assad-Haltung« von uns zu distanzieren. Die gibt es allerdings nicht. Wir sagen nur, dass er besser ist als die Leute, die er bekämpft.

Am 5. Mai wird international der 200. Geburtstag von Karl Marx begangen. Was plant Ihre Zeitung zu diesem Jubiläum?

Die »Marx Memorial Library«, eine Bibliothek im Zentrum Londons, die sich dem Marxismus widmet, koordiniert die Aktivitäten rund um den anstehenden Gedenktag. Es gibt eine lange Tradition der Zusammenarbeit zwischen dieser Einrichtung, der KP und dem Morning Star. Im vergangenen Jahr war unser gemeinsamer Schwerpunkt der 100. Jahrestag der Oktoberrevolution mit einer Reihe sehr erfolgreicher Veranstaltungen. Anlässlich von Marx’ Geburtstag wird es einen Konferenztag und diverse Feierlichkeiten geben, bei denen wir die Medienpartnerschaft und Organisatorisches übernommen haben. Außerdem planen wir eine Sonderausgabe. Alles in allem eine sehr gute Gelegenheit, den Marxismus bei der neuen Linken voranzubringen. Eine wichtige Aufgabe!

Eine Medienpartnerschaft besteht seit ein paar Jahren auch zwischen dem Morning Star, der Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek aus Luxemburg, der dänischen Tageszeitung Arbejderen und der jungen Welt. Wie sehen Sie die bisherige Zusammenarbeit?

Für uns war sie bislang außerordentlich nützlich. Es ist klar, dass es für Sozialisten und Kommunisten schwierig ist, ihre Erfahrungen länderübergreifend zu teilen, da wir über keine Nachrichtenagentur oder dergleichen verfügen. Ursprünglich hat Arbejderen den Plan zur Schaffung eines entsprechenden Büros für Sozialisten vorangetrieben, was sich leider nicht realisieren ließ, aber die Idee ist wunderbar. Es war ein sehr ambitionierter Plan vor dem Hintergrund, dass wir alle sehr kleine Redaktionen mit mehr oder weniger großen Problemen sind. Aber dennoch war die bisherige Zusammenarbeit sehr produktiv, und wir haben gleichzeitig sehr viel über die anderen Länder gelernt. Auch konnten wir immer wieder mal Artikel aus der jungen Welt übernehmen – beispielsweise zum NSU-Komplex oder zur neuen Rechtsregierung in Österreich, was sehr hilfreich war. Auch die Beilagen, die wir gemeinsam erstellt haben, etwa zum Beginn des Ersten Weltkriegs oder zum Anschluss der DDR, kamen bei unseren Lesern sehr gut an. Wir sind also sehr an einer Vertiefung und weiteren Verbesserung der Zusammenarbeit interessiert.

Ben Chacko wurde 1984 in London geboren und wuchs in Cheltenham (Gloucestershire) als Sohn einer englischen Mutter und eines indischen Vaters auf. Er trat 1999 dem Jugendverband Young Communist League bei, wurde danach Redakteur bei dessen Zeitschrift Challenge und später Vorsitzender des Verbandes. Er studierte in Oxford Chinesisch und lebte anschließend drei Jahre in China. 2010 begann seine Mitarbeit beim Morning Star, 2015 wurde er dessen jüngster Chefredakteur seit William Rust (1903–1949), der das Amt bei der Gründung der Zeitung als Organ der KP Britanniens 1930 innehatte. Er ist Mitglied der KP und hat einen Sitz in ihrem politischen Ausschuss.

Ben Chacko… ist Chefredakteur der marxistischen Tageszeitung Morning Star mit Sitz in London. Er ist Teilnehmer der XXIII. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin


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