Aus: Ausgabe vom 11.01.2018, Seite 15 / Medien

Drohendes Aus für Wiener Zeitung

Das Blatt erscheint seit 1703. Jetzt könnte es der »Spar«-Politik zum Opfer fallen

Von Daniel Jamritsch
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Bald eine weniger? Zeitungsverkäufer in der Wiener Innenstadt 2017

Vor mehr als 310 Jahren als Wiennerisches Diarium gegründet, gilt die Wiener Zeitung als älteste noch erscheinende Tageszeitung der Welt. Dass sie zu 100 Prozent der Republik Österreich gehört, könnte ihr nach dem Antritt der neuen Regierung zum Verhängnis werden. »Sparen« lautet die von der rechten Regierung ausgegebene Losung auch im Medienbereich.

Finanzielle Basis der Zeitung ist ihre Funktion als Amtsblatt, ein guter Teil des Umsatzes entsteht über die sogenannte Pflichtveröffentlichung von Staat und Unternehmen, wie etwa Ausschreibungen öffentlicher Stellen. Nun legen ÖVP und FPÖ in ihrem neuen Regierungsprogramm die »Streichung der Pflichtveröffentlichung in der Wiener Zeitung« fest, womit deren wesentliche Einnahmequelle versiegen würde. Ein potentieller Verlust, den das Tagblatt mit gewöhnlichen Abo- und Inserateneinnahmen nicht auffangen kann: Schätzungen zufolge erzielt es bis zu 90 Prozent seines Umsatzes aus den Pflichtveröffentlichungen.

Zwar verfügt die Wiener Zeitung mit einer Auflage von maximal 45.000 Exemplaren über eine relativ geringe Reichweite auf dem Zeitungsmarkt. Doch ihre sachliche und unvoreingenommene Berichterstattung bildet einen unverzichtbaren Gegenpol zum rechten Mainstream der in Österreich stark vertretenen Boulevard-Blätter Krone, Heute und Österreich. Die medienpolitischen Pläne der Regierung von Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und dessen Vize Heinz-Christian Strache (FPÖ), die sich auf eben diesen Boulevard stützt, seien eine Bedrohung für die die Informationsfreiheit und -vielfalt im Lande, so der Vorwurf von Journalistenvereinigungen.

Ob und in welcher Form die Wiener Zeitung weitergeführt wird, ist derzeit noch Verhandlungsthema von ÖVP-Medienminister Gernot Blümel und dem Aufsichtsrat des Zeitungsverlages. Grund zum Optimismus besteht angesichts der geplanten ressortübergreifenden Kahlschlagpolitik von ÖVP und FPÖ jedoch kaum. Wohin die Verhandlungen führen könnten, zeigt der in den Salzburger Nachrichten veröffentlichte Vorschlag, die Wiener Zeitung an den österreichischen Milliardär und Red-Bull-Mogul Dietrich Mateschitz zu verkaufen. Fest steht: Für Österreichs Medien- und Kulturlandschaft hat sich der »neue Kurs« der rechten Regierung binnen weniger Tage in gefährlicher Weise bemerkbar gemacht.


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