Aus: Ausgabe vom 06.01.2018, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Der Schöne Berg von Canudos

Weil sich die Armen nicht helfen dürfen: Die Niederschlagung der Bauernrevolte im brasilianischen Sertão 1896/1897.

Von Gerd Bedszent
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Erst im vierten Anlauf gelang es 1897 der brasilianischen Armee, die Verteidiger von Canudos niederzuringen

»Es wird regnen einen großen Sternenregen und das wird sein das Ende der Welt. Im Jahre 1900 werden die Lichter verlöschen.«

Prophezeiung des Antonio Conselheiro

»Jener Feldzug mutet an wie ein Rückfall in die Vergangenheit. Und er war – im vollen Sinne des Wortes – ein Verbrechen. Prangern wir es an.«

Euclides da Cunha

Die Niederschlagung der Bauernrevolte von Canudos im Bundesstaat Bahia dauerte fast ein Jahr, begann am 6. November 1896 und endete am 5. Oktober 1897 mit der vollständigen Zerstörung der Siedlung. Am letzten der vier Feldzüge des Militärs nahmen etwa 10.000 Soldaten und Offiziere teil, damals fast die Hälfte der Streitkräfte der Republik Brasilien. Nach offiziellen Angaben starben auf Regierungsseite 1.046 Menschen, fast ausschließlich Militärs. Von den (geschätzt) 20.000 bis 30.000 Landbesetzern überlebten nur wenige hundert. Die Ruinen der Siedlung befinden sich heute auf dem Grund eines Stausees – eine Nachbargemeinde nahm später den Namen »Canudos« an.

Verspäteter Weg in die Moderne

Die Küstenregionen Brasiliens wurden zu Beginn des 16. Jahrhunderts vom Königreich Portugal erobert, einheimische Stämme dabei versklavt, vertrieben oder ausgerottet. Versuche anderer Mächte, den Portugiesen die geraubten Ländereien streitig zu machen, hatten keinen Erfolg. Die Wirtschaft der Kolonie beruhte hauptsächlich auf dem Anbau tropischer Agrarprodukte – bereits um das Jahr 1600 war Brasilien der weltweit bedeutendste Produzent von Rohrzucker. Später kam der Anbau weiterer Produkte, wie Kakao und Kaffee, hinzu. Die Portugiesen verschleppten zahlreiche Afrikaner über den Atlantik, die unter mörderischen Bedingungen auf den Pflanzungen Sklavenarbeit leisten mussten. Von adligen Grundbesitzern ausgerüstete Banden drangen nach und nach in Landesinnere vor, vernichteten weitere indigene Völker und eigneten sich deren Territorien an. Andere Ethnien fielen von den Europäern eingeschleppten Krankheiten zum Opfer.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gerieten Portugal und seine überseeischen Kolonien in zunehmende Abhängigkeit von der damaligen kapitalistischen Weltmacht Großbritannien. Europäische Einwanderer brachten neue Ideen ins Land. Bestrebungen des in Brasilien langsam wachsenden Bürgertums, sich von der wirtschaftlichen Umklammerung durch Ausrufung der Unabhängigkeit zu befreien, beantwortete das Herrscherhaus mit einer Flucht nach vorn: Im Jahre 1822 ernannte ein portugiesischer Prinz sich zum Kaiser Pedro I. des selbständigen Staates Brasilien.

An den wirtschaftlichen Verhältnissen im Lande änderte sich während der kurzlebigen Monarchie kaum etwas. Das hauptsächlich von einer Kaste sklavenhaltender Großgrundbesitzer gestützte Kaiserreich wurde von einer ganzen Kette von Sozialrevolten erschüttert. In verschiedenen Landesteilen entstanden separatistische Bewegungen; das kurze Zeit vorher eroberte Gebiet des heutigen Staates Uruguay spaltete sich wieder ab. Besonders in den Küstenstädten erstarkte die bürgerliche Opposition, welche auf Industrialisierung setzte, verbunden mit einer Modernisierung der Plantagenwirtschaft.

