Aus: Ausgabe vom 18.12.2017, Seite 1 / Inland

Dutzende V-Mann-Berichte über Amri

Medienbericht: Mutmaßlicher Attentäter früher und intensiver überwacht als bisher bekannt

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Der mutmaßliche Haupttäter des Berliner Weihnachtsmarkt-Anschlags, Anis Amri, ist offenbar viel früher und intensiver observiert und abgehört worden als bisher bekannt. Dies berichtete die Welt am Sonntag (WamS) unter Berufung auf Tausende Akten, Dutzende V-Mann-Berichte und Protokolle von Telefon- und Internetüberwachungen, die der Zeitung nach eigenen Angaben exklusiv vorliegen.

Spätestens seit November 2015 ließ die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe demnach den Tunesier vom Bundeskriminalamt (BKA) und vom Landeskriminalamt (LKA) Nordrhein-Westfalen durch einen V-Mann der Polizei gezielt überwachen. Die Maßnahme sei Teil der verdeckten Ermittlungen gegen die mutmaßliche IS-Zelle des Hildesheimer Predigers Abu Walaa gewesen.

Bereits am 24. November 2015, also mehr als ein Jahr vor dem Anschlag, meldete der V-Mann »Murat« alias »VP01« konkrete Anschlagspläne Amris an das LKA Düsseldorf, wie es im WamS-Bericht heißt. Diese seien – wie alle weiteren Erkenntnisse – von dort an BKA, Generalbundesanwalt und das Bundesamt für Verfassungsschutz weitergereicht worden.

Spätestens seit dem 3. Dezember 2015 seien deshalb die häufig wechselnden Mobiltelefone Amris abgehört und seine Internetverbindungen überwacht worden. Mitte Dezember 2015 soll Amri mit seinem rund um die Uhr überwachten Smartphone detaillierte Anleitungen zum Mischen von Sprengstoff sowie zum Bau von Bomben und Handgranaten heruntergeladen haben. Spätestens ab Februar 2016 habe Amri mit dem abgehörten Handy mit zwei Kadern der Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS) in Libyen telefoniert und sich als Selbstmordattentäter für einen Anschlag in Deutschland angeboten. Mit Hilfe des V-Manns »VP01« sei es den Staatsschützern noch im selben Monat gelungen, in die verschlüsselte Chat-Kommunikation Amris mit den IS-Kadern über die Messengerdienste Telegram und Whats-App einzudringen. Der Zeitung liegen nach eigenen Angaben Behördenmails und Akten vor, die eine stärkere Rolle der deutschen Nachrichtendienste belegen als bislang von der Bundesregierung dargestellt. (AFP/jW)


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