Aus: Ausgabe vom 18.12.2017, Seite 12 / Thema

Gewandelte Abhängigkeiten

Das System der »Françafrique« hat sich zwar verändert. Doch Frankreichs Einfluss in seinen ehemaligen Kolonien in Westafrika ist ungebrochen

Von Bernard Schmid
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Bei seinem Staatsbesuch in Burkina Faso Ende November gab der französische Präsident Emmanuel Macron seinem Amtskollegen Roch Marc Christian Kaboré zu erkennen, wer das Sagen hat (nahe Ouagadougou, 29. 11.)

Jeder neue französische Präsident in den vergangenen zehn Jahren, egal ob Nicolas Sarkozy, François Hollande oder jetzt Emmanuel Macron, versicherte, nun sei es aber wirklich vorbei. Ja, ein neokoloniales System, ein Geflecht von Sonderbeziehungen, staatlichen und privaten Privilegien – das man unter die Bezeichnung »Françafrique« fassen könne – habe es gegeben, aber eben in der Vergangenheit. Jetzt aber nicht mehr, definitiv, ganz bestimmt. Nur, um fünf Jahre später den jeweiligen Nachfolger sagen zu hören, dieses Mal sei es gewiss, und so weiter.

Den Begriff »Françafrique« prägte ursprünglich ein Abgeordneter im französischen Parlament während der Jahre unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, Félix Houphouët-Boigny. Er meinte damit ein enges politisches Beziehungssystem, das er als eine Art dauerhafte Symbiose darstellte. Nach der Unabhängigkeit seines Landes, der Côte d’Ivoire (deutsch: Elfenbeinküste), im Jahr 1960, wurde er deren Präsident – und blieb es bis zu seinem Tod im Amt im Dezember 1993.

An der Leine von Paris

Houphouët-Boigny war der charakteristische Vertreter einer Kompradorenbourgeoisie, die ihr Heil ausschließlich in der engen politischen und ökonomischen Bindung an die frühere Kolonial- und jetzige neokoloniale Hegemonialmacht in West- sowie Zentralafrika sah. Im Falle der Côte d’Ivoire hing und hängt noch deren wirtschaftliche Rolle vom Export der Monokulturprodukte Kakao und Kaffee ab. In anderen Staaten lebt diese Kompradorenbourgeoisie hingegen eher vom Export mineralischer Rohstoffe wie Erdöl (Gabun, Kongo-Brazzaville) oder Uran (Niger). In manchen der betreffenden Länder herrschen brutale Diktaturen, wie im Tschad, in Kongo-Brazzaville oder im westafrikanischen Togo. In anderen regieren kleptomanische Autokraten, die sich eher mittels Korruption und Klientelwirtschaft denn durch blanke Repression an der Macht halten. Dies trifft etwa auf Gabun und Kamerun zu, wobei auch dort auf Protestbewegungen schnell mit Gewalt reagiert wird. In einer Minderheit der Staaten herrschen halbwegs demokratische Verhältnisse, auf denen allerdings der Schatten der Korruption lastet, wie in Bénin, Mali oder Senegal.

Houphouët-Boigny trieb die vorgebliche »Liebesbeziehung« mit Frankreich vielleicht am weitesten. Heute ist eine seiner Urenkelinnen, Cécile Houphouët-Boigny, mit einem gewissen Samuel Maréchal verheiratet. Dieser agile Geschäftsmann war in den neunziger Jahren ein aufstrebender Jungpolitiker der rassistischen und neofaschistischen Partei Front National – und damals der Schwiegersohn von Parteiboss Jean-Marie Le Pen, dessen Tochter Yann Le Pen er geehelicht hatte. Nach seiner Scheidung im Jahr 2007 zog es ihn an die Seite der Urenkelin des »Patriarchen« der Côte d’Ivoire. Dafür konnte Altpräsident Félix Houphoët-­Boigny, der zu dem Zeitpunkt bereits unter der Erde lag, nichts. Allerdings kannten sich die Familien des damaligen Staatsoberhaupts und des früheren Front-National-Chefs recht gut. Houphouët-Boigny besaß ein Schloss aus dem 17. Jahrhundert in dem kleinen Ort Bombon einige Dutzend Kilometer südöstlich von Paris. Dort empfing er auch Mitglieder der »politischen Klasse« Frankreichs. Zu seinen Gästen zählte unter anderem auch Jean-Marie Le Pen. Der rechtsextreme Kolonialnostalgiker seinerseits startete seinen ersten Präsidentschaftswahlkampf im Frühjahr 1987 mit einer Reise in die Exkolonien Côte d’Ivoire und Gabun. Damit wollte er sein »internationales Format« unter Beweis stellen. Nebenbei erhielt Le Pen dort mutmaßlich auch nicht unbeträchtliche Finanzmittel von den jeweiligen Potentaten, denen an einer guten Beziehung zu allen relevanten Fraktionen der politischen Kaste in der »Metropole« Frankreich gelegen war.

