Aus: Ausgabe vom 12.01.2018, Seite 10 / Feuilleton

Amüsieren im Bunker

Die Hälfte der Einnahmen geht an Sicherheitsfirmen: Charlie Hebdo drei Jahre nach dem Anschlag

Von Hansgeorg Hermann
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Ganz normal leben? Bilder von Anschlagsopfern am früheren Redaktionsgebäude

Nichts ist mehr wie früher, nichts mehr wie vor dem mörderischen Anschlag vom 7. Januar 2015. Seit drei Jahren weinen die überlebenden Journalisten der Pariser Satirezeitung Charlie Hebdo um ihre zwölf Kollegen, Opfer eines von sogenannten Dschihadisten verübten Überfalls auf die Redaktion. Seit drei Jahren haben sie das verloren, was der Normalbürger Bewegungsfreiheit nennt: kein Schritt mehr ohne Personenschutz, keine Minute mehr ohne die Männer und Frauen mit dem Schießeisen an der Hüfte und dem Walkie-Talkie im Anschlag. Die Übriggebliebenen stellten sich zum tristen Jahrestag die Frage: Kann das Blatt überleben?

Bisher kann es. Auch wenn der Versuch, steilen französischen Humor ins Deutsche zu übertragen und eine Art germanische Charlie-Version herauszugeben, auf eine Schnapsidee zurückging und fehlschlug – im politisch links angesiedelten Paris mit hoher Intellektuellendichte verkaufen Chefredakteur Laurent Sourisseau, Künstlername »Riss«, und seine Kollegen bisweilen immer noch an die 30.000 Charlie-Ausgaben pro Woche. Nicht, weil das Blatt so toll gemacht wäre und die Karikaturen besondere Qualität hätten, sondern weil die Pariser dem schwerkranken Patienten die Hand halten. »Riss« und Corinne »Coco« Rey sind an jenem blutigen Januartag noch einmal davongekommen, wirklich am Leben sind sie seither wohl nicht mehr.

Was Charlie furchtbar fehlt, sind neue Leute, junge Kollegen, vor allem aber Ideen, die mit dem Tod eines Dutzends kaum zu ersetzender Zeichner und Karikaturisten abhanden gekommen sind. Bisher jedenfalls. Das Problem, das die Personalchefin der Zeitung neulich anonym schilderte: Es gibt ausreichend Nachwuchs im Metier, aber die Last eines Privat- und Berufslebens unter Morddrohungen und Polizeiaufsicht will niemand tragen. 35.238 Journalisten arbeiten gegenwärtig in Frankreich, »alle können ganz normal leben«, schrieben am Mittwoch die Kollegen der satirischen Wochenzeitung Canard enchainé in einem Solidaritätsartikel. »Sie können sich mit Bekannten treffen, schnell mal in ein Taxi springen, die Metro nehmen, ihren Kaffee in einem Straßencafé trinken – alle mit Ausnahme der Leute von Charlie Hebdo

Die Zeitung überlebt wirtschaftlich, weil auf dem Kamm jener Sympathiewelle, die dem schlimmen Attentat folgte, mehr als 200.000 Franzosen ein Charlie-Abonnement abschlossen und pro Woche mehr als 100.000 Exemplare an den Kiosken verkauft wurden. Die schätzungsweise 20 Millionen Euro, die damals eingenommen wurden, sind heute die finanzielle Basis.

Im Editorial schilderte »Riss« in der vergangenen Woche, wie die Redaktion das Geld heute hauptsächlich an hochbezahlte private Sicherheitsunternehmen weiterreicht: Von den drei Euro pro Zeitung gehen 1,30 Euro an Auslieferung und Verkauf, bleiben 1,70 Euro für die Honorare der Journalisten und die »Sicherheit«. 15.000 Charlies pro Woche, mindestens 800.000 im Jahr, müssen »Riss« und Kompanie loswerden, »nur um die Sicherheit des Redaktionsgebäudes zu finanzieren«.

Abonnements werden kaum noch verkauft, wenige wollen eine Zeitung in ihrem Briefkasten, deren bloße Lektüre ebenso von Morddrohungen begleitet wird wie ihre Herstellung. »Man kann Charlie nicht mögen«, gestanden die Kollegen vom Canard, »mit all seinen Obsessionen und Kämpfen. Man kann ihn kritisieren und ihn vor Gericht zerren. Für seine Zeichnungen hatte ›Cabu‹ (der ermordete Karikaturist Jean Cabut, jW) 20 Prozesse am Hals, er hat sie fast alle verloren. So sind die Spielregeln – er hat sie ohne zu klagen akzeptiert. Doch wie soll man Morddrohungen akzeptieren? Wie den Diskurs jener, die inzwischen hören lassen, die Drohungen seien im Grunde genommen legitim?«

Charlie ist nach allgemeiner Einschätzung wohl dabei, nicht »den Gegner totzulachen«, wie die Kölner Politrockgruppe Floh de Cologne den Begriff Satire einst definierte, sondern sich selbst. Die Redaktion sieht das anders. »Natürlich haben wir Angst«, sagte Charlie-Redakteur Fabrice Nicolino neulich, »aber wir amüsieren uns prächtig«.


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Je suis Charlie Hebdo Der Anschlag und seine Folgen

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