Es half dem neuen Herrscher Pedro II. nicht, dass er sich unter dem Druck der bürgerlichen Opposition schließlich ab 1850 bequemte, schrittweise die Sklaverei aufzuheben. Brasilien steckte damals infolge eines Preisverfalls für Agrarprodukte auf dem Weltmarkt in einer Wirtschaftskrise, und die freigelassenen, aber völlig mittellosen Sklaven verstärkten nun das Heer der Arbeitslosen. Der Militärputsch des Jahres 1889 beendete das anachronistisch gewordene Kaiserreich. Die meuternden Generäle und Offiziere erklärten den Herrscher für abgesetzt, proklamierten die Republik und schickten sich an, die feudal zurückgebliebenen Gebiete des Landesinneren im kapitalistischen Sinne zu modernisieren. Die Methoden, mit denen sie dabei vorgingen, waren keineswegs fein.

Im Zeichen der Dürre

Im späten 19. Jahrhundert wurden große Teile der Erdbevölkerung Opfer mörderischer Dürrekatastrophen – beispielsweise verhungerten damals im britisch regierten Indien und im Kaiserreich China mehrere Millionen Menschen. In Brasilien traf dieser Einbruch der Dürre vor allem die unfruchtbaren und traditionell unterentwickelten Steppengebiete und Halbwüsten des Sertão im Nordosten des Landes. Die Oberschicht der frischgebackenen Republik, in dieser Zeit ohnehin von den Auswirkungen einer Wirtschaftskrise geschüttelt, unternahm keinerlei Anstrengung, den sozialen Auswirkungen der Naturkatastrophe in irgendeiner Weise zu begegnen. Die Regierung konzentrierte ihre Bemühungen – ganz im Sinne der liberalen Ideologie – auf die wirtschaftlich entwickelten Regionen des Südens.

Von der Dürre ausgelaugte Gebiete, die anscheinend nichts mehr hergaben, wurden sowohl von den Behörden als auch von der Grundbesitzerkaste sich selbst überlassen. Der Ansturm ruinierter Kleinpächter und mittelloser Landarbeiter auf die Küstenstädte wurde mit militärischer Gewalt ausgebremst, indem man die wenigen Straßen zur Küste blockierte.

Unter den Sertanejos fiel unter diesen Bedingungen allgemeiner Hoffnungslosigkeit eine Endzeitideologie auf fruchtbaren Boden. Wanderprediger durchzogen das Landesinnere, verkündeten ein krudes Gemisch aus volkstümlichen Katholizismus und Glauben an eine Wiederkehr des ­verlorenen Königs Sebastian, der dann ein tausendjähriges Reich der allgemeinen Glückseligkeit errichten würde.1 Die messianistischen Propheten verkündeten aber nicht nur den bevorstehenden Weltuntergang. Sie nahmen in diesen von Regierung und Grundbesitzern faktisch aufgegebenen Regionen auch eine wichtige soziale Funktion war, indem sie die Leute zur Selbsthilfe ermutigten. In ihren Predigten riefen sie dazu auf, Brunnen zu graben, Friedhöfe instand zu halten und von Großgrundbesitzern aufgegebene Ländereien zu bestellen. Das wurde während des Kaiserreichs zwar im Regelfall von den Eigentümern geduldet. Nach Ausrufung der Republik widersprach eine solche Selbsthilfe jedoch den Grundsätzen liberaler Ideologen, die darin einen Angriff auf das geheiligte Eigentumsrecht sahen.

Der Kaufmannssohn und ehemalige Lehrer Antonio Vicente Mendes Maciel, den seine Anhänger Antonio Conselheiro (in etwa: »Antonio der Ratgeber«) nannten, war nur einer der vielen barfüßigen Endzeitprediger, die damals den ausgedörrten Nordosten Brasiliens durchstreiften. Er war wohl aber einer der erfolgreichsten. Als Conselheiro sich in seinen Predigten dazu verstieg, die Eintreibung von Steuern bei bettelarmen Subsistenzbauern und Kleinhändlern als »republikanische Sklaverei« anzuprangern, sicherte ihm das den Beifall der Bevölkerung – und brachte ihm eine Anzeige wegen Aufruhr ein. Eine eigens zu seiner Festnahme entsandte Polizeieinheit stieß allerdings auf den energischen Widerstand der Sertanejos und musste unter Zurücklassung mehrerer Toter wieder abziehen. Damit war der obskure, als halbverrückt geltende Endzeitprediger zum Staatsfeind geworden.

