Aus: Ausgabe vom 12.01.2018, Seite 15 / Feminismus

Die Nicht-Selbstmörderin

Der lange Weg zur »Tatort«-Kommissarin: Adele Neuhauser, die auch eine renommierte Theaterschauspielerin ist, hat ein autobiographisches Buch vorgelegt

Von Gisela Sonnenburg
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Als Bibi Fellner, Mitarbeiterin der Wiener Mordkommission, vorher bei der »Sitte« und trockene Alkoholikerin, hat die wunderbare Adele Neuhauser die Herzen der »Tatort«-Fans im Sturm erobert

Manchmal ist das Wort »Memoiren« angebracht. Zum Beispiel für das Buch »Ich war mein größter Feind« von Adele Neuhauser, die darin erzählerisch, aber nicht chronologisch, aus ihrem Leben berichtet. Denn in dem Begriff steckt das Memorieren, das lebendige Erinnern. Und die Art, wie die Charakterdarstellerin sich erinnert, wirkt so plastisch, als säße sie einem plaudernd bei einem Pott Kaffee gegenüber. Dem Brandstätter-Verlag, der ihre Geschichte herausbrachte, klang »Memoiren« hingegen wohl zu nostalgisch. Er untertitelt das Buch als Autobiographie. Das suggeriert eine gewisse Struktur. Doch der Band ist anders gestrickt. Assoziative Muster herrschen vor, statt kalter Daten stehen Personen im Mittelpunkt.

Neuhausers Jugenderinnerungen sind außergewöhnlich und werden mit Witz, manchmal mit doppeldeutigem Hintersinn kommentiert. So begann die 1959 in Athen geborene und ab ihrem vierten Lebensjahr in Wien aufgewachsene Schauspielerin schon mit zehn heimlich mit dem Rauchen. Ihre Mutter verabreichte ihr ab dem zwölften Lebensjahr auch noch die Antibabypille. Nach dem neunten Geburtstag ging sie zum Ballettunterricht. Vielleicht wäre sie sogar Berufstänzerin geworden, hätte nicht eine Verletzung an der Achillessehne ein jähes Ende des Profitrainings als Elevin in Wien erzwungen. Adele folgte aber einem Hinweis des Ballettlehrers – und wählte das Kugelstoßen als Sportart. Nicht gerade »niedlich«, aber durchaus typisch für die burschikos-schlaksige Brünette mit den blitzenden dunklen Augen.

Ihre weiteren optischen Besonderheiten spielen im Buch nur auf zahlreichen Fotos eine Rolle. Denn Komplexe hatte Neuhauser nie. Äußerlich und vom Charakter her ist sie für die Darstellung skurriler, origineller, aber auch schwieriger Persönlichkeiten prädestiniert. Als Bühnenstar beeindruckte sie durch ihre androgyne Ausstrahlung. So spielte sie am Theater Münster sechs Jahre lang den Part des Mephisto in Goethes »Faust«. Mit kahlem Schädel und maliziöser Stimme ließ sie das Publikum die »Magie des Theaters« erleben, eines Reichs, dem sie ganz angehört. Denn Schauspielerin, schreibt sie, wollte sie schon als Sechsjährige werden: »Woher der Wunsch kam, kann ich nicht sagen. Das war ein kosmischer Auftrag, ich war so sicher, dass das für mich das Richtige ist.«

Kunst und Kultur sind für sie ohnehin lebensnotwendig. Als Österreicherin mit griechischem Vater, bei dem sie nach der Trennung der Eltern aufwuchs, fühlt sie sich als Weltbürgerin. Kleinkariertes Denken war ihre Sache nie. Vielmehr prägt Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Ideen ihren Lebenslauf. Sie arbeitet mit weniger bekannten Film- und Theaterleuten wie Andreas Hänsel ebenso gern zusammen wie mit Starregisseuren, unter ihnen war auch Rainer Werner Fassbinder.

Mann und Sohn erlebten turbulente Zeiten mit ihr: Tourneetheater, feste Engagements und harte Zeiten, in denen sie mit jedem Pfennig rechnen musste, wechselten. Bis Neuhauser als »Tatort«-Kommissarin Bibi Fellner ab 2010 einem Millionenpublikum im deutschsprachigen Raum bekannt wurde. Ihre daraus resultierende soziale Sicherheit genießt sie bewusst.

Erst spät entschloss Neuhauser sich, über ein kritisches Kapitel ihres Lebens zu sprechen: Bis zu ihrem 21. Lebensjahr hat sie sechsmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Zum Glück fasste sie danach den Entschluss, leben zu wollen. Sie wurde eine energische Nicht-Selbstmörderin. Heute spricht sie über die tückischen Abgründe der Seele, statt in sie hineinzufallen. Voraussetzung für diese Heilung war allerdings die Erkenntnis, dass ihre »extremen Mutproben«, so nennt sie ihre Suizidversuche, ihre Art waren, mit der Trennung ihrer Eltern umzugehen. Sie hatte sich entschieden, danach beim Vater zu leben, fühlte sich deshalb aber schuldig der Mutter gegenüber.

Adele Neuhauser: Ich war mein größter Feind. Brandstätter-Verlag, Wien 2017, 216 Seiten, 21,90 Euro


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