Aus: Ausgabe vom 04.12.2017, Seite 5 / Inland

Überwacht und gestresst

Gesundheitsreport: Digitalisierung führt zu Arbeitsverdichtung und mehr Kontrolle im Betrieb

Von Johannes Supe
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Gestresst im Büro: Ein Beschäftigter sieht sich mit zu vielen Anforderungen konfrontiert

Mit dem »BKK Gesundheitsreport 2017«, einer von den Betriebskrankenkassen herausgegebenen 465seitigen Studie, ist es wie mit vielen derartigen Papieren: Die interessantesten Daten sind in den hinteren Kapiteln versteckt, die nicht zum Themenschwerpunkt der Untersuchung gehören und die zu lesen kaum ein Journalist Zeit hat. So findet sich etwa auf Seite 202 ein Passus, mit dem sich das Zustandekommen »blutiger«, also zu früher Entlassungen von Patienten aus den Kliniken recht gut erklären lässt. Dort heißt es: »Bemühungen um kürzere Liegezeiten haben lange vor Einführung des Klassifikationssystems der diagnosebezogenen Fallgruppen (Diagnosis Related Groups, DRG) in den Jahren 2003/2004 eingesetzt, dieses neue Entgeltsystem erzeugte hierbei aber eine deutlich stärkere Dynamik, da die Vergütung – vereinfacht ausgedrückt – pauschalisiert und unabhängig von der eigentlichen Liegezeit erfolgt«. Kurz: Bleibt ein Patient lange in der Klinik, erhält diese deshalb nicht mehr Mittel, gerät sogar in die Gefahr, Verluste mit seiner Behandlung zu machen. Habe die durchschnittliche Verweildauer in den Kliniken 1987 noch bei 16,8 Tagen gelegen, sank der Wert schon mit Einführung der Fallpauschalen auf 9,6 Tage. Mittlerweile würden mehr als zwei Drittel der Patienten schon innerhalb einer Woche wieder entlassen.

Bereits am vergangenen Dienstag hat der Dachverband der Betriebskrankenkassen seinen aktuellen Gesundheitsreport vorgestellt. Grundlage dafür sind Daten der bei diesen gesetzlichen Kassen Versicherten sowie eine deutschlandweite repräsentative Befragung von 3.000 Beschäftigten. Zum Themenschwerpunkt machten die Autoren des Papiers die Digitalisierung. Unter dem Titel »Digitale Arbeit – digitale Gesundheit« untersuchten sie, wie sich die Tätigkeit der Beschäftigten verändert und welche Bedeutung dies für sie hat. Das wenig überraschende Ergebnis: Die Arbeiter und Angestellten müssen zunehmend mehr Aufgaben parallel nebeneinander erledigen und geraten darüber in Stress.

Trotz Handy, Tablet und Co. beschränkt sich die berufliche Tätigkeit für die Mehrheit dieser Versicherten noch auf ihren Arbeitsplatz. »So gaben 61,4 Prozent der Befragten an, dass sie nie außerhalb ihres üblichen, festen Arbeitsplatzes tätig sind, weder von zu Hause (in Homeoffice oder ähnliches) noch unterwegs«, heißt es dazu im Report.

Dennoch hat die Digitalisierung deutliche Änderungen beim Arbeiten gebracht. Um darüber genauere Aufschlüsse geben zu können, haben die Autoren des Gesundheitsreports die Zustimmung zu verschiedenen Aussagen gemessen. Die meiste Bestätigung fand dabei die Aussage, dass der Einsatz neuer Technologien dazu geführt habe, »dass ich mehrere Aufgaben gleichzeitig erledige« (41,4 Prozent der Befragten stimmten voll zu). Auch andere Antworten deuten auf eine Arbeitsverdichtung hin, so etwa, dass dieselben Aufgaben nun schneller erledigt würden und in derselben Zeit mehr geleistet werden müsse (38,3 bzw. 35,7 Prozent volle Zustimmung). Deutlich weniger erleben hingegen, dass sie Beruf und Familie nun stärker miteinander in Einklang bringen können (23,6 Prozent).

Besonders bedenklich sind diese folgende Angaben, die von jedem fünften geteilt werden: Man fühle sich ausgebrannt oder überlastet, müsse auch in der Freizeit für den Chef erreichbar sein. Dem Satz »Der Einsatz neuer Technologien hat dazu geführt, dass meine Arbeitsleistung stärker kontrolliert und überwacht wird« pflichtete gar jeder dritte bei.

Im Report wird dabei auf eine Auffälligkeit hingewiesen: Während rund ein Viertel der Männer (25,6 Prozent) für sich mehr Freiheiten in der Arbeitsplatz- und Arbeitszeitgestaltung erkennt, sind es unter den Frauen nur 18,7 Prozent. Will heißen: Gerade Frauen, die ohnehin die Mehrheit der unbezahlten Arbeit rund ums eigene Heim und die Familie leisten, werden kaum durch die Digitalisierung entlastet.

Als Grund dafür werden im Report die oft unterschiedlichen Tätigkeitsfelder der Geschlechter vermutet. So arbeiteten Frauen beispielsweise häufig im Gesundheitswesen, in dem die Technologie kaum zu mehr Zeitsouveränität für die Beschäftigten geführt habe. Besonders flexible Branchen, wie der IT-Bereich, seien hingegen von Männern dominiert.


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