Ein Selbsthilfeprojekt

Wann genau Antonio Conselheiro mit seiner Jüngerschaft das unstete Umherziehen aufgab und sich in der vergleichsweise winzigen Siedlung Canudos im Hinterland des Bundesstaates Bahia niederließ, ist nicht bekannt. Etwa zu Beginn des Jahre 1893 besetzten Conselheiros Anhänger jedenfalls zwei bewohnte, aber vom Eigentümer nicht genutzte Fazendas (Landgüter) und schickten sich an, den knochentrockenen Äckern mit bloßen Händen einen Ertrag abzugewinnen. Und dies nicht ohne Erfolg. Tausende strömten nun in Richtung dieser Arche inmitten einer Welt des Hungers. Die Siedlung wuchs und wuchs. Eine rudimentäre Selbstverwaltung übernahm die Funktion republikanischer Behörden, die es in dieser Region überhaupt nicht gab. Eine »Guarda Católica« sorgte für die Aufrechterhaltung von Ordnung und schlichtete Streitigkeiten unter den Bewohnern.2 Es gab eine Schule mit allerdings nur einer Lehrerin sowie einen Heilpraktiker. Und es gab Handel und Austausch mit den Nachbargemeinden.

Eine – wie es gelegentlich in linker Publizistik heißt – kommunistische Gütergemeinschaft bestand in Canudos allerdings nicht. Auf den besetzten Ländereien wurde zwar gemeinschaftlich Ackerbau betrieben. Daneben existierten aber auch privat bestellte Kleinparzellen, private Handwerksbetriebe und ein Marktplatz. Von einer Abschaffung von Privateigentum und Geld konnte in der Siedlung auch nicht in Ansätzen die Rede sein. Es handelte sich bei dem Siedlungsprojekt Belo Monte (»Schöner Berg«) – wie es von Conselheiro in seinen Predigten meist betitelt wurde – nicht um ein soziales Experiment, sondern um aus der Not geborene bäuerliche Selbsthilfe. Diese wiederum resultierte aus der völligen Abwesenheit staatlicher Strukturen und Hilfsprogramme.

Das bäuerliche Selbstverwaltungsprojekt war stark religiös geprägt und strukturiert. Zentrum des Ortes war die selbsterbaute Kirche. Alle Bewohner waren gehalten, am Gottesdienst teilzunehmen. Die republikanischen Institutionen und insbesondere ihre Steuerbehörden wurden rigoros abgelehnt. Die Feinde der Siedlung galten abwechselnd als »Freimaurer«, »Protestanten« oder schlicht als »Antichrist«.

Conselheiro lässt sich nicht mit einem modernen Guru vergleichen, der die Siedlung absolut beherrschte. Er war zumindest in den Anfängen der Landbesetzung zweifelsfrei eine ideologisch bestimmende Figur, um die sich landlose Bauern, Hirten ohne Vieh, in die Armut entlassene Sklaven und Reste indigener Stämme sammelten. Später, als sich sein Gesundheitszustand offensichtlich schon rapide verschlechtert hatte, ging ein Teil seines Einflusses an eine Führungsmannschaft mit der Bezeichnung »Die zwölf Apostel« über, hauptsächlich enge Vertraute des Predigers. Auch war niemand gezwungen, in der Siedlung zu bleiben – wer wollte, konnte sie ohne weiteres verlassen. Jedenfalls solange, bis sich der Belagerungsring um Canudos schloss.

Als erste Nachrichten über die im Sertão entstandene Selbstorganisation der Dürreflüchtlinge die Behörden erreichten, entschlossen sich diese, eine autonome Verwaltungsstruktur auf dem Territorium der Republik keinesfalls zu dulden. Die bürgerliche Presse überschlug sich förmlich mit Berichten über die Greueltaten religiöser Fanatiker, die im Bunde mit ausländischen Mächten die gerade überwundene ­Monarchie zurückholen wollten. Die sozialen Ursachen der Landbesetzung spielten in dem medialen Vernichtungsgeschrei keine Rolle. Am 6. November 1896 wurde eine erste Einheit des Militärs in den Sertão geschickt. Damit begann der Krieg.

