Aus: Ausgabe vom 13.12.2017, Seite 2 / Inland

»Die Lüge vom ›Krieg gegen Terror‹ entkräften«

Das Hamburger Bündnis »Bildung ohne Bundeswehr« organisiert friedenspolitische Vorträge. Auftakt morgen zum »Islamischen Staat«. Ein Gespräch mit Alison Dorsch

Interview: John Lütten
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Gegen die deutsche Armee wird regelmäßig protestiert, so auch bei diesem Ostermarsch in Hamburg (23. März 2016)

Unter dem Überschrift »Antikriegstalk« probiert Ihr Bündnis am morgigen Donnerstag ein neues Veranstaltungsformat aus. Seit wann helfen denn Gespräche, Kriege zu verhindern?

Vorträge allein verhindern natürlich keine Kriege. Aber um etwas gegen die westliche Kriegspolitik unternehmen zu können, müssen wir wissen, worum es dabei eigentlich geht. Überall schlägt der Wettlauf der Herrschenden um geopolitische Vorteile, Rohstoffe und Märkte in offene Gewalt um. Auch deutsche Wirtschaftsinteressen werden immer hemmungsloser militärisch durchgesetzt. Es wäre ja schön, wenn Linke das als Anlass nähmen, geschlossen Kriege zu verhindern! Statt dessen müssen wir mit Schrecken beobachten, wie friedenspolitische Positionen zunehmend verwässert und sogar aufgegeben werden. Wir weigern uns, die kategorische Ablehnung deutscher Kriege anzutasten. Informationsangebote wie der »Antikriegstalk« sollen helfen, Friedenspolitik wieder stark zu machen. Denn wer vernetzt und gut informiert ist, organisiert auch schlagkräftigere Aktionen.

Solche Protestaktionen führen Sie regelmäßig vor Schulen, auf Messen oder beim Hamburger Hafengeburtstag durch. Wozu jetzt noch ein Veranstaltungsformat?

Der »Antikriegstalk« ist kein Konkurrenzprogramm zu anderen Aktionen. Wir werden weiterhin regelmäßig dazu aufrufen, gegen Rekrutierungsevents der Bundeswehr aktiv zu werden. Aber die Kriegspropaganda wird auch darüber hinaus offensiver. Viele aus der Bewegung haben kaum Gelegenheit, sich ausreichend zu informieren, um den Kriegslügen etwas entgegenzusetzen. Und andere, die nicht links, aber unentschieden sind, kommen mit unseren Positionen selten in Kontakt. Wir wollen die »Antikriegstalks« daher regelmäßig organisieren.

Den Auftakt macht morgen der Politikwissenschaftler Werner Ruf zum Thema »Islamischer Staat, globalisierter Terror und westlicher Imperialismus«. Warum sollten sich Anti-Bundeswehr-Aktivisten mit diesen Zusammenhängen befassen?

Weil auch deutsche Soldaten vorgeblich gegen den IS kämpfen. Die Lüge vom »Krieg gegen den Terror« ist ein wirkungsmächtiger propagandistischer Trick, der entkräftet werden muss. Um beurteilen zu können, was die Bundeswehr wirklich in Kriege treibt, müssen wir zunächst die jeweilige Situation vor Ort verstehen. Dann wird schnell klar, dass deutsche Soldaten weder für Freiheit noch für Demokratie und schon gar nicht für Menschenrechte zur Waffe greifen.

In Ihrer Ankündigung schreiben Sie, die »imperialistischen Mächte und ihre Verbündeten im Nahen Osten« hätten den IS erst stark gemacht. Das müssen Sie erklären.

Zu den Strategien imperialistischer Mächte und ihrer Verbündeten im Nahen Osten gehört schon lange der Sturz unliebsamer Regime. Dabei werden nicht nur Länder wie der Irak und Syrien in Schutt und Asche gelegt. Mörderische Milizen vor Ort auszubilden, auszurüsten oder auch einfach nur zu dulden, ist eine beliebte Strategie, um Risiken und Kosten der eigenen Kriege auszulagern. Genau dieses Modell wird gerade mit dem IS wiederholt. Die Unterstützung erfolgt in unterschiedlichsten Formen, oft verdeckt oder über Umwege. Für eine detaillierte Darlegung fehlt hier freilich die Zeit – aber genau den soll die Veranstaltung ja morgen bieten.

Nun könnte mancher fragen, ob Sie damit die Terrorgefahr relativieren wollen. Ihre Antwort?

Es geht uns nicht darum, die Greueltaten des Islamischen Staates kleinzureden. Es geht uns darum, einerseits über die Grausamkeit des IS nicht das Ausmaß der Grausamkeiten aus den Augen zu verlieren oder gar zu rechtfertigen, die die westliche Kriegspolitik zu verantworten hat. Und andererseits wollen wir den systematischen Zusammenhang zwischen diesen Verbrechen aufdecken. Wer ausschließlich die schrecklichen Taten des Islamischen Staates sieht, legt sich Scheuklappen an und spielt damit der westlichen Kriegspropaganda in die Hände. Denn was dann unter den Tisch fällt, sind eben all ihre eigenen Verbrechen.

Alison Dorsch ist Sprecherin des Bündnisses »Bildung ohne Bundeswehr«

Veranstaltung »Die Geister, die ich rief: Islamischer Staat, globalisierter Terror und westlicher Imperialismus« mit Werner Ruf (Kassel): Donnerstag, 14. Dezember, 19 Uhr, Curio-Haus, Rothenbaum­chaussee 11–15, Hamburg


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