Aus: Ausgabe vom 28.12.2017, Seite 11 / Feuilleton

Gräber selbst gestalten

Wo bleibt der Sozialismus? (2)

Von Hagen Bonn (Thüringer)
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Mach noch dein Selfie vor dem Großen Vorsitzenden in Peking, bevor sich die Evolution des Menschen umstülpt!

»Die Revolution ist kein Deckchensticken«Mao

Zugegeben, vom Herrn Mao haben nicht allzu viele nennenswerte Zitate die Zeiten überdauert. Wenn wir aber die »Worte des Vorsitzenden Mao Tse-Tung« mit denen von, sagen wir mal, Kaiser Wilhelm II. (»Ich glaube an das Pferd, das Automobil ist nur eine Modeerscheinung«) vergleichen, dann wirken sie als Ausdruck von geradezu monströser Weisheit.

Zugegeben, deutsche Monarchen sind für gewöhnlich eher mit Hermelin als mit Intelligenz ausgestattet (von den Thüringer Landgrafen einmal abgesehen), aber trotzdem müssen wir Maos berühmten Deckchenstick-Hinweis sehr ernst nehmen. Denn die Geschichte der sozialen und sozialistischen Revolutionen ist vor allem eine Geschichte ihrer Konterrevolutionen. Achtung, Achtung: Die Geschichte des Sozialismus wird vor allem die Geschichte der täglichen Revolution sein!

Das hört dann gar nicht mehr auf zu revolutionieren. Die ganze Entwicklung des Menschen wird sich gigantisch umstülpen, ach, was sage ich, sie wird … das auszudrücken, da muss unsere Gegenwartssprache einfach passen.

Jedenfalls sollten wir frei nach Mao unsere Gegner im Auge behalten – und uns nicht täuschen lassen. Die sehen vielleicht aus wie harmlose Leipziger Bürger. Oder sie kommen als Rechtsanwälte daher, vielleicht sogar als Pfarrer. Und was dann folgt, kann der eine oder andere vielleicht erinnern?

Wenn wir schon von der Zukunft sprechen: Ich habe den Eindruck, die lässt ganz schön auf sich warten, oder? Ich meine, seien wir ehrlich: Die Dinosaurier sind ausgestorben, Nokia ist weg, Fassbrause gibt es jetzt in Flaschen – und Deutschland existiert einfach weiter! Keine Ahnung wie das geht. Gibt es Herz-Lungen-Maschinen auch für Staaten?

Ich bin froh, dass die Revolution kein Deckchensticken ist. Ich kann nämlich nicht sticken. Doch bei Revolutionen sind die Jobs einfach und klar: Da gibt es den Posten auf der Barrikade, den Posten des Klassikers (der muss Aprilthesen verfassen), den Posten des Tribünenredners, den Posten des Bankenteigners, des Telefonzentralenbesetzers und nicht zu vergessen, den Posten des Märtyrers. Für letzteren gibt es zur Belohnung jede Menge neu zu benennende Straßen und Plätze. Ist aber nichts für mich. Hagen-Bonn-Allee klingt nicht so gut.

Sieht aber nicht gerade nach Revolution aus, wenn ich so aus dem Fenster gucke. Müllautos, Polizeiwagen, Essen auf Rädern und ein Reklameplakat mit Gender Sternchen, das für Bier wirbt.


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