»Os Sertões« – das Buch

Als Standardwerk zur Canudosforschung gilt das Werk »Os Sertões« (Deutsche Ausgabe: »Krieg im Sertão«). Dessen Autor Euclides da Cunha war zum Teil sogar Augenzeuge der von ihm geschilderten Ereignisse. Ursprünglich Militär und wegen antimonarchistischer Aktivitäten während des Kaiserreiches geschasst, hatte er sich danach als Ingenieur und freier Journalist durchgeschlagen. Bei letzterer, wenig erfolgreichen Tätigkeit erwies er sich als leidenschaftlicher Parteigänger der Republik und der Prinzipien bürgerlicher Aufklärung. Bei Beginn der Unruhen im Sertão nahm er entsprechend seiner politischen Haltung für die Republik und gegen die vorgebliche klerikal-reaktionäre Verschwörung Partei. Anders als die Mehrzahl der Journalisten beschränkte er sich jedoch nicht darauf, aus sicherer Entfernung papierne Giftpfeile zu verschießen, sondern schloss sich selbst der (vierten) Strafexpedition des Militärs nach Canudos an. Seine Erlebnisse bewirkten eine Wandlung seiner Ansichten. Angewidert von den Massenmorden der Soldaten an wehrlosen Gefangenen und unbewaffneten Zivilisten, entschloss er sich zu einer realistischen Darstellung der Geschehnisse. Das wenige Jahre später erschienene Buch machte den Autor mit einem Schlag berühmt und verschaffte ihm bis heute einen Ehrenplatz in der brasilianischen Nationalliteratur.

Das Werk ist für den heutigen Leser schwer verdaulich. Seitenlange Beschreibungen der Landschaften und des heimischen Menschenschlages wechseln sich ab mit philosophischen Erörterungen und kaum nachvollziehbaren Analogien. Abstoßend wirken vom heutigen Standpunkt aus die schier endlosen Spekulationen des Autors über den »rassischen Typus« der Sertanejos. Da Cunha blieben die sozialen Hintergründe des Aufstandes weitgehend verschlossen. Er versuchte vielmehr – ausgehend von abstrusen, aber damals gerade modernen Theorien – die Ereignisses von Canudos mit der spezifischen, infolge »Rassenmischung« entstandenen Veranlagung der Bevölkerung des Landesinneren zu erklären. Man kann dem Autor weiterhin zum Vorwurf machen, dass er die Sozialstruktur der kurzlebigen Gemeinde nur ungenügend durchleuchtet hat und dass ihm auch grobe sachliche Fehler unterlaufen sind – sein modernistisch-rassistisches Weltbild ließ wohl keine andere Sichtweisen zu. Interessant ist das Werk dennoch. Und eine nicht zu unterschätzende Quelle für die Rekonstruktion der damaligen Geschehnisse.

Bis zum letzten Haus

Dass die bäuerliche Selbstverteidigung von Canudos sich so lange gegen das brasilianische Militär behaupten konnte, gehört zu den vielen Merkwürdigkeiten der Ereignisse. Die damals behauptete Unterstützung der Landbesetzer durch ausländische Mächte hat es jedenfalls nie gegeben. Eine erste Strafexpedition, bestehend aus einer Kompanie Soldaten und einem Offizier, erreichte den Ort jedenfalls nicht und musste sich geschlagen zurückziehen. Als zweite Strafexpedition entsandte man ein Bataillon, das aber ebenfalls besiegt umkehren musste. Die dritte Strafexpedition bestand schon aus einem ganzen Regiment mit einem Oberst an der Spitze. Doch auch diese Einheit erlitt eine Niederlage, ihr Kommandeur starb im Gefecht.

Resultierten diese Fehlschläge nun in erster Linie aus der Unfähigkeit der brasilianischen Armeeführung und der Feigheit ihrer Soldaten? Oder aus einer Unterschätzung des Gegners, verbunden mit völliger Unkenntnis der örtlichen Gegebenheiten? Sicher ist, dass es sich zumindest bei einem Teil der Verteidiger der Ortschaft um ehemalige Banditen handelte, die mit den Verhältnissen im Sertão sehr gut vertraut waren und einschlägige Erfahrungen im Guerillakrieg besaßen.

