Aus: Ausgabe vom 22.12.2017, Seite 11 / Feuilleton

Mit der gebotenen Härte

Uraufführung unwahrscheinlich, und das liegt am Thema: Jürgen Schneiders Theatertext »Kundus«

Von Florian Neuner
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Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass eine Bühne sich in absehbarer Zeit des Theatertextes »Kundus« annehmen wird. Das liegt am Thema. Anything goes – beinahe stimmt es für das zeitgenössische Theater, das sich so gerne hochpolitisch gibt. Mit neueren deutschen Kriegsverbrechen möchte es allerdings doch lieber nicht behelligt werden. Autor und Übersetzer Jürgen Schneider hat sich an ein heißes Eisen gewagt. In dem Wissen, dass dem Wahnsinn einer zunehmend militarisierten, neoliberalen Gesellschaft mit den überkommenen Mitteln von Roman und realistischer Erzählung nicht mehr beizukommen ist. Schneider hat daraus die Konsequenzen gezogen und 2011 das Buch »RMX« vorgelegt – eine Montage von Texten aus verschiedenen Medien. Das Lachen über die Grotesken aus unseren Zeitungen bleibt dem Leser oft im Halse stecken.

Im Kundus-Stück gibt es nichts zu lachen. Der Name der afghanischen Stadt wurde geläufig, als deutsche Politiker die Bundeswehr in den von den USA vom Zaun gebrochenen Afghanistan-Krieg schickten und schwadronierten, Deutschlands Sicherheit müsse am Hindukusch verteidigt werden. Die nicht von der Regierungspropaganda Eingelullten denken beim Namen der Stadt an das größte deutsche Kriegsverbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Nähe von Kundus befahl Oberst Georg Klein im September 2009 die Bombardierung eines Tanklastzugs und schickte damit mehr als 100 Zivilisten in den Tod, auch Kinder.

In Schneiders Stück betreten Soldatinnen und Soldaten in sandfarbenen Tarnanzügen die Szene und geben wieder, was ihnen und der Öffentlichkeit zur Vorbereitung, Verschleierung oder Rechtfertigung der Kampfeinsätze so erzählt zu werden pflegt: »Wir müssen wissen, dass gegnerische Kämpfer in einem nicht internationalen bewaffneten Konflikt in dem vom humanitären Völkerrecht gesteckten Rahmen gezielt bekämpft werden können und auch dürfen.« Den Afghanen solle man in den Genitalbereich schießen, »damit diese Terroristen keine Ziegen mehr ficken können«. Ein Feldgeistlicher steht bereit, all dem seinen Segen zu geben. Dazu dröhnt laut Regieanweisung Rammstein.

Ein kleines Mädchen tritt auf und rezitiert Theodor Fontanes Gedicht »Das Trauerspiel von Afghanistan«. Das sorgt für historische Tiefenschärfe. Schneider begnügt sich in »Kundus« nicht mit Zitaten zu dem irrsinnigen Projekt der Remilitarisierung der deutschen Gesellschaft, im »Auftritt einer Soldatin« ergänzt er dieses heutige Material um um Motive, die er bei Elfriede Jelinek, Heiner Müller, Werner Schwab und anderen entlehnt hat. Der Ernstfall des Krieges, so scheint es, hat das Vertrauen des Autors erschüttert, die Zeitungszitate würden für sich sprechen. Er versichert sich literarischer Gewährsleute. Der Monolog der Soldatin stellt nebenbei auch pointiert dar, welchem Sexismus Frauen bei der Truppe ausgesetzt sind. Von der »Schlitzbevölkerung« ist dort die Rede, man ruft ihnen während eines »Leistungsmarsches« zu: »Beim ersten Mal tut’s noch weh, das ist wie beim Ficken«. Gegenstück ist der Monolog eines Soldaten über seine posttraumatische Belastungsstörung.

Ein grüner Politiker treibt den Zynismus auf die Spitze und sagt: »Tornados können ja auch dazu dienen, etwa unsere Soldaten zu sichern oder zu sondieren, wo Entwicklungshilfe rein kann.« Aber es geht immer noch schlimmer. In einer Nachbemerkung zitiert Schneider den neuen US-Verteidigungsminister James N. Mattis, der 2005 zum Besten gab: »It’s fun to shoot some people.«

Jürgen Schneider: Kundus. Distillery Press, Berlin 2017, 32 Seiten, 7 Euro


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