Nach dem Ableben von Félix Houphouët-­Boigny erhielt der Begriff »Françafrique« eine andere Bedeutung, als jene, die der ausgesprochen kollaborationswillige Präsident ihm beimessen wollte. Im Jahr 1998 erschien ein Buch des Schriftstellers François-Xavier Verschave unter dem Titel »Françafrique: Der längste Skandal in der Geschichte der Republik«. Es löste in Intellektuellenkreisen und den Medien einen veritablen Eklat aus. Verschave schilderte darin die französische Verwicklung in Rohstoffraub, großflächige Korruptionspraktiken und in Massaker – damals war das Beispiel des Bürgerkriegs im ölfördernden Kongo-Brazzaville mit 40.000 Toten besonders aktuell, wobei der französische Erdölkonzern Elf Aquitaine (heute Total) dem jetzt noch amtierenden Staatspräsidenten Denis Sassou-Nguesso dabei half, sich auf blutige Weise an die Macht zurückzuputschen. Nach einer kurzen Oppositionspause in den Jahren 1992 bis 1997 setzte Sassou-Nguesso seine langjährige Herrschaft fort.

Kein »Kontinuitätsbruch«

Im Wahlkampf 2006/07 versprach dann jedoch ausgerechnet der rechtskonservative Präsidentschaftskandidat Nicolas Sarkozy ziemlich lautstark einen »Kontinuitätsbruch mit der Françafrique«. Er verkündete diese Absicht unter anderem als damaliger Innenminister bei einem Staatsbesuch in Bénin im Mai 2006. Das Vorhaben schien zunächst zumindest teilweise ernstgemeint, da in manchen wirtschaftsnahen und neoliberalen Kreisen im Hinblick auf die französische Präsenz in Afrika das »Abschneiden alter Zöpfe« gepredigt wurde.

Nach deren Auffassung geriet das System der Vorherrschaft, das u. a. den Unterhalt ständig stationierter französischer Truppen bzw. von Militärbasen in mehreren Ländern Afrikas (Senegal, Gabun, Dschibuti) bedeutete, zu kostspielig. Den darüber erreichten Vorteil, also den privilegierten Zugang zu Rohstoffen, könne man mit anderen Mitteln – etwa durch das Aushandeln von Verträgen – billiger haben, so die Behauptung. In Malis Hauptstadt Bamako rief Sarkozy, konfrontiert mit protestierenden Demonstranten, ganz in diesem Sinne aus: »Frankreich braucht Afrika nicht!« Gemeint war damit: in wirtschaftlicher Hinsicht. Sinngemäß fügte er nämlich hinzu, man wolle historisch gewachsene Beziehungen nicht gänzlich abreißen lassen.

Nach wenigen Monaten im Amt vollzog Nicolas Sarkozy dann jedoch eine radikale Kehrtwende. Die Kosten-Nutzen-Rechnung schien nunmehr zu ergeben, dass die französische Wirtschaft erhebliche Sondervorteile und Extraprofite zu verlieren hätte, gäbe Paris seine bisherige privilegierte Stellung in Afrika auf. Nicolas Sarkozy dachte dabei wohl unter anderem auch an seinen Duzfreund Vincent Bolloré, einen französischen Milliardär und Chef eines multinationalen Konzerns. Bolloré hatte ein von seinen Eltern ererbtes kleines Tabakunternehmen darauf spezialisiert, Agrar- und andere Rohstoffe aus Afrika abzutransportieren und investierte dabei in Infrastruktur und Logistik. Heute kontrolliert der Geschäftsmann die Mehrheit der Häfen an der Atlantikküste Afrikas, besitzt entsprechende Konzessionen unter anderem in Senegal, Guinea, in der Côte d’Ivoire, in Togo, Kamerun und Gabun.