Erst eine vierte Strafexpedition erreichte schließlich die Siedlung und begann mit der Belagerung. Ihre militärische Führung hatte die Fehler der Vorgänger vermieden und zuerst stabile Nachschublinien anlegen lassen, bevor die Truppen in Marsch gesetzt wurden. Trotz des so möglich gewordenen Einsatzes schwerer Artillerie bedurfte es dennoch einer monatelangen Belagerung und der nochmaligen Entsendung starker Truppenverbände als Verstärkung, ehe Canudos erobert werden konnte. Landlose Bauern, ehemalige Banditen, befreite Sklaven und Angehörige indigener Stämme hatten bis zum Schluss Seite an Seite gegen den Ansturm des Militärs gekämpft. Die Mehrzahl der Verteidiger ergab sich nicht – trotz militärischer Übermacht des Gegners, trotz Hunger- und Durstblockade, trotz des Todes des Propheten Conselheiro, der wenige Tage vor dem Fall der Siedlung an der Ruhr starb.

Lassen wir einmal Euclides da Cunha direkt zu Wort kommen: »Canudos hat sich nicht ergeben. (…) Fußbreit um Fußbreit erobert, im wahrsten Sinne des Wortes, fiel es am 5. Oktober, gegen Abend, als seine letzten Verteidiger bis auf den letzten Mann fielen. Es waren ihrer nur vier: ein Alter, zwei ausgewachsene Männer und ein Knabe, vor denen fünftausend Soldaten wütend brüllten.«

Als schließlich in den rauchenden Trümmern der Siedlung die Waffen schwiegen, verkündete der Befehlshaber der Regierungstruppen triumphierend: »Wir haben mit einem unsichtbaren, verräterischen, mutigen und grimmigen Feind gekämpft, der bis zum letzten Moment Widerstand leistete.« Was in seiner Rede nicht vorkam, waren die grausigen Gemetzel, welche seine Soldaten und Offiziere an den überwiegen unbewaffneten Bewohnern von Canudos anrichteten. Das brasilianische Recht kannte schon damals keine Todesstrafe. Das hinderte die Militärs nicht daran, reihenweise Gefangene zu massakrieren. Die wenigen Überlebenden wurden zumeist von siegreichen Soldaten als Beute betrachtet, die Männer zu Sklavenarbeit gezwungen, die Frauen nicht selten an Bordellbesitzer verkauft.

Die Leiche von Antonio Conselheiro hat man nach ihrer Auffindung exhumiert, den Kopf abgetrennt und ihn zwecks wissenschaftlicher Untersuchung in die nächstgelegene Stadt geschafft. Natürlich, um den Nachweis zu erbringen, dass es sich bei Leuten, die landlosen Bauern das Evangelium predigen, ganz zweifelsfrei um Verrückte handelt. Gelungen ist dies nicht.

Anmerkungen

1 Der portugiesische König Sebastian I. fiel am 4. August 1578 in Nordafrika in einer Schlacht gegen den Sultan von Marokko. Da seine Leiche nicht gefunden wurde, entwickelte sich ein Mythos um den entrückten König, ähnlich der im deutschsprachigen Raum zeitweise populären Kyffhäusersage um den schlafenden Kaiser Friedrich Barbarossa.

2 Merkwürdigerweise bestand dieser Ordnungsdienst teilweise aus gesuchten Banditen und Raubmördern. Ungeachtet dessen hat er wohl funktioniert.

Gerd Bedszent, Jahrgang 1958, lebt und arbeitet als Journalist in Berlin. Langjährige Arbeit im Verkehrsbau. Auf diesen Seiten erschien zuletzt in der Ausgabe vom 4.11./5.11. »Der Glanz von Al-Andalus«.

Letzte Veröffentlichung: Wirtschaftsverbrechen und andere Kleinigkeiten. Nomen-Verlag, Frankfurt am Main 2017, 160 Seiten, 14,90 Euro

Zum Weiterlesen:

Euclides da Cunha: Krieg im Sertão. Aus dem Portugiesischen von Berthold Zilly, Suhrkamp-Verlag, Berlin 2013

Mike Davis: Die Geburt der Dritten Welt. Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter. Aus dem Englischen von Ingrid Scherf, Verlag Assoziation A, Berlin (u. a.) 2004

Dawid Danilo Bartelt: Nation gegen Hinterland. Der Krieg von Canudos in Brasilien: ein diskursives Ereignis (1874–1903). Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2003


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Rollback in Brasilien Der rechte Umsturz und der Widerstand

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