Aus: Ausgabe vom 12.01.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Verzögertes Verfahren

Erste Zeugenaussage im Loveparade-Prozess

Von Markus Bernhardt
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Prozessbeobachter und Prozessbeteiligte am 03. Januar im Gerichtssaal in Düsseldorf

Im Loveparade-Prozess hat die erste Zeugin berichtet, wie sie vor sieben Jahren in Duisburg in das tödliche Gedränge geriet. Ihre Schwester habe sich auf dem Loveparade-Gelände an einer Glasscherbe die Hand verletzt, berichtete die 31jährige Auszubildende am Donnerstag. Auf der Suche nach medizinischer Hilfe sei sie dann mit ihr in das Gedränge geraten. Eine Kette aus Polizisten habe sie am Verlassen des Geländes gehindert. Die Kette sei dann auseinandergerissen worden, und das Gedränge habe zugenommen. Ihre Schwester habe noch gefleht: »Halt meine Hand fest, lass ja nicht los.« Doch dann sei sie dennoch weggerissen worden. Beim Versuch, eine Treppe an der Zugangsrampe zu erreichen, sei sie gestürzt. Menschen hätten auf ihr gelegen. »Links von mir lag ein junges Mädchen und rief: ›Hilf mir, hilf mir.‹ Aber das ging nicht. Ich konnte mich selbst nicht befreien, weil Menschen auf mir lagen. Es wurde immer schwerer. Weiter weiß ich nicht mehr, ich bin dann im Krankenhaus auf der Intensivstation wach geworden«, sagte die Duisburgerin.

Im Rahmen des Verfahrens sollen die Ereignisse bei der Loveparade aufgearbeitet werden, bei der am 24. Juli 2010 insgesamt 21 Menschen aufgrund einer Massenpanik zu Tode kamen und mindestens 652 Menschen verletzt worden waren, viele schwer. Zwar hatte der Prozess bereits Anfang Dezember des letzten Jahres begonnen, es kam jedoch bisher zu derart vielen Anträgen der Verteidiger der zehn Angeklagten, dass diese von Nebenklageanwälten bereits bezichtigt wurden, eine Verzögerungstaktik betreiben zu wollen. Die Vorwürfe verjähren spätestens am 27. Juli 2020, so dass das Gericht bis zu diesem Tag ein Urteil gesprochen haben muss. Aktuell sind 111 Verhandlungstage angesetzt, die bis Ende 2018 stattfinden sollen. Auf Kritik bei den Verteidigern der Angeklagten stößt unterdessen vor allem, dass viele Verantwortliche für die Tragödie nicht auf der Anklagebank zu finden sind.

Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft gegen insgesamt 16 Beschuldigte, darunter – neben Mitarbeitern der Loveparade-Veranstaltungsfirma Lopavent und der Duisburger Stadtverwaltung – auch gegen Polizeibeamte ermittelt. So forschte die Anklagebehörde etwa beim damaligen polizeilichen Einsatzleiter Kuno S. nach. Der Polizeiführer war zu Beginn der Massenpanik mit dem damaligen nordrhein-westfälischen Innenminister Ralf Jäger (SPD) auf dem Festivalgelände unterwegs und hätte die Tragödie unter Umständen verhindern können. Zumindest, wenn er zwischen 15.30 und 16.00 Uhr die Polizeikette am Tunnel, wo die Massenpanik ausgebrochen war, mit zusätzlichen Beamten hätte verstärken lassen. Andere Polizeibeamte, die damals bei der Loveparade eingesetzt waren, untermauerten dies bei ihren Vernehmungen. Unter anderem sollen sie moniert haben, dass der damalige Ministerbesuch ablenkend auf sie gewirkt und den Einsatzverlauf gestört habe.

Mehrere Verteidiger der insgesamt zehn Angeklagten kritisierten während der bisherigen Verfahrenstage, dass die Polizei »aus der Verantwortung herausgehalten« werde. Die Anklage sei »eine Verteidigung der Verantwortlichen der Polizei und des Innenministeriums«, sagte ein Anwalt. Hingegen hatten verschiedene Medien bereits im Mai 2011 über einen mehr als 400 Seiten umfassenden Bericht der Staatsanwaltschaft Duisburg vom Januar des gleichen Jahres berichtet. Darin sollen schwerwiegende Vorwürfe gegen die damals eingesetzten Polizisten erhoben worden sein. Unter anderem von Ausfällen beim polizeilichen Funkverkehr und außerplanmäßigen Schichtwechseln soll darin die Rede gewesen sein. Warum sich daraus keine Anklagen gegen eingesetzte Beamte ergeben haben, ist fraglich. (Mit Material von dpa)


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