Sarkozys erste Ankündigungen zur Afrikapolitik erwiesen sich also als heiße Luft. Diese Erfahrung musste sein Staatssekretär für internationale Zusammenarbeit und frankophone Länder, Jean-Marie Bockel, im Frühjahr 2008, ein gutes halbes Jahr nach der Regierungsbildung unter dem frischgebackenen Präsidenten, machen. Das dem Außenministerium zugehörige Amt, das Bockel, damals zugleich Bürgermeister der elsässischen Industriestadt Mulhouse, angenommen hatte, hieß früher einmal »Kolonialministerium«.

Bockel hatte die Sache mit dem angekündigten »Kontinuitätsbruch« offensichtlich etwas zu ernst genommen. Die liberale Pariser Abendzeitung Le Monde nannte eine Woche nach seinem erzwungenen Abgang drei Namen, die erfolgreich auf seinen Sturz hingewirkt hätten: die der afrikanischen Präsidenten Omar Bongo (Gabun), Paul Biya (Kamerun) und Denis Sassou-Nguesso (Kongo-Brazzaville). Alle drei bedienen bzw. bedienten sich (Omar Bongo wurde nach seinem Tod im Juni 2009 und nach 42jähriger Präsidentschaft ohne Unterbrechung durch seinen Sohn Ali Bongo im Amt abgelöst) ähnlicher autoritärer Herrschaftsmethoden. Und zum Teil sind sie miteinander verwandt: Nach dem Tod seiner vormaligen Ehefrau hatte Sassou-Nguesso seinem Amtskollegen Omar Bongo die eigene Tochter zur Gattin gegeben. Edith Bongo wurde die neue First Lady der Republik Gabun. Ein wenig erinnerte das an die frühere Heiratspolitik des europäischen Adels.

Präsidenten mit Einfluss

Wie aber kam es dazu, dass quasi-monarchisch regierende Potentaten bei der Auswechselung von Regierungsmitgliedern in einem Staat wie der Französischen Republik ein Wörtchen mitzureden hatten? Jean-Marie Bockels Malheur bestand darin, unter anderem diese Sätze ausgesprochen zu haben: »Eines der wichtigsten Entwicklungshemmnisse ist die ›mauvaise gouvernance‹ (ungefähr: Misswirtschaft von Regierungen; B. S.), die Vergeudung öffentlicher Güter, die Selbstbedienung durch manche Regierenden. Wenn der Rohölpreis bei 100 Dollar pro Barrel liegt und manche Erdöl produzierenden Staaten es nicht schaffen, sich zu entwickeln, dann ist die Wirtschaftsweise ihrer Regierungen in Frage zu stellen.« Die Adressaten dieser Kritik hatten wohl verstanden. Anlässlich seiner an die Presse gegebenen Neujahrswünsche für 2008 – ein Ritual, dem sich alle französischen Regierungsmitglieder unterziehen, um ihre Agenda zu verkünden – hatte Bockel ferner noch hinzugefügt: »Ich möchte die Sterbeurkunde der Franç­afrique unterzeichnen.« In Wirklichkeit hatte er sein eigenes politisches Todesurteil unterschrieben. Danach verblieben ihm noch zwei Monate im Amt.

Sein Nachfolger wurde Alain Joyandet. Diesen führte Claude Guéant, der damalige Sonderberater Sarkozys und spätere Innenminister (inzwischen wegen erwiesener Korruption zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt) noch im April 2008 zu einem Antrittsbesuch bei Omar Bongo in Gabuns Hauptstadt Libreville ein, der in der französischen Presse starke Beachtung fand. Der Potentat hatte Druck auf seinen Amtskollegen Nicolas Sarkozy ausgeübt, der ihm auch demonstrativ recht gab.

