Aus: Ausgabe vom 05.12.2017, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

»Kündigungen trafen unsere Tarifkommission«

Mitten in Lohnverhandlungen wirft der Wechselstubenbetreiber Travelex drei Beschäftigte raus. Interview mit Rosa Schwenger

Von Johannes Supe
RTX2BTN5.jpg
Die Gewerkschaft Verdi betreut die von Travelex gekündigten Kollegen

Die Gewerkschaft Verdi erhebt schwere Vorwürfe gegen den international tätigen Wechselstubenbetreiber Travelex. Der versuche sich derzeit an der »Zerschlagung von Mitbestimmungs- und Gewerkschaftsstrukturen«, wie es in einer aktuellen Pressemitteilung von Verdi heißt. Was genau ist vorgefallen?

In Frankfurt am Main hat Travelex drei aktive Gewerkschaftsmitglieder fristlos gekündigt. Dazu muss man wissen, dass wir derzeit eine Tarifauseinandersetzung führen. Mit den Kündigungen wurde unsere Tarifkommission getroffen. Sie bestand bisher aus mir als Verhandlungsführerin und vier Beschäftigten von Travelex – darunter zwei der Gekündigten. Außerdem sind zwei der Betroffenen Betriebsratsmitglieder. Ihnen allen wurde ohne Angabe von Gründen gekündigt, zuerst am 14. November dem Betriebsratsvorsitzenden, genau eine Woche später dann den beiden anderen. Dabei sind alle drei schon viele Jahre im Betrieb.

Gab es im Vorfeld Vorkommnisse, auf die sich Travelex beziehen könnte?

Mir sind keine Vorkommnisse bekannt, die einen »wichtigen Grund«, wie er für eine fristlose Kündigung nötig ist, darstellen könnten. Die Arbeitgeberseite muss so einen »wichtigen Grund« belegen, hat das aber bisher nicht getan.

Nun laufen auch bereits Kündigungsschutzklagen, in denen überprüft wird, ob die Vorgänge rechtmäßig sind. Der Arbeitgeber hat die Kanzlei Naujoks beauftragt. Die hat Unternehmen in der Vergangenheit in ähnlichen Fällen vertreten; der Anwalt Helmut Naujoks hat Bücher wie »Kündigung von ›Unkündbaren‹« oder »Schwarzbuch Betriebsrat« veröffentlicht. Da kann man sich zusammenreimen, mit welcher Intention der Arbeitgeber gerade diese Kanzlei beauftragt hat.

Will Travelex gezielt die Gewerkschaft in einer Tarifauseinandersetzung schwächen?

Das vermuten wir. Ich glaube, dass der Arbeitgeber sowohl auf den Betriebsrat als auch auf die Gewerkschaft abzielt. Einen ersten Termin, den wir für Tarifverhandlungen vorgeschlagen hatten, ließ Travelex verstreichen. Ein alternatives Datum bot man uns nicht an. In dieser Woche steht der zweite von uns vorgeschlagene Verhandlungstermin an. Die zeitliche Nähe der Kündigungen zu den Tarifverhandlungen ist jedenfalls sehr auffällig.

Gab es bei vergangenen Tarifverhandlungen ähnliche Vorkommnisse?

Es ist erst die zweite Tarifrunde, die ich bei Travelex miterlebe. In der vorigen kam es nicht zu solchen Maßnahmen. Allerdings berichteten mir Kollegen, dass Betriebsratsmitglieder schon in der Vergangenheit Angriffen ausgesetzt waren. Dem jetzt betroffenen Betriebsratsvorsitzenden war 2006 schon einmal gekündigt worden. Er hat aber vor Gericht recht bekommen und behielt seine Stelle. Mehrere seiner Amtsvorgänger wollte das Unternehmen ebenfalls loswerden. Sie gingen ebenfalls vor Gericht, schlossen dort aber Vergleiche ab und schieden aus dem Betrieb aus. An den zwei kleineren Travelex-Standorten in Hannover und Berlin gibt es keine betriebliche Interessenvertretung.

