Aus: Ausgabe vom 28.12.2017, Seite 8 / Inland

»Nachts hören wir die Bagger, spüren Vibrationen«

Kahlschlag beim Hambacher Forst hat schlimme Folgen für die Anwohner. Gespräch mit Andreas Büttgen

Interview: Gitta Düperthal
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Umweltschützer, hier allerdings des BUND, protestieren für den Erhalt des Hambacher Forsts (29. November)

Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, CDU, fordert die künftige Bundesregierung auf, sich stärker für die Abschaltung des belgischen Pannenreaktors Tihange zu engagieren. Kohleemissionen schätzt er dagegen als weniger riskant ein. Was halten Sie von dieser Energiepolitik?

Wir, ein Bündnis von 15 Bürgerini­tiativen und Umweltverbänden, kritisieren das. Laschet versucht so, dem Energiekonzern RWE weiter die Kohleproduktion im Rheinland zu ermöglichen. Nur deshalb ist er nun öffentlichkeitswirksam zur Erkenntnis gelangt, dass das AKW Tihange eine Gefahr darstellt. Er plädiert dafür, neue Leitungen aus NRW nach Belgien zu legen, um die Stromproduktion des Reaktors zu ersetzen. Drei Gigawatt Braunkohlestrom will er Belgien zur Verfügung stellen. Umkehrschluss ist aber doch: Bei uns wird dieser Strom gar nicht gebraucht.

Antiatom- und Antikohleinitiativen werfen Laschet vor, als Lobbyist für RWE zu wirken.

Wir merken den Regierungswechsel im Bundesland in der Hinsicht deutlich. Laschet macht eine Politik, die stark auf das Wohl von Unternehmen abzielt und sich gegen die Gesellschaft richtet, weil er die Zerstörung der Natur in Kauf nimmt. Er begünstigt den RWE-Konzern mit seinem politischen Handeln – auch indem er die Nutzung erneuerbarer Energieträger verhindert.

Auf welche Weise tut er das, Ihrer Meinung nach?

Eine neue Landesgesetzgebung macht das Aufstellen von Windkraftanlagen unmöglich: Erforderliche Abstände zur Wohnbebauung sind so groß definiert, dass es sich für Investoren nicht mehr lohnt.

Braunkohlegegner monieren eine aus ihrer Sicht »vorgeschobene Ordnungspolitik«, um so dem Profitstreben des Konzerns zu dienen. Wie ist das gemeint?

Schon der Vorgänger des neuen CDU-Innenministers Herbert Reul, der Sozialdemokrat Ralf Jäger, hatte die Polizei im Hambacher Forst gegen Waldbesetzer aufmarschieren lassen. Unter Reul wird nun ständig ein Generalverdacht gegen alle laut, die den Wald schützen. Unterstellt wird in Landtagsdebatten, dort entstünden »rechtsfreie Räume«. Es ist doch so: Das Oberverwaltungsgericht Münster hat am 27. November die Abholzungen am Braunkohletagebau Hambach vorläufig gestoppt. Wir merken in der Region, wie daran gearbeitet wird, eine vermeintliche Bedrohungslage aufzubauen, um Stimmung zu machen. Gelingt es also nicht, den Wald aus energiepolitischen Gründen zu roden, dann wird der Umweg über die Sicherheitspolitik eingeschlagen. Hauptsache, RWE kann den Braunkohleabbau vorantreiben.

Sie gehören der »Initiative Buirer für Buir« an. Wie ist die Situation in Ihrer Stadt?

Für Buir hat der Kahlschlag schlimme Folgen: Wegen des Tagebaus ist die Autobahn zwischen Köln und Aachen direkt vor unsere Haustür verlegt. Aus dem zuvor ruhigen, beschaulichen Ort ist ein lärmiges Gebiet geworden. Nun hören wir nachts die Bagger, spüren Vibrationen, wenn eine Schaufel sich in den Boden hineinfrisst. Enorme Lichtquellen machen das Gelände um die industriellen Anlagen herum taghell. Rund um die Uhr wird dort gearbeitet. Obwohl wir im Speckgürtel von Köln leben, zieht kaum jemand zu. Die Immobilienpreise sinken deutlich.

Antiatomaktivisten und Braunkohlegegner agieren nun zusammen. Führt das zu neuen Aktionsformen?

Im vergangenen Jahr haben wir zusammen Menschenketten in Tihange aufgebaut. Bei der großen Demonstration anlässlich der Weltklimakonferenz in diesem November in Bonn haben wir uns ebenso zusammengetan. Es geht um gesellschaftlichen Protest. Beide Energiequellen, Atomkraft und schmutzige Kohle, sollten der Vergangenheit angehören. Sie gefährden die Gesundheit der Bevölkerung. Laschet zeigt große Nähe zur Wirtschaft, zur Industrie: Das wird er nicht über Nacht abstreifen. Unsere beiden Bewegungen halten dagegen. Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen.

Andreas Büttgen ist Gründungsmitglied und Vorsitzender des Vereins »Initiative Buirer für Buir«


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