Aus: Ausgabe vom 06.01.2018, Seite 8 / Ausland

»Das Volk unterstützt die Huthis«

Jemen: Fehler Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate stärken die Rebellen. Gespräch mit Ali Al-Ahmed

Interview: Chiara Cruciati
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Anhänger der Huthi-Bewegung bei einem Treffen in Sanaa (21. Dezember 2017)

Nach der Erschießung des langjährigen (Anfang Dezember, jW) zu den Saudis übergelaufenen, jemenitischen Exdiktators Ali Abdullah Saleh durch Huthi-Rebellen gab es eine heftige Reaktion aus Riad. Erleben wir jetzt das Ende der Huthi-Bewegung Ansarollah?

Das glaube ich nicht. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate haben große Fehler begangen, und die Huthis besitzen großen Rückhalt in der Bevölkerung. Abu Dhabi hat versucht, unter Einbeziehung Salehs einen Ausweg aus dem Konflikt zu finden, brauchte aber lange, um Riad davon zu überzeugen. Als es den Emiraten gelang, war es zu spät. Niemand hat die Verankerung der Rebellen im Land begriffen, auch die Vereinigten Staaten nicht, die bis vor kurzem das Potential der Bewegung nicht berücksichtigten.

Die alten Stammeslogiken sind fast vollständig verschwunden. Man ist von einer tribalistischen Gesellschaftsstruktur zu einer von der Ideologie geprägten übergegangen, ganz gleich ob die nun politisch oder religiös ist. Die Huthis erhielten Zustimmung sowohl aus der jungen Generation als auch von Erwachsenen. Das konnte man im September 2014 beobachten, als sie die Kontrolle des gesamten Landes übernahmen, ohne auf Widerstand zu stoßen. Der Jemen kehrt zu seiner ursprünglichen Identität zurück, die im vergangenen Jahrhundert durch die Einmischung des von Riad geförderten Wahhabitentums, wie unter Drogeneinfluss, verzerrt wurde.

Es wird keine großen Veränderungen auf dem Schlachtfeld geben?

Außer der militärischen Eskalation gibt es nichts Neues. Die Milizen von Saleh sind nicht sehr zahlreich, und ihre Reihen haben sich durch die schwindende Zustimmung für den ehemaligen Diktator weiter gelichtet. Es wird behauptet, er sei vom Sohn eines seiner engsten Vertrauten verraten worden. Die saudischen Bomben werden die Unterstützung für diejenigen, die sich der Aggression widersetzen, nur noch weiter erhöhen, das heißt für die Huthis. Die historische Unterstützung der Stämme für Saleh ist nicht mehr entscheidend. Faktisch war sein Einfluss seit langem geschwunden, und die Emirate wissen das. Als Saleh am 2. Dezember den Bruch mit Ansarollah verkündete, feuerte die Bewegung zum ersten Mal eine Rakete in Richtung Abu Dhabi ab. Eine klare Botschaft, die da lautete: Das Raketensystem befindet sich in den Händen der Huthis und nicht im Besitz von Saleh.

Warum gelingt es hochentwickelten Kriegsmaschinen wie denen der Saudis und der Vereinigten Arabischen Emirate nicht, den Huthi-Widerstand zu brechen?

Riad siegt nicht, weil es keine Bodentruppen hat. Es gibt im Jemen keine Milizionäre, die für Riad kämpfen, außer den Regierungsstreitkräften, von denen ein Großteil aber nur am Sold interessiert ist und nicht daran, politische Ziele zu erreichen. Der Jemen ist geographisch gesehen ein schwieriges, bergiges Land. Wer dort kämpft, muss es gut kennen. Und die Huthis kennen es.

Könnte der Krieg, wegen der Kosten für die, die ihn vom Zaun gebrochen haben, bald enden?

Dafür gibt es keine Anzeichen. Der Krieg wurde nicht nur aufgrund strategischer, politischer und Erdölinteressen begonnen, sondern auch auf Druck bestimmter westlicher Mächte. In erster Linie Großbritanniens und der USA, den wichtigsten Waffenlieferanten von Riad, die an einer Destabilisierung der Region interessiert sind. Ein stabiler Golf wäre weniger abhängig von den westlichen Rüstungsgütern.

Unterstützt der Iran die Huthis?

2009, im Laufe des sechsten Krieges der Regierung in Sanaa gegen die Huthis, forderte Saleh das Eingreifen der Saudis und spielte dabei die Karte der schiitischen Bedrohung aus. Damals unterhielt der Iran minimale Kontakte, wenn nicht sogar überhaupt keine, zu Ansarollah. Doch seit damals gab es eine Annäherung, die heute zu einer Unterstützung im Hinblick auf Logistik, Geheimdienstinformationen und Geld führt. Jedoch keine Waffen und keine Männer! Schaut man sich die von den Huthis eingesetzten Waffen an, dann stellt man fest, dass sie den in Syrien von der Pro-Assad-Front verwendeten sehr ähnlich sind, allerdings nicht identisch, weil Teheran keine eigenen Waffen dorthin schickt, sondern die Huthis lehrt, selbst Raketen zu bauen, und zu diesem Zweck eigene Techniker entsendet.

Übersetzung: Andreas Schuchardt

Ali Al-Ahmed stammt aus Saudi-Arabien. Er ist Gründer und Direktor des »Institute for Gulf Affairs« in Washington

Dieses Interview erschien zuerst in der linken italienischen Tageszeitung Il manifesto


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