Aus: Ausgabe vom 28.11.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Zerstörtes Land

Saudi-Arabien blockiert noch immer den Zugang von Hilfslieferungen nach Jemen

Von Knut Mellenthin
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Lang erwartete Hilfe: Am Sonntag soll in Hudeida ein Schiff mit Hilfsgütern einlaufen sein

Auf dem Flughafen der jemenitischen Hauptstadt Sanaa ist am Sonnabend zum ersten Mal seit fast drei Wochen wieder ein von der UNO gechartertes Flugzeug mit Hilfslieferungen gelandet. Hauptsächlich hatte es im Auftrag der Kinderhilfsorganisation UNICEF 1,9 Millionen Dosen Impfstoffe gegen Diphtherie, Tetanus und andere Krankheiten geladen. Ebenfalls am Wochenende wurde zunächst gemeldet, dass in Hudeida ein Frachter mit 5.500 Tonnen Mehl angelegt habe. Etwas später hieß es jedoch, dass dieser Hafen nach wie vor gesperrt sei und dass zwei Hilfsschiffe dort auf die saudische Erlaubnis zum Einfahren warteten. Am Sonntag soll allerdings ein Schiff mit 25.000 Tonnen Weizenmehl in Salif, einem Hafen 70 Kilometer nördlich von Hudeida, eingelaufen sein.

Sanaa, Hudeida und Salif liegen in jenem Teil Jemens, der von der schiitischen Organisation Ansarollah, umgangssprachlich »Huthis«, und ihren Verbündeten in den regulären Streitkräften militärisch kontrolliert und politisch verwaltet wird. Saudi-Arabien, das sich gemeinsam unter anderem mit den Vereinigten Arabischen Emiraten seit März 2015 am Bürgerkrieg im Jemen beteiligt, hatte am 6. November eine totale Sperre gegen alle jemenitischen Häfen und Flughäfen verhängt. Dadurch wurde die schon seit 2015 praktizierte militärische Blockade der Saudis gegen die von Ansarollah beherrschten Gebiete auf internationale Hilfslieferungen ausgeweitet. Nach UN-Angaben hat die saudisch geführte Kriegskoalition seit dem 6. November insgesamt 41 geplante Hilfsflüge blockiert. Entsprechend großer Nachholbedarf besteht jetzt. Aber in welchem Umfang die Saudis künftig regelmäßige Lieferungen der UNO und internationaler Hilfsorganisationen zulassen werden, ist weiterhin ungewiss.

Die Luftwaffen der Saudis und ihrer Alliierten haben große Teile der jemenitischen Infrastruktur wie Krankenhäuser, Schulen, Kraftwerke, Lebensmittelfabriken, Straßen und Brücken zerstört. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind im Jemen 17 Millionen Menschen auf Lebensmittelhilfe angewiesen, für sieben Millionen von ihnen besteht die Gefahr einer Hungersnot. Elf Millionen Kinder benötigen Hilfe; viele sind auf lebensgefährliche Weise unterernährt. Etwa alle zehn Minuten sterbe im Jemen ein Kind durch vermeidbare Erkrankungen, sagte UNICEF-Direktor Geert Cappelaere am Wochenende. Der Mangel an medizinischer Versorgung, Medikamenten und Impfstoffen hat die Ausbreitung der Cholera und anderer ansteckender Krankheiten begünstigt. Die Zahl der an Cholera Erkrankten wird gegenwärtig auf eine Million geschätzt; mehr als 2.000 Menschen sind bereits durch die Krankheit gestorben.

Die internationale Hilfsorganisation Oxfam warnte am Sonnabend vor der Gefahr, dass demnächst weitere acht Millionen Menschen den Zugang zu sauberem Wasser verlieren könnten, falls Saudi-Arabien seine Blockade nicht vollständig aufhebt. Das würde die Zahl der von der Wasserversorgung abgeschnittenen Bewohner des Jemen auf 24 Millionen erhöhen. Der kritische Faktor sind die Treibstoffe, die für den Betrieb von Pumpen und ähnlichen Anlagen benötigt werden. Der durch die saudische Blockade verursachte Treibstoffmangel gefährdet auch die Stromversorgung der noch nicht zerstörten Krankenhäuser.

Ein Ende des Krieges im Jemen ist nicht in Sicht. Der UN-Sicherheitsrat hält