Aus: Ausgabe vom 06.12.2017, Seite 11 / Feuilleton

Werner, Stöhr

Von Jegor Jublimov
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Musste beim Pas de deux oft auf ihre Partner hinabblicken: Margot Werner bei ihrem 50. Bühnenjubiläum 2007 in Berlin

Wegen ihrer Prominenz, aber auch wegen ihrer ungewöhnlichen Kleider erhielten beim jährlichen Schaulaufen der Bayreuther Festspiele lange eine Hamburgerin und eine Salzburgerin großen Applaus: Angela Merkel und Margot Werner. Letztere war die Größere. Die hoch aufgeschossene Werner begann ihre Karriere als Tänzerin 1959 in München und musste beim Pas de deux oft auf ihre Partner hinabblicken. Einen Popularitätsschub brachte 1972 ihr Wechsel zum Chanson, dem sie mit ihrer dunklen Stimme und dem selbstbewussten, herausfordernden Auftreten eine ganz eigenständige Farbe im bundesdeutschen Showgeschäft gab. Der von ihr auch getextete Titel »So ein Mann« stürmte 1977 die Charts und ist heute ein Goldie-Oldie. Margot Werner erhielt eigene TV-Shows, ging auf Tourneen, spielte Theater und Musical, etwa die Spelunken-Jenny in Brechts »Dreigroschenoper«. Auch in Fernsehfilmen bewährte sie sich, etwa 1981 neben Curd Jürgens und Armin Mueller-Stahl in der Stefan-Heym-Verfilmung »Collin«.

Ein letzter Höhepunkt ihrer Laufbahn war ein Programm mit Filmsongs, bei dem sie 1994, von einem großen Orchester begleitet, in Münchner und Berliner Philharmonie umjubelt wurde. Warum sie danach kleinere Brötchen backte, mit Lafer und Lichter Leckeres kochen musste und ihr Geld hauptsächlich auf Kreuzfahrten verdiente, ist schwer verständlich. Die Insolvenz ihres Mannes, eines Hoteliers, zog sie 2002 weiter nach unten. War es das Alter, die Gesundheit? Im 75. Lebensjahr stürzte sie sich 2012 aus einem Klinikfenster in den Tod. Am Freitag wäre sie 80 geworden.

Auch der zweite österreichische Jubilar dieser Woche lebt nicht mehr. Emil Stöhr wurde aber immerhin fast 90 Jahre alt. Geboren am 5. Dezember 1907 in Wien, wuchs er dort als Sohn eines Bürodieners und einer Flaschenwäscherin (in einer Kellerei) heran und konnte auf der Akademie Darstellende Kunst studieren. Als Kommunist musste er beim »Anschluss« Österreichs 1938 in die Schweiz fliehen und fand am Zürcher Schauspielhaus Arbeit – so wie sein Bruder Karl Paryla. Stöhr hieß bei der Geburt ebenfalls Paryla, wollte es aber nicht auf Verwechslungen ankommen lassen und wählte ein Pseudonym.

Nach dem Krieg wirkten die Brüder am einzigen links-proletarisch geprägten Wiener Theater in der Scala und emigrierten nach politisch motivierter Schließung und Abriss des Hauses in die DDR. Hier hatte Stöhr eine fruchtbare Zeit, spielte und inszenierte am Deutschen Theater Berlin, spielte Titelrollen in den DEFA-Filmen »Robert Mayer – der Arzt aus Heilbronn« (1955) und »Tilman Riemenschneider« (1958). Auch im Deutschen Fernsehfunk war er vertreten, beispielsweise mit Tschechow- und Nestroy-Inszenierungen, ehe er 1963 in die Schweiz zurückkehrte.


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