Aus: Ausgabe vom 13.01.2018, Seite 8 / Ansichten

Obsthändler des Tages: Bundesregierung

Bundespraesident_Ste_55669948.jpg

Am Abend auf dem Nachhauseweg ruft der Obsthändler immerwährend dieselbe vermeintliche Neuigkeit: »Zwei Schalen Erdbeeren, jetzt nur noch einen Euro!« Im Laufe des Tages hat sich der Preis halbiert. Alles muss raus, sonst sind die Früchte am nächsten Morgen Matsche.

Kurz vor der Bundestagswahl wollte die Bundesregierung keine klebrigen Finger bekommen. Im August hatte sie der pleite gegangenen Fluglinie Air Berlin einen Kredit über 150 Millionen Euro gewährt – um deutsche Urlauber nicht im Ausland versauern zu lassen – wie die heldenhafte Begründung der Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) lautete. Die Kanzlerin hatte die besorgte Bevölkerung beruhigt: »Wir können mit großer, großer Wahrscheinlichkeit sagen, dass der Steuerzahler das nicht bezahlen muss.«

Dies war, höflich gesagt, eine Fehleinschätzung. Bisher hat der Bund lediglich 61 Millionen Euro wiederbekommen, antwortete das Wirtschaftsministerium auf eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion am Freitag. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt: »Es wird von weiteren Rückzahlungen ausgegangen«, gab man in Berlin bekannt.

Aus dem Umfeld von Air Berlin wollte das Handelsblatt am Freitag hingegen erfahren haben, dass man gedenke, nur die Hälfte des Geldes zurückzuzahlen. Die Bundesregierung habe den Fehler begangen, als Pfand für den Kredit die Air-Berlin-Tochter Niki anzuerkennen. Aber hoppla, auch die ging pleite – und futsch ist das Geld. Kein möglicher Käufer sei nach der Insolvenz von Niki bereit, das komplette Unternehmen, samt Verbindlichkeiten und seinen 1.000 Mitarbeitern zu übernehmen, sagte Insolvenzverwalter Lucas Flöther. Nichts kriegen Merkel und Co. Selbst das Inventar fließe in die Insolvenzkasse von Niki – und die ist für die Kanzlerin tabu. Am Abend hingen den Füchsen auf der Regierungsbank die Trauben zu hoch. (sz)


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Ansichten