Aus: Ausgabe vom 06.12.2017, Seite 6 / Ausland

Hoffnungsträger Rahul Gandhi

47jähriger Spross der »First Family« soll Indiens Kongresspartei aus dem Jammertal führen

Von Thomas Berger
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Rahul Ghandi am 11. November bei einer Wahlkampfveranstaltung im Staat Gujarat

Indiens älteste und einst weitgehend dominierende Partei steht 131 Jahre nach ihrer Gründung vor einem einschneidenden Führungs- und Generationswechsel. Am 11. Dezember soll Rahul Gandhi offiziell zum neuen Parteichef ausgerufen werden. Am Montag gab er seine Kandidatur für die Führung der altehrwürdigen Kongresspartei (INC) bekannt. 89 Personen nominierten ihn, darunter die bisherige Vorsitzende, seine Mutter Sonia Gandhi, der ehemalige Premierministers Manmohan Singh sowie einstige INC-Chefminister von Unionsstaaten. Rahul Gandhi ist der einzige Bewerber. Gemäß Protokoll kann seine Wahl nach Ablauf der Rückzugsfrist in einer Woche amtlich bekanntgegeben werden.

Auf dem 47jährigen ruhen die Hoffnungen einer Partei, die Indien seit seiner Unabhängigkeit vor 70 Jahren die längste Zeit regiert hat, phasenweise ohne jegliche ernst zu nehmende Opposition. Doch die Zeiten haben sich geändert. Der INC stellt seit den Wahlen im Mai 2014 nur noch 44 Abgeordnete in der 543-köpfigen Lok Sabha, dem Unterhaus des indischen Parlaments. Die siegreiche hindunationalistische Bharatiya Janata Party (BJP) von Premier Narendra Modi gewann die absolute Mehrheit und regiert so ohne Koalitionspartner. Das hatte es seit rund 30 Jahren nicht mehr gegeben.

Der jüngste Abkömmling der Nehru-Gandhi-Dynastie wurde bereits vor fünf Jahren zum stellvertretenden Parteichef gewählt. Seither spielt er in allen Wahlkämpfen eine tragende Rolle und übernimmt nun auch ganz regulär den Chefposten.

Beinahe zwei Jahrzehnte, so lange wie niemand zuvor, hatte seine Mutter Sonia Gandhi den INC geführt. Auch die gebürtige Italienerin und Witwe des 1991 von Mitgliedern der damaligen tamilischen Rebellenbewegung LTTE aus Sri Lanka ermordeten Expremiers Rajiv Gandhi, war bei ihrer Wahl zur Parteivorsitzenden im März 1998 als Hoffnungsträgerin gestartet. Sechs Jahre dauerte es, bis die geschwächte Partei 2004 ein Comeback schaffte und zwei Legislaturperioden an der Spitze einer Koalitionsregierung in Delhi regieren konnte.

Rahul hatte lange Zeit den Eindruck erweckt, gegen seinen Willen in die Politik gedrängt worden zu sein. Anfangs wurde eher seine Schwester Priyanka in der Rolle der politischen Erbin gesehen. Zuletzt hat er jedoch durch seine Angriffe auf Premier Modi und dessen uneingelöste Versprechen viel an Biss und Ausstrahlung gewonnen. Ob sich dies auch an der Wahlurne entsprechend auszahlt, wird sich schon diesen Monat zeigen. Am 9. und 14. Dezember stimmt der Unionsstaat Gujarat über ein neues Staatenparlament ab. Modi stammt aus Gujarat und auch wenn der INC keine realistische Chance hat, in der BJP-Hochburg zu gewinnen, sagen jüngste Umfragen ihm immerhin 72 bis 78 Sitze voraus (zu 91 bis 99 für die BJP). Sollte das Ergebnis, das am 18. Dezember nach der Auszählung verkündet wird, tatsächlich in dieser Größenordnung liegen, wäre das ein starkes Signal für einen derzeit kaum vorstellbaren Machtwechsel in Delhi 2019.

Für dieses Projekt müsste Rahul Gandhi aber Allianzen schmieden und einer Zersplitterung der Anti-BJP-Kräfte entgegenarbeiten. Das wird schwer werden, denn die potentiellen Bündnispartner sind sich in vielen Punkten uneinig. Dazu kommt, dass von den Kooperationen auf Regionalebene bisher eher die Partner profitieren konnten.


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