Selbst wenn man in Paris gewollt hätte, wäre es einem amtierenden französischen Präsidenten vermutlich schwergefallen, einen »Freund« wie Omar Bongo einfach fallenzulassen. Diese »Freunde« setzen nicht mehr ausschließlich auf die Neokolonialmacht Frankreich, sondern werben parallel auch um Unterstützung durch das rohstoffhungrige China: Die »Werkbank der (kapitalistischen) Welt« benötigt Rohöl, Holz und landwirtschaftliche Anbauflächen in Afrika. Von Kongo-Brazzaville bis zum Sudan, wo Frankreich jedenfalls bis ins erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts einen gewissen Einfluss (in der vormals britischen Kolonie) erlangen konnte, spielen die Staatschefs und Minister Paris und Beijing mitunter erfolgreich gegeneinander aus. Zum anderen wissen langjährige Herrscher wie Omar Bongo oft schlichtweg viel zu viel über ihre französischen Politikerkollegen, denn sie hatten jahrzehntelang Zeit, kompromittierendes Material anzuhäufen. Nicht zufällig drohte Omar Bongo zum Jahreswechsel 2000/01 – damals waren Pariser Untersuchungsrichter »französisch-afrikanischen Interessen« bei ihren Ermittlungen ein bisschen zu nahe gekommen – in der französischen Presse ziemlich unverhohlen, er könne »die Fünfte Republik zehnmal hochgehen lassen«, wenn er nur wollte.

Neokoloniale Arroganz

Allerdings wurde immerhin eine Konsequenz aus dem ursprünglichen Ansatz Sarkozys im Jahre 2006 gezogen: die Reduzierung der militärische Präsenz Frankreichs zumindest an der Westflanke des Kontinents. Die Militärbasis im Senegal wurde im Hochsommer 2011 an die dortigen Behörden übergeben – im Sinne der im offiziellen »Weißbuch Verteidigung« von 2008 festgelegten Doktrin. Demnach sei es kostengünstiger und effizienter, die Zahl der permanent in Afrika stationierten Truppen zu verringern und im Bedarfsfall zusätzliche Soldaten vom französischen Territorium aus einzufliegen.

Es blieb zunächst bei zwei größeren Basen, in Libreville an der Atlantikküste sowie in Dschibuti am Horn von Afrika. Allerdings kommt seit 2014 die Stationierung der »Streitmacht Barkhane« in der Sahelzone hinzu, deren Hauptquartier in der tschadischen Hauptstadt N’Djamena angesiedelt wurde. Gerechtfertigt wird diese neuerliche Truppenentsendung – es geht um ständig stationierte 4.000 Soldaten – mit der Präsenz der dschihadistischen Bedrohung in der Region. Dabei dürften die Dschihadisten eher leichteres Spiel haben, Anhänger in Ländern wie Mali rekrutieren zu können, wenn sie sich als »Widerstandskämpfer gegen die neuen und alten Kolonisatoren« gerieren. Denn obwohl die islamistischen Milizen selbst in der Periode, während derer sie 2012/13 die abgespaltene Nordhälfte Malis vorübergehend beherrschten, nichts als Leid und Terror über die Zivilbevölkerung brachten, ging diese Rechnung in Teilen auf. In Nordmali, das zum Einsatzbereich der »Streitmacht Barkhane« gehört, verringerte sich der Einfluss der Dschihadisten jedenfalls nicht, und deren bewaffnete Überfälle gehören dort nach wie vor zum Alltag.

Sarkozys Nachfolger François Hollande hatte seinerzeit im Wahlkampf 2011/12, als damaliger Oppositionspolitiker, den Mund nicht ganz so voll genommen. Dennoch stellte auch er das Ende »umstrittener« neokolonialer Praktiken in Afrika in Aussicht. Parallel dazu bereiste allerdings sein Berater, der spätere Außenminister und heutige Präsident des Verfassungsgerichtshofs in Paris, Laurent Fabius, mehrere afrikanische Länder. In einigen Fällen offenkundig in der Absicht, den dort amtierenden Autokraten zu versichern, dass sie aus Paris keinen Bruch mit der bisherigen Praxis zu fürchten hätten. So hielt Fabius sich im Februar 2012 in Gabun bei Ali Bongo auf, der drei Jahre zuvor seinen Vater im Amt beerbt hatte.

