Aus: Ausgabe vom 07.12.2017, Seite 10 / Feuilleton

Sophia und der Gesäßsimulator

Von Thomas Wagner
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Mechanisches It-Girl: Roboterdame Sophia (l.), seit kurzem Bürgerin Saudi-Arabiens, mit Fans

»Träumen Androiden von elektrischen Schafen?« heißt ein dystopischer Roman von Philip K. Dick aus dem Jahr 1968, der später zur Vorlage des bekannteren Films »Blade Runner« werden sollte. Film und Buch kreisen um ein Thema, das lange nur für eingefleischte ­Science-Fiction-Fans interessant zu sein schien: die Verwischung der Grenzen zwischen Mensch und Maschine. Mittlerweile geht die fortschreitende Robotisierung der Arbeitswelt so ziemlich jeden was an. Alle möglichen Teilfunktionen des menschlichen Körpers werden bereits simuliert. In den Fabrikhallen des US-amerikanischen Automobilkonzerns Ford etwa kommt eine Maschine zum Einsatz, die das menschliche Gesäß nachahmt und unterschiedliche »Sitzmuster« erkennen soll, die von den Technikern des Unternehmens ersonnen worden sind.

Innerhalb eines dreiwöchigen Belastungstests setzt sich dieser künstliche Hintern 25.000mal in ein Auto. Auswirkungen einer ungefähr zehnjährigen Nutzung durch unterschiedlich schwere Menschen sollen auf diese Weise erforscht werden: Welcher Beanspruchung können die in den Fahrzeugsitz eingebauten Materialien standhalten? Ihren ersten Großtest hatte die Maschine vor der Markteinführung des jüngsten Ford-Fiesta-Modells. »Mit dem neuen Roboter können wir nun sehr viel genauer nachvollziehen, wie die Menschen im Auto wirklich sitzen«, sagte eine Sprecherin des Unternehmens Anfang November 2017 gegenüber der Nachrichtenagentur dpa: »Wenn wir in ein Auto einsteigen, sollten die Sitze vom ersten Moment an Komfort und Qualität vermitteln.« Referenzgröße für den zum Einsatz gekommenen Roboter war ein Mann mit durchschnittlichen Körpermaßen. Ob der Ford Fiesta für Frauen nun unbequemer ist?

In Saudi-Arabien dürfen Angehörige des weiblichen Geschlechts ab Juni 2018 den Führerschein machen. Im Hinblick auf Roboterrechte ist man deutlich weiter. Während Maschinen in Deutschland bestenfalls zur Simulation menschlicher Körperteile herhalten dürfen, verlieh die autoritär regierte, wahhabitische Monarchie ausgerechnet einer »Roboterfrau«, also einem Androiden in weiblicher Gestalt, die Staatsbürgerschaft. Die mit bestimmten bürgerlichen Rechten und Pflichten ausgestattete Sophia ist eine Schöpfung des Robotik-Experten David Hanson. »Sie ist charmant, hat weiche Gesichtszüge, trägt Designer-Klamotten und ist alles in allem eine attraktive Erscheinung«, schrieb die FAZ (3.11.2017).

Offenbar hat Sophia auch einen hohen Wiedererkennungswert. Immerhin parodierte die ägyptische Satirikerin Sherine Arafa die fotogene Maschinenfrau an Halloween. Sie lief mit Glatze, den Klamotten des Roboters sowie einem betont ausdruckslosen Gesicht durch die Straßen von Kairo. »Eines Tages will ich auch so werden wie Sophia und meine Rechte bekommen«, twitterte jemand anonym aus Ägyptens Hauptstadt.

Die Roboterfrau ist als Medienberühmtheit schon heute Teil der Welt der Schönen und Reichen, das mechanische It-Girl der kapitalistischen Glamourwelt. »Sophia posierte auf dem Cover der Elle, war zu Gast bei Late-Night-Talker Jimmy Fallon und erzählte in einer britischen Talkshow von ihren vermeintlichen romantischen Vorlieben«, so die FAZ. Ob es sich bei ihren Liebschaften um Menschen oder Maschinen handelt und ob der für Ford arbeitende Gesäßsimulator bei ihr eine Chance hätte, ist nicht bekannt. Immerhin wird sie, so sie in ihrem Heimatland einen Führerschein erwerben will, vielleicht auf einem von ihm geprüften Autositz Platz nehmen dürfen.

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