Aus: Ausgabe vom 16.12.2017, Seite 6 / Ausland

Weiße Banner gegen Bagdad

Rätselraten um sunnitische Kampfgruppe im Nordirak. Türkische Armee dringt in Nachbarland ein

Von Nick Brauns
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Schiitische Kämpfer am 24. September in Tuz Khurmato

Die türkische Armee ist in der Nacht auf Freitag mit Luftlandetruppen auf irakisches Territorium vorgedrungen. Kampfflugzeuge bombardierten das grenznahe Bergland. Es handele sich um eine »Antiterroroperation« gegen Guerillakämpfer der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), meldete die amtliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu.

Unterdessen ziehen die irakische Armee und schiitische Milizen der Haschd Al-Schaabi (Volksmobilisierung) Truppen um die nordirakische Stadt Tuz Khurmatu zusammen. Der Kommandant der Haschd Al-Schaabi für die nördlichen Frontabschnitte, Abu Riza Al-Najar, kündigte eine Operation zur »Säuberung« des Berglandes von »Separatisten« und »Terroristen« an. Die rund 75 Kilometer südöstlich der Erdölmetropole Kirkuk gelegene Stadt Tuz Khurmatu mit 150.000 mehrheitlich turkmenischen Einwohnern gehört zu den zwischen Bagdad und der kurdischen Regionalregierung in Erbil »umstrittenen Gebieten«. Nach ihrer Einnahme durch die Haschd Al-Schaabi am 16. Oktober wurden dort nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International 35.000 kurdische Einwohner vertrieben. Hunderte Häuser wurden geplündert und in Brand gesteckt.

Nachdem durch Granatbeschuss in Tuz Khurmatu zwei Menschen getötet und über 15 verletzt worden waren, bombardierten irakische Kampfhubschrauber Mitte der Woche Dörfer in der Region Zinana. Tausende Kurden, die dort Zuflucht gesucht hatten, waren zur neuerlichen Flucht gezwungen. Die Granaten auf Tuz Khurmatu wurden nach Angaben des irakisch-kurdischen Senders NRT von Widerstandskämpfern abgeschossen. Ehemalige Peschmerga und vertriebene Einwohner hatten sich zu einer rund 200köpfigen »Volksbefreiungskraft« zum Kampf gegen die Haschd Al-Schaabi zusammengeschlossen. »Wir sind eine Gruppe von Freiwilligen«, erklärte ein Kämpfer namens Mohammed Fazel Ende November gegenüber der irakisch-kurdischen Nachrichtenseite Rudaw. »Wir operieren außerhalb der politischen Parteien und unabhängig von der Regierung.«

Neben der »Volksbefreiungskraft« operiert in der Region zwischen Tuz Khurmatu und Kifi eine weitere geheimnisumwitterte »Freie Sunnitische Armee«, die von der Bevölkerung aufgrund ihrer weißen Fahne mit einem schwarzen Löwenkopf »Träger der weißen Banner« genannt wird. Das Hauptquartier dieser 500 bis 600 Mann starken Gruppe befindet sich einem Gebirgsareal im Grenzgebiet der Provinzen Salahadin und Sulaymania, das weder unter Kontrolle irakischer noch kurdischer Sicherheitskräfte steht. Die Truppe wird für Raketenangriffe auf Tuz Khurmatu und die Vororte von Kirkuk verantwortlich gemacht. Zudem sollen ihre Kämpfer auf der Straße von Kirkuk nach Bagdad mehrere Lastwagen geplündert und in Brand gesteckt sowie die Fahrer verschleppt haben.

Als Anführer der Gruppe tritt ein Peschmerga der in Erbil regierenden Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) namens Assi Al-Qawali auf. Ranj Talabani, ein Sicherheitsexperte der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) in Sulaymania, beschuldigte die KDP, gefangene Kämpfer der Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS) freigelassen zu haben, damit diese sich dem »Weißen Banner« anschließen.

»All das zielt darauf, Bagdad zu Verhandlungen zu zwingen, damit die kurdischen Kräfte zurückkehren und wieder die Kontrolle über die Region übernehmen können«, erklärte ein anonym bleibender Vertreter des irakischen Geheimdienstes gegenüber der Nachrichtenseite Arab News. KDP-Mann Al-Qawali werde nur vorgeschoben, denn hinter den »Weißen Bannern« verberge sich in Wahrheit die islamistische Organisation Ansar Al-Islam. Diese ursprünglich zu Al-Qaida gehörende Gruppe, die sich 2014 dem IS anschloss, hatte bis zur US-Invasion im Irak 2003 Dutzende Dörfer im Grenzgebiet zum Iran unter ihrer Kontrolle.


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