Aufgrund seines Reichtums an Petrodollars spielte speziell Gabun Jahrzehnte hindurch eine Schlüsselrolle in der französischen Politik. Denn das Land fungierte auch als Geldwäscheanlage für illegale Parteienfinanzierung in Paris. Davon profitierten alle größeren Parteien mit Ausnahme der französische KP – wobei es bei deren früherem Vorsitzenden Robert Hue, heute ist er ein rechter Sozialdemokrat, diesbezüglich noch manche Zweifel gibt.

Und Emmanuel Macron? Der amtierende Präsident hat von Afrika schlicht und ergreifend wenig Ahnung, auch wenn er sein Verwaltungspraktikum als Absolvent der Elitehochschule ENA für ein paar Monate in Nigeria ableistete. Der starke Mann für Afrikapolitik ist François Hollandes früherer Verteidigungs- und Macrons jetziger Außenminister Jean-Yves Le Drian. Er gilt französischen Militärkreisen und den Regimes in den afrikanischen »Stationierungsländern« als sehr nahestehend. Macron hatte seine erste offizielle Visite in der neokolonialen Einflusszone Frankreichs zwischen dem 27. und dem 30. November dieses Jahres, rund um den EU-Afrika-Gipfel in Abidjan (Côte d’Ivoire). An der Universität in Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos, hielt er dabei am ersten Tag seiner kleinen Rundreise eine viel erwartete Rede. Dabei zitierte er gar einen Slogan des 1987 ermordeten, revolutionär-marxistisch orientierten burkinischen Präsidenten Thomas Sankara: »Oser l’avenir« (»Die Zukunft wagen«). Was die Ermordung Sankaras und die mutmaßliche französische Mitwirkung daran betrifft, versprach Macron – anders als seine Vorgänger – dieses Mal eine Öffnung der bislang verschlossenen Archive. Leute wie der Burkina-Faso-Kenner und Buchautor Bruno Jaffré bleiben da jedoch skeptisch.

Vorwürfe, Frankreich betreibe noch immer eine neokoloniale Praxis, perlten an Macron ab. Jene der anwesenden 800 Studierenden, die entsprechende Fragen stellten, duzte er kumpelhaft und fügte hinzu, er wolle gar nicht für alles in Afrika verantwortlich sein. Als Studierende sich über die mangelhafte Stromversorgung beklagten, nutzte der französische Präsident die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dafür fühle er sich nicht zuständig. Als sein burkinischer Amtskollege Roch Marc Christian Kaboré kurz den Saal verließ, wohl um zu telefonieren, lästerte Macron: »Er ist wohl die Klimaanlage reparieren gegangen!« Ein Scherz sollte das sein, der Beweis, wie locker er auftritt. Doch die Äußerungen trugen ihm erst recht den Vorwurf neokolonialer Arroganz ein, weil er damit seinen Amtskollegen symbolisch zum Dienstboten degradiert habe.

Wesentlich ausweichender beantwortete Macron unterdessen Fragen nach der wirtschaftlichen Abhängigkeit der früheren Kolonien von Frankreich. Als wenigstens zwei Studenten wissen wollten, warum Staaten der CFA-Franc-Währungszone in Afrika mindestens 50 Prozent ihrer Devisenreserven dauerhaft bei der französischen Zentralbank einlagern müssen, wehrte er ab: »Der CFA-Franc ist in Frankreich kein Thema!«¹

