Aus: Ausgabe vom 05.12.2017, Seite 8 / Ansichten

Einbahnstraße Flexibilität

Konzerne gegen IG-Metall-Forderung

Von Daniel Behruzi
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Die Äußerungen von Rainer Dulger zeigen: Appelle an das soziale Verantwortungsgefühl der Bosse gehen ins Leere

Flexibilität? Na klar – aber nur in eine Richtung: zugunsten der Konzerne! So kann man das am Montag in den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland erschienene Interview mit Rainer Dulger zusammenfassen. Der Chef des Unternehmerverbands Gesamtmetall betonte darin: »Über Flexibilität kann man mit uns immer reden.« Die Tarifforderung der IG Metall aber, die Wochenarbeitszeit individuell von 35 auf 28 Stunden reduzieren zu können, wies er vehement zurück. Vor allem das Anliegen der Gewerkschaft, den Lohnverlust von Beschäftigten in Schichtarbeit, mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen teilweise auszugleichen, hält Dulger für Teufelszeug. »Mehr Geld fürs Nichtstun« werde es nicht geben.

Die Äußerungen zeigen: Appelle an das soziale Verantwortungsgefühl der Bosse gehen ins Leere. Natürlich profitieren auch sie davon, wenn Schichtarbeiter Zeit für Erholung haben, wenn Kinder gut betreut werden. Doch die finanzmarktgetriebenen Unternehmen schauen nicht auf langfristige gesellschaftliche Belange, sondern auf kurzfristigen Profit. Sie können nicht mit moralischen Appellen überzeugt, sondern müssen zum Nachgeben gezwungen werden.

Das belegen auch die Gegenforderungen von Gesamtmetall: (Noch) mehr sachgrundlose Befristungen, individuelle Arbeitszeitverlängerung, Kürzung von Zeitzuschlägen. Mehr Flexibilität also, mit der die Schwankungen des Marktes direkt auf die Beschäftigten übertragen werden. Wenn viel zu tun ist, sollen sie (möglichst zuschlagsfrei) mehr arbeiten. Ist die Auftragslage schlecht, werden Arbeitszeitkonten abgebaut, befristete Verträge nicht verlängert, Leiharbeiter und Werkvertragsbeschäftigte nach Hause geschickt. Doch wenn die IG Metall ihrerseits Flexibilität für die Beschäftigten fordert, öffnet sie laut Dulger »die Büchse der Pandora«.

Plump setzt der Gesamtmetall-Funktionär darauf, die Beschäftigten gegeneinander auszuspielen. Ein Metallfacharbeiter verdiene viel mehr als eine Reinigungsangestellte, so Dulger im Interview. Als würde es den Angestellten im Dienstleistungsbereich etwas nützen, wenn sich die Metallarbeiter zurückhalten. Es ist genau umgekehrt: Erkämpfen die Gewerkschaften in der Industrie Verbesserungen, setzen sie Standards, die auf andere Branchen ausstrahlen.

Dulger zufolge könnte es »die härteste Tarifrunde der letzten Jahrzehnte werden«. Das liegt aber nicht an den Forderungen der IG Metall, die bei näherer Betrachtung keineswegs besonders ambitioniert sind. Denn die Arbeitszeitverkürzung soll lediglich vorübergehend gelten und zu einem großen Teil von den Beschäftigten selbst bezahlt werden. Materiell gesehen dürften die Konzerne angesichts der brummenden Produktion damit gut leben können. Das Konfliktpotential liegt vielmehr im Ideologischen: Die Unternehmer drängen darauf, die Arbeitszeiten zu verlängern, unter anderem durch die Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes. Eine tarifliche Verkürzung – sei sie auch noch so bescheiden und differenziert – passt da nicht ins Bild.

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