Aus: Ausgabe vom 01.12.2017, Seite 7 / Ausland

Kleinkrieg wird größer

Im Donbass versucht die ukrainische Armee kleinere Vorstöße. Lage in Lugansk nach Wechsel an Spitze der Volksrepublik beruhigt

Von Reinhard Lauterbach
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Ukrainische Soldaten am vergangenen Wochenende in Avdiyivka

Im Donbass hat die ukrainische Armee in den letzten Tagen ihre Angriffe intensiviert. Insbesondere gelang es Kiewer Truppen in der vergangenen Woche, zwei Dörfer nordöstlich von Gorliwka in der laut Minsker Abkommen demilitarisierten Pufferzone zu besetzen. Nach Darstellung des Militärs der international nicht anerkannten Donezker Volksrepublik wurden die Ortschaften inzwischen von der ukrainischen Seite vermint. Die Zivilbevölkerung werde als Geisel gehalten, um eine Rückeroberung durch die Armee der Volksrepublik zu verhindern. Dass die Ukrainer dort etwas zu verbergen haben, wurde am Dienstag dieser Woche deutlich, als die ukrainische Seite eine Patrouille der OSZE daran hinderte, die beiden Dörfer zu inspizieren.

Offiziell nimmt die Donezker Seite die ukrainische Aktion betont gelassen auf. Die beiden Dörfer Travneve und Gladosovo lägen in einer Talsenke wie auf dem Präsentierteller; die Donezker Einheiten kontrollierten dagegen die umliegenden Höhen und seien jederzeit in der Lage, die Ortschaften abzuschneiden. Mit einigem Hohn melden Donezker Medien, die Kiewer Seite habe ihre Absichten selbst verraten: durch einen Fernsehbericht von einer Besprechung des ukrainischen Generalstabschefs Wiktor Muschenko mit örtlichen Kommandeuren. Die Kamera habe dabei über das auf dem Tisch liegende Messtischblatt geschwenkt, so dass es für die eigene Abwehr nicht schwer gewesen sei, den Ort des ukrainischen Vorstoßes vorauszusehen.

Auch an anderen Abschnitten werden die ukrainischen Truppen mit Beginn des Winters aktiver. Nordwestlich von Lugansk lief ein ukrainischer Infanterieangriff in das Kreuzfeuer der Abwehr der Volksarmee und musste unter hohen Verlusten abgebrochen werden. Das Militär der VR Donezk veröffentlichte ein mit starkem Teleobjektiven aufgenommenes Video, auf dem zu sehen ist, wie ukrainische Soldaten, die das Feuer zu eröffnen versuchen, von Scharfschützen erschossen werden. Auf der Tonspur ist zu hören, wie der Schütze anschließend von seinen Kameraden beglückwünscht wird. Angeblich ist das alles nur für Zuschauer über 18 Jahre geeignet.

Unterdessen kommt offenbar die Lieferung auch »tödlicher« Waffen an die Ukraine über Umwege in Gang. Der Chef einer Rüstungsfirma in Texas rühmte sich unlängst im US-Fernsehen, dass er im ukrainischen Auftrag alte sowjetische Waffensysteme modernisiere und an Kiew zurückliefere. Mehrere osteuropäische NATO-Staaten haben der Ukraine altes sowjetisches Kriegsmaterial abgegeben. Polen liefert sowohl Drohnen als auch Systeme zum Abschuss feindlicher Drohnen an die Ukraine. Auf der polnischen Angebotsliste stehen zudem Panzerhaubitzen des Typs »Krab« und andere Panzerfahrzeuge. Aktuell hat der US-Sicherheitsrat die Lieferung von über 400 modernen US-Panzerfäusten des Typs »Javelin« an Georgien gebilligt. An der Menge fällt auf, dass sie die Gesamtzahl der Panzer des russischen Nordkaukasischen Wehrbezirks übertrifft. So ist nicht auszuschließen, dass Georgien auch deshalb so großzügig bedacht wird, damit es die US-Waffen unter der Hand an die Ukraine weitergibt. Zumal die USA wie aus dem Nichts der Ukraine über die bereits bekannten 350 Millionen Dollar offizieller »Militärhilfe« hinaus einen zusätzlichen Zuschuss von 47 Millionen Dollar für den Kauf »moderner amerikanischer Waffen« bewilligt haben.

In der Lugansker Volksrepublik hat sich die Lage nach der unblutigen Absetzung des früheren Republikchefs Igor Plotnitzki in der vergangenen Woche offenbar stabilisiert. Zum amtierenden Republikchef wurde der bisherige Sicherheitsminister Leonid Paschetschnik ernannt. Paschetschnik ist ein früherer Offizier des ukrainischen Geheimdienstes, der 2007 vom damaligen »prowestlichen« Präsidenten Wiktor Juschtschenko mit einem hohen Orden ausgezeichnet wurde. Er hatte damals ein Schmiergeldangebot von Schmugglern ausgeschlagen und sie statt dessen festgenommen. 2014 war er auf die Seite des Widerstands gegen den Kiewer Machtwechsel übergegangen. Plotnitzki wurde auf den Posten eines Verhandlungsbeauftragten für die Friedensgespräche abgeschoben. Als Mitunterzeichner der Minsker Vereinbarungen kann er nicht entsorgt werden, ohne Kiew einen Vorwand zu liefern, diese Vereinbarungen für gegenstandslos zu erklären. Das soll im Moment offenbar vermieden werden.


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