Aus: Ausgabe vom 06.12.2017, Seite 15 / Antifa

Erinnern ohne Mythenbildung

30 Jahre Antifa in Ostdeutschland waren am Wochenende Thema einer Tagung in Potsdam. Starkes Gefälle zwischen Unistädten und anderen Orten

Von Lothar Bassermann
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Kurz vor Auflösung der DDR: Kongress basisdemokratischer und autonomer Antifa-Organisationen mit rund 400 Delegierten in Bernau, Mai 1990

Die wechselvolle Geschichte des autonomen antifaschistischen Engagements der letzten 30 Jahre war am Wochenende Thema einer Tagung in Potsdam. Der Fokus lag dabei auf Ostdeutschland. Diese Perspektive spielt bis heute auch in der linken Geschichtsschreibung zum Thema Antifa eine eher randständige Rolle, wenn sie nicht vollständig vernachlässigt wird. Rund 250 Interessierte besuchten die Diskussionsrunden und Workshops am Freitag abend und Samstag im Rechenzentrum Potsdam und dem Kulturzentrum Freiland. Organisiert wurde das Ganze von einem Kreis jüngerer und älterer Linker. Unterstützt wurde die Veranstaltung von der Zeitschrift Telegraph, der Emanzipatorischen Antifa Potsdam sowie den Webprojekten Inforiot.de und antifa-nazis-ddr.de.

Wie die Mitorganisatorin Christin Jänicke vorab im jW-Gespräch (siehe Ausgabe vom 22. November) ankündigte, sollten auf der Veranstaltung »kritische Wissenschaft, Aktive und andere Interessierte« zusammengebracht werden. Potsdam erschien als Ort besonders passend, da hier im Jahr 1987 die erste Antifagruppe der ehemaligen DDR entstanden war – und damit kurz vor ähnlichen Gründungen in Halle (Saale), Dresden und Berlin.

Großen Raum nahmen persönliche Berichte ein – beispielsweise am Samstag innerhalb eines Panels zu »Kontinuitäten und Brüchen des Aktivismus«. Rund 40 Antifas unterschiedlichen Alters tauschten ihre Erlebnisse und Erfahrungen aus, wie sie zu ihrem Engagement gekommen waren und auch, wie sie dabeiblieben. Deutlich wurden die verschiedenen Zugänge, seien es antifaschistisch geprägte Familien, politisch ähnlich orientierte Freundeskreise oder der akute Bedarf, Gegenwehr gegen rechte Gewalt zu organisieren. Prägend waren für viele Anwesenden auch die regionalen Differenzen: So träten Antifagruppen in Städten mit Universitäten häufig sehr akademisch auf und führten Debatten, zu denen ähnlich Gesinnte in Gegenden mit starken Neonaziszenen wegen der direkten Bedrohung keinen oder fast keinen Bezug haben. Viele Brüche seien durch den Wegzug von Aktivistinnen und Aktivisten vom Land in die Stadt zu erklären, durch Karrieren innerhalb des »Aufstands der Anständigen«, scheinbare Unvereinbarkeit von politischer Arbeit und Familie oder Szenekonflikte über Militanz und Sexismus. Kontinuität könne zum Beispiel durch persönliche Bindungen, Wissensweitergabe und nichtbevormundende Jugendarbeit ermöglicht werden.

Ein weiterer Workshop am Samstag trug den Titel »Geschichte wird gemacht … Erinnern und Gedenken als politische Praxis«. Anwesend waren Vertreterinnen und Vertreter des Leipziger Infoladens im Zentrum »Conne Island«. Eingeladen waren zudem Mitwirkende des 2017 erschienenen Buches »30 Jahre Antifa in Ostdeutschland« und Beteiligte der antifaschistischen Aktionen in Erinnerung an das rassistische Pogrom 1992 in Rostock-Lichtenhagen und an den im gleichen Jahr von Neonazis in Berlin erstochenen Silvio Meier. Die Diskussion bot spannende Einblicke, wie innerhalb der Antifa Erinnerungspolitik ohne Mythenbildung und Märtyrerkult möglich ist. Immer wieder wurde auch anhand lokaler Beispiele verdeutlicht, dass Geschichtspolitik im antifaschistischen Sinne mitgeprägt werden kann, wenn der Kontakt zu Betroffenen oder Hinterbliebenen aufrechterhalten wird, und wie durch kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit Deutungshoheit gewonnen werden kann.

Die Diskussionsrunde »Antifa und feministische Kämpfe«, stieß bei Besucherinnen wie Besuchern auf großes Interesse. Eingeladen waren mehrere Aktivistinnen, vorwiegend aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, die teilweise schon in den ersten Jahren nach Ende der DDR in antifaschistischen und feministischen Gruppen organisiert waren. Feministische Aktivitäten waren ab 1990 beispielsweise Demos gegen den sogenannten Antiabtreibungsparagraphen 218, da Frauen in der DDR bereits seit 1972 ohne Pflichtberatung selbst hatten bestimmen können, ob sie eine Schwangerschaft austragen wollten.

Immer wieder wurde auf der Potsdamer Tagung hervorgehoben, dass die Organisierung von FLTI-Personen (Abkürzung für Frauen, Lesben, Transgender und Intersexuelle) in einer zumeist männlich dominierten Antifaszene mit teils mackerhaften Zügen gewaltige Probleme mit sich bringt. Vernetzungen von FLTI in der Szene hätten teils bundesweiten Charakter und böten trotz Anfeindungen bis heute Raum für Reflexion und Erfahrungsaustausch beispielsweise über sexualisierte Gewalt und Empowerment. Deutlich wurde auch, dass klassische sexistische Rollenzuschreibungen FLTI-Personen auch in der Szene allzuhäufig in kaum wahrnehmbare oder auch emotionale Arbeitsfelder drängten und die Rollen damit noch starrer würden. FLTI, die sich in männlich geprägten Aufgabenfeldern bewegen, würden häufig doppelt gefordert und suchten sich dann stets eigene FLTI-Räume oder -Gruppen zum Ausprobieren mit weniger Bewertungsdruck. Als Konsens stellte sich recht schnell heraus, dass Antifa ohne Feminismus genauso wenig denkbar ist wie umgekehrt.

»30 Jahre Antifa in Ostdeutschland – Perspektiven auf eine eigenständige Bewegung«, Verlag Westfälisches Dampfboot, 208 Seiten, 20 Euro


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