Aus: Ausgabe vom 30.12.2017, Seite 2 / Ausland

»Die Mitglieder müssen das letzte Wort haben«

Tarifrunde im öffentlichen Dienst der britischen Kommunen. Die vergangenen Jahre wurde auf dem Rücken der Angestellten gespart. Gespräch mit Steve North

Interview: Christian Bunke
RTS19D3F.jpg

Derzeit wird um eine Gehaltserhöhung für kommunale Beschäftigte gestritten. Seit 2010 ist deren Gehalt austeritätsbedingt jährlich nur noch um ein Prozent erhöht worden. Wie hat sich das ausgewirkt?

Für die Kolleginnen und Kollegen bedeutet das real eine Gehaltssenkung von 20 Prozent. Viele unserer Mitglieder haben Zweitjobs annehmen müssen – ich auch. Viele arbeiten 40 Stunden die Woche für die Stadtverwaltung und fahren abends Taxi oder jobben bei einem Lieferservice. In meiner Heimatstadt Salford stammt die Mehrheit der Kinder, die in Armut leben, aus Familien in denen mindestens eine Person arbeitet.

Was fordern Sie in dieser Tarifrunde?

Die drei bei den Kommunen organisierten Gewerkschaften – Unison, Unite und die GMB – haben eine gemeinsame Forderung nach fünf Prozent mehr Lohn aufgestellt. Unser Verhandlungspartner bietet nun zwei Prozent an.

Wie haben die Gewerkschaften und deren Mitglieder das aufgenommen?

Die erste Reaktion hauptamtlicher Funktionäre war es, dies als eine Art Sieg zu begrüßen. Dabei kriegen dadurch unsere Mitglieder im Niedriglohnbereich nicht annähernd soviel zurück, wie sie im Laufe der Jahre verloren haben. Gewählte Vertrauensleute aus dem linken Flügel der Gewerkschaft haben gefordert, dass die Mitglieder und nicht die Funktionäre das letzte Wort über den Abschluss haben müssen. Vom rechten Flügel wurde argumentiert, dass die Mitglieder nicht für einen höheren Abschluss kämpfen würden. Letztendlich hat die Linke sich durchgesetzt, wir fragen unsere Mitglieder, was sie von den zwei Prozent halten. Es wird Kampfmaßnahmen brauchen, um mehr durchzusetzen.

Hat sich die Labour-Partei unter ihrem Vorsitzenden Jeremy Corbyn in irgend einer Form in den Konflikt eingebracht?

Von der Labour-Partei kontrollierte Stadtverwaltungen haben den Zwei-Prozent-Vorschlag »wärmstens begrüßt«, ihn allerdings unter einen Finanzierungsvorbehalt gestellt. Die Inflation liegt bei vier Prozent. Labour begrüßt also eine Gehaltskürzung für unsere Mitglieder. Corbyn ist sehr populär. Doch obwohl er Unison-Mitglied ist und früher einmal Stadtrat war, ist seine Position in dieser Frage schwach. Er glaubt, dass die Stadtverwaltungen keine Alternative zu Einsparungen haben. Das stärkt das Selbstvertrauen der rechten Labour-Stadträte und macht es weniger wahrscheinlich, dass aus dieser Richtung Unterstützung für kommunale Beschäftigte kommt. Die Stadträte sind der am weitesten rechts stehende Flügel der Labour-Partei. Gleichzeitig treten viele Beschäftigte im öffentlichen Dienst wieder in Labour ein. Wenn sie feststellen, dass es nur vorwärts gehen kann, wenn die Vertreter des rechten Flügels zur Verantwortung gezogen werden, wäre das sicherlich eine positive Entwicklung.

Historisch hat die Mehrheit des Exekutivkomitees der Unison immer zum rechten Flügel der Bewegung gehört. Welche Chancen bestehen für eine breitere Mobilisierung?

Derzeit ist das Kräfteverhältnis zwischen beiden Flügeln der Gewerkschaft sehr fein ausgeglichen. Der rechte Flügel hat gerade noch die Kontrolle, doch es können Erfolge von links erzielt werden. Jetzt geht es darum zu zeigen, wie groß die Wut über die Niedriglöhne unter unseren Mitgliedern ist. Das muss mit dem breiteren Kampf gegen Austerität, also die Verarmungspolitik, verknüpft werden. Unsere Mitglieder wissen, dass die Regierung schwach ist, sonst hätte es das Zugeständnis von zwei Prozent nicht gegeben. Wir müssen mobilisieren und die Stärke finden, mehr zu fordern. Deshalb ruft der britische Gewerkschaftsbund zu einer Großdemonstration gegen die Regierung im Mai auf. Es wird aber bislang sehr wenig getan, um dorthin zu mobilisieren. Auch halte ich den Termin für zu spät; im April soll die Gehaltserhöhung bereits gezahlt werden. Außerdem sind im Mai wichtige Kommunalwahlen, der Termin liegt aber danach. Im Jahr 2011 gab es einen machtvollen gemeinsamen Streik aller Gewerkschaften im öffentlichen Dienst. Unsere Mitglieder spüren, dass es erstmals möglich erscheint, die Tories loszuwerden und etwas Besseres zu bekommen. Eine kämpferische Kampagne für höhere Löhne könnte einen Beitrag zum Sturz der Regierung von Theresa May leisten.

Steve North ist Vertreter für die Nordwestregion Englands im paritätisch besetzten nationalen Exekutivkomitee der Gewerkschaft Unison für den öffentlichen Dienst. Dem Gesprächspartner ist wichtig zu betonen, dass es sich um seine persönliche Meinung handelt.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Ausland
  • China weist US-Vorwürfe zurück, Sanktionen gegen Nordkorea zu umgehen
  • Libanon zwischen den Jahren: Die Ablehnung von Trumps Israel-Politik versöhnt bisher verfeindete Lager
    Karin Leukefeld, Beirut
  • Soziale Gerechtigkeit und kultureller Fortschritt – in Kuba gibt es jede Menge zu feiern
    Volker Hermsdorf
  • Jahresrückblick 2017. Heute: USA. Trotz Skandalen und Widerstand behauptet sich Trump. Und macht seinen reichen Unterstützern ein Geschenk
    Stephan Kimmerle, Seattle