Aus: Ausgabe vom 06.12.2017, Seite 7 / Ausland

Bündnis zerbrochen

Nach dem Tod des jemenitischen Expräsidenten stehen sich dessen Anhänger und die Ansarollah gegenüber

Von Knut Mellenthin
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Ein Kämpfer der Ansarollah vor dem Haus des ehemaligen jemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Saleh nach dessen Tötung in Sanaa am 4. Dezember 2017

Die saudiarabische Luftwaffe hat ihre Angriffe auf die jemenitische Hauptstadt Sanaa und deren Umgebung nach dem Tod des früheren Präsidenten Ali Abdullah Saleh verstärkt. Der 75jährige, der das Land bis zu seinem Rücktritt 2012 mehr als 30 Jahre lang regiert hatte, wurde am Montag bei einem Gefecht mit Soldaten seines bisherigen Verbündeten, der schiitischen Organisation Ansarollah, getötet. Nach Angaben des in Katar ansässigen arabischen Senders Al-Dschasira war Saleh auf der Flucht aus Sanaa mit seinem Fahrzeugkonvoi an einem Kontrollposten gestoppt worden. Bei der sich darauf entwickelnden Schießerei sollen auch mehrere Personen aus dem Führungskreis des Expräsidenten ums Leben gekommen sein.

Sprecher von Ansarollah erklärten am Montag, dass die Lage in der Hauptstadt völlig unter Kontrolle gebracht worden sei. Hunderte von bewaffneten Anhängern Salehs und seiner Partei, des Allgemeinen Volkskongresses, hätten sich ergeben. Am vorigen Mittwoch waren in Sanaa schwere Kämpfe zwischen den beiden Lagern ausgebrochen, die sich 2015 zum gemeinsamen Widerstand gegen die saudisch geführte Militärintervention zusammengeschlossen hatten. Berichte aus den Krankenhäusern besagen, dass bei den Kämpfen der vergangenen Woche mehr als 140 Menschen getötet und mehrere hundert verletzt wurden.

Am Sonnabend hatte ein von den Anhängern des Expräsidenten kontrollierter Sender eine Rede Salehs ausgestrahlt, in der dieser schwere Vorwürfe gegen seine bisherigen Verbündeten richtete und dazu aufrief, keine Anordnungen von Ansarollah zu befolgen. Offenbar bezog sich das auf die von der schiitischen Organisation dominierten gemeinsamen Verwaltungs- und Militärstrukturen. An Saudi-Arabien und die ebenfalls am Interventionskrieg beteiligten Vereinigten Arabischen Emirate richtete Saleh das Angebot, »eine neue Seite aufzuschlagen«, wenn diese ihre Blockade gegen den Jemen aufheben würden.

Al-Dschasira meldete am Montag, dass Salehs Bruch mit Ansarollah schon seit einigen Monaten durch geheime Verhandlungen in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Emirate, unter saudiarabischer Beteiligung geplant und vorbereitet worden sei. Hintergrund sei die Suche beider Staaten nach einer Möglichkeit zum Ausstieg aus ihrem Interventionskrieg gewesen, der sich wider Erwarten langwierig und verlustreich entwickelt habe. Das gemeinsame Ziel sei gewesen, den 2012 eingesetzten Nachfolger des gestürzten Saleh, seinen langjährigen Stellvertreter Abed Rabbo Mansur Hadi, fallenzulassen und statt dessen erneut den Expräsidenten oder einen seiner Verwandten an die Macht zu bringen. Vor allem Salehs Sohn Ahmed hätte diese Rolle einnehmen können. Er lebt seit fünf Jahren in den Vereinigten Emiraten und war zuvor Botschafter dort gewesen. Kronprinz Mohammed bin Salman, der mächtigste Mann Saudi-Arabiens, habe im Juni einen Unterhändler zu Ahmed Saleh nach Abu Dhabi geschickt, um die Möglichkeit der Bildung einer neuen jemenitischen Regierung unter seiner Führung zu sondieren.

Ansarollah-Führer Abdul Malek Al-Huthi sprach am Montag in einer Fernsehrede von einem »historischen, beispiellosen und großen Tag, an dem die Verschwörung des Betrugs und des Verrats scheiterte, diesem schwarzen Tag für die Kräfte der Aggression«. Ob Ansarollah den Kampf an dieser inneren Front wirklich schon gewonnen hat, ist jedoch ungewiss und muss sich erst noch zeigen. Hinter Saleh standen bisher nicht nur die über eine eigene Miliz verfügenden Anhänger seiner Partei und mehrere einflussreiche Stammesführer. Auch große Teile der regulären Truppen unterstützten ihn. Der Neffe des getöteten Expräsidenten, Tarik Mohammed Abdullah Saleh, ein Armeegeneral, könnte die militärische Führung dieser Kräfte übernehmen. Ansarollah scheint derweil besonders darum bemüht, die Anhänger von Salehs Partei zu beruhigen: »Wir haben kein Problem mit dem Allgemeinen Volkskongress und seinen Mitgliedern«, versicherte Al-Huthi am Montag in seiner Fernsehrede.

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