Korsische Gangster

Etliche der Akteure des Systems der Françafrique verfolgen ihre ganz eigenen, sehr spezifischen Sonderinteressen. Das gilt etwa für korsische Seilschaften, die in Afrika eifrig tätig sind. Korsika wurde nach einer kurzen Phase der Selbstbestimmung als eigenständige Republik, ein Ergebnis des Austritts aus der Republik Genua, 1768 durch Frankreich militärisch erobert. In der Folgezeit behandelte Festlandfrankreich die Mittelmeerinsel wie eine Kolonie. Durch Zollschranken wurden Importe vom Festland erleichtert, Ausfuhren erschwert und die Landwirtschaft zerstört. Heute lebt die Insel hauptsächlich vom Tourismus und von halb- bis illegalen Aktivitäten. Eine historische Besonderheit war dabei jedoch, dass die Bevölkerung Korsikas Jahrzehnte, ja Jahrhunderte lang als Personalreservoir für die Besiedlung des restlichen Kolonialreichs und für die Aufstockung von Armee und Polizei diente, weshalb viele Pariser Parteifunktionäre korsische Namen tragen und weshalb die korsische organisierte Kriminalität bis heute Geld im Glücksspielsektor in halb Afrika schöpft.

Eine der Schlüsselfiguren dabei ist Michel Tomi, der auch als »König des Glücksspiels in Afrika« gilt und gegen den seit 2015 in Frankreich wegen Steuerhinterziehung und Korruption ermittelt wird. Dies unter anderem aufgrund undurchsichtiger Geschäftsbeziehungen zum amtierenden Staatspräsidenten Malis, Ibrahim Boubacar Keïta (genannt »IBK«). Tomi soll darin involviert gewesen sein, an den staatlichen Instan­zen vorbei umgerechnet 30,5 Millionen Euro für den Kauf eines neuen Präsidentenflugzeugs für »IBK« zu beschaffen. Eine teure Marotte, da Mali bereits über einen Präsidentenflieger verfügte und die staatlichen Institutionen kein grünes Licht dafür erteilen wollten. Jean-Louis Codaccioni, ein 54jähriger Mafioso, der am 5. Dezember dieses Jahres am Flughafen von Bastia auf Korsika angeschossen und schwer verletzt wurde und der am vergangenen Mittwoch verstorben ist, galt als einer der zentralen Helfer Tomis. Codaccioni war in früheren Jahren »Sicherheitsbeauftragter« beim PMU, also der Anstalt für Pferdewetten, in der afrikanischen Erdölrepublik Gabun, einer wahren Geldfabrik.

So lange in Frankreich der korsischstämmige, mafianahe Konservative Charles Pasqua Innenminister war – dies war von 1986 bis 1988 sowie von 1993 bis 1995 der Fall, Phasen, die mit autoritären Schüben in der französischen Polizei- sowie Ausländerpolitik einhergingen –, hielt er seine schützende Hand über diese Seilschaften. Heute verfügen sie nicht mehr über eine derart zentrale Andockstelle im Staatsapparat. Dennoch besitzen diese Seilschaften weiterhin ausreichenden Einfluss, ihre Interessen haben sich aber zum Teil verselbständigt.

War die Françafrique ursprünglich, unter ihrem »Architekten« Jacques Foccart, einflussreichster Berater von Präsident Charles de Gaulle (von 1958 bis 1969 im Amt), direkt durch Staatsapparat und -konzerne wie dem damaligen Ölriesen Elf geprägt, so dominieren heute eher private Wirtschaftsinteressen die neokoloniale Einflusszone Frankreichs in Afrika. An führender Stelle finden sich dabei unter anderem der Rechtsnachfolger von Elf, also der nunmehrige Privatkonzern Total, oder Bolloré. Noch immer sichert der französische Staat diese teils privatkapitalistischen, teils mafiösen Beziehungsgeflechte durch seine Politik und mit seiner Armee ab. Und die internationale Position Frankreichs ergibt sich auch aus dem Umstand, dass anderthalb Dutzend afrikanische Staaten bei der UN-Vollversammlung oft geschlossen mit dem französischen Vertreter abstimmen.

Anmerkung

1 Diese Währung hieß ursprünglich »Franc des colonies françaises d’Afrique«, abgekürzt Franc CFA; ihr heutiger Name lautet »Franc de la communauté financière d’Afrique« – unter demselben Kürzel. Sie wird noch immer von der französischen Zentralbank verwaltet, zusammen mit je einer west- und einer zentralafrikanischen Zentralbank. Und sie ist durch einen festen Wechselkurs an den virtuell fortbestehenden französischen Franc – und über diesn an den Euro – angekoppelt.

Bernard Schmid ist freier Autor und lebt in Paris.


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