Aus: Ausgabe vom 28.11.2017, Seite 5 / Inland

Tür auf bei Tata Steel

Gewerkschaft und Thyssen-Krupp-Chefs einigen sich auf Gutachten im Fusionsprozess mit indischem Konkurrenten. Werksbesichtigungen vereinbart

Von Simon Zeise
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Beschäftigte von Thyssen-Krupp protestierten gegen die Pläne des Managements (Andernach, 23. November)

Vor 30 Jahren gab es einen Schock im Ruhrgebiet. Kurz vor Beginn der Weihnachtszeit wurde am 26. November 1987 bekannt, dass das traditionsreiche Krupp-Stahlwerk mit damals 5.300 Arbeitsplätzen im Duisburger Stadtteil Rheinhausen geschlossen werden sollte, erinnerte die Rheinische Post (RP) am Sonnabend. Fast jede Familie vor Ort war betroffen oder kannte jemanden, der betroffen war. Schnell breiteten sich Empörung und Solidarität mit den Stahlkochern im ganzen Stadtteil aus. »Advent, Advent, die Hütte brennt«, reimte damals die Duisburgerin Angelika Schydlowski.

Heute sind die Arbeiter der Stahlsparte bei Thyssen-Krupp wieder alarmiert. Die Konzernspitze hat bereits Vereinbarungen in einem »Memorandum of Understanding« (MoU) mit dem Management des indischen Konkurrenten Tata Steel getroffen, um eine Unternehmensfusion zu schmieden. Obwohl die europäische Stahlsparte des Essener Konzerns Profite abwirft, sollen 2.000 Mitarbeiter gehen. Nach der Fusion könnten zahlreiche weitere das gleiche Schicksal erleiden.

»Wir waren damals in einer ähnlichen Drucksituation«, sagte Theo Steegmann, der 1987 stellvertretender Betriebsratsvorsitzender des Stahlwerks war, zur RP. Entscheidend sei das Gefühl gewesen, dass das Ruhrgebiet zusammenstand.

Die Beschäftigten werden bislang außen vor gelassen. Betriebsräte und IG Metall wurden über den Inhalt der Verhandlungen weder informiert noch in die Gespräche einbezogen, kritisierten Gewerkschaftsvertreter bei der Verkündung der Jahreszahlen des Konzerns am vergangenen Donnerstag in Essen. Im rheinland-pfälzischen Andernach hatten am selben Tag 8.000 Beschäftigte gegen die Pläne des Vorstands demonstriert. Die IG Metall fordert zehn Jahre Sicherheit für Beschäftigung, Standorte, Anlagen und Investitionen.

Seit Freitag sitzt die Gewerkschaft mit den Chefs an einem Tisch. »Die Verhandlungen haben in sachlicher Atmosphäre begonnen«, hatte ein Unternehmenssprecher am Freitag abend nach einem Treffen der gemeinsamen Arbeitsgruppe erklärt. Auch die IG Metall sprach von einem konstruktiven Gespräch. »Es wird ein unabhängiges Wirtschaftsprüfergutachten sowie ein unabhängiges Gutachten zur Frage der Risiken aus den Pensionsverpflichtungen bei Tata geben.«

Ein Sprecher der Gewerkschaft erklärte am Montag gegenüber jW, die IG Metall zweifele die Kalkulationen der Konzernspitze an. Die zugrundegelegten Renteneintrittsalter der Beschäftigten bei Tata Steel könnten zu gering angesetzt sein. Wenn die Arbeiter nur ein Jahr später in Rente gingen als im MoU dargelegt, könnte die Fusion für Thyssen-Krupp »deutlich teurer« werden. Das dafür notwendige Geld müsste dann durch die Belegschaft »erwirtschaftet« werden. In einem zweiten Gutachten soll die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Fusion untersucht werden.

»Alles, was jetzt weiter verhandelt und möglicherweise vereinbart wird, steht unter dem Vorbehalt unserer Beurteilung dieser Gutachten«, erklärte die Gewerkschaft. »Denn nach wie vor gilt: Ohne wirtschaftliche Tragfähigkeit ist das für die IG Metall kein Konzept.« In den nächsten 14 Tagen werde es zu gegenseitigen Standortbesuchen des Managements kommen, um den technischen Zustand der jeweiligen Anlagen zu begutachten. Zuerst werde Thyssen-Krupp zu Tata fahren, eine Woche später werde Tata zu Thyssen-Krupp kommen. Dadurch sollten die Produktionsnetzwerke offengelegt werden, so der IG-Metall-Sprecher gegenüber jW. Die Gewerkschaft wolle erfahren, an welchen Standorten Tata Steel produziere und welche Auswirkungen dies auf Stahlwerke von Thyssen-Krupp habe.

Konzernchef Heinrich Hiesinger hatte erst am Donnerstag erklärt, dass der geplante Zusammenschluss aus Sicht des Unternehmens absolute Priorität genießt. Die Gewerkschaft hat mit einem Veto bei einer voraussichtlich im Januar geplanten Abstimmung im Aufsichtsrat gedroht. Die beiden Gutachten seien als »ein erster Schritt« der Konzernführung zu werten. Damit würden »zwei grundlegende Forderungen« der IG Metall erfüllt.

In Duisburg-Rheinhausen hat der Arbeitskampf 1987 nach 160 Tagen mit einem »Kompromiss« geendet, heißt es in der RP. »Das Werk wurde noch eine Weile weiterbetrieben, Sozialpläne federten die Stellenstreichungen ab.« Ein Pfarrer habe sich an eine breite Solidarität in dem Stadtteil erinnert, an die Arbeit eines eigens gegründeten Bürgerkomitees und einen rappelvollen Weihnachtsgottesdienst am Stahlwerk. »Mit spektakulären Aktionen wie einer Menschenkette quer durchs Ruhrgebiet hatten die Stahlkocher nicht nur bundesweites Aufsehen erregt, sondern waren auch mit Originaltransparenten als Requisiten in dem Schimanski-Tatort ›Der Pott‹ mit Götz George im ARD-Programm vertreten.« Vielfach dominiere heute die Überzeugung, dass man bestimmten Unternehmensentscheidungen nichts entgegensetzen könne – Zeiten ändern sich.

Siehe Kommentar Seite 8


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