In Frankfurt am Main sind es regulär drei Kollegen, die den Betriebsrat bilden. Was bedeutet es für das Gremium, dass zwei von ihnen rausgeworfen werden?

Für den Betriebsrat sind die Auswirkungen womöglich noch größer als für unsere Tarifkommission. Nun sind Ersatzmitglieder in das Gremium nachgerückt. Es handelt sich dabei um Personen, die bei der Betriebsratswahl weniger Stimmen erhielten als die Personen, die entlassen wurden. Die Nachrücker werden von der Belegschaft nicht als ihre legitime Interessenvertretung anerkannt. »Das ist dann ein Fake-Betriebsrat«, haben einige Beschäftigte mir gegenüber geäußert, andere sagten: »Mit denen sind wir nicht einverstanden.« Denn es handelt sich um Leute, von denen man vermutet, dass sie dem Arbeitgeber nahestehen. Die Befürchtung ist, dass auf diese Weise ein Betriebsrat entsteht, mit dem das Unternehmen Dinge durchsetzen kann, die bislang nicht möglich waren. Gleichzeitig überwiegt die Solidarität mit den Gekündigten. Man hofft, dass sie zurückkommen, und steht voll hinter ihnen.

Oft finden sich Fälle von »Union Busting« in Unternehmen, die von prekärer Arbeit geprägt sind. Wie sieht es bei Travelex aus?

Hier sorgt unser Haustarifvertrag dafür, dass es keine derart starke Prekarisierung gibt wie in anderen Branchen. In der Vereinbarung sind Gehälter festgelegt, die Travelex nicht unterschreiten kann. Ein Kassierer steigt mit 2.564 Euro brutto ein. Der Betrag ist zwar recht niedrig, liegt aber über dem Mindestlohn. Mit den Berufsjahren steigt er zudem an. Außerdem haben wir festgehalten, dass sozialversicherungspflichtige Beschäftigung die Regel im Betrieb ist. Die Möglichkeit, Menschen auf 450-Euro-Basis arbeiten zu lassen, ist sehr begrenzt.

In der Vergangenheit konnte Verdi also gute Ergebnisse in den Tarifrunden erzielen. Nun deutet alles darauf hin, dass es eine für sie sehr schwierige Runde wird …

Von einer harten Tarifrunde gehe ich auch aus. Der Abschluss wird das Ergebnis einer Auseinandersetzung sein, die wir nun vorbereiten. Wir sind noch immer gut verankert in der Belegschaft. Wir werden nicht hinnehmen, dass ein Arbeitgeber versucht zu bestimmen, wer im Betriebsrat sitzt und wie eine Tarifrunde läuft. Die Rechte der Betriebsräte sind gesetzlich geregelt, die der Gewerkschaft durch das Grundgesetz geschützt.

Gerne hätte jW auch eine Stellungnahme von Travelex zu den Vorwürfen veröffentlicht. Allerdings blieb eine am Freitag mittag verschickte schriftliche Anfrage bis Redaktionsschluss am Montag unbeantwortet, auch telefonisch war keine Auskunft zu erhalten.

Rosa Schwenger ist Sekretärin der Gewerkschaft Verdi in Frankfurt am Main und zuständig für die deutsche Tochter des international tätigen Wechselstubenbetreibers Travelex

Gerne hätte jW auch eine Stellungnahme von Travelex zu den Vorwürfen veröffentlicht. Allerdings blieb eine am Freitag mittag verschickte schriftliche Anfrage bis Redaktionsschluss am Montag unbeantwortet, auch telefonisch war keine Auskunft zu erhalten.


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Lohndumping Die Arbeitskosten und die Konkurrenz

Ähnliche:

Mehr aus: Betrieb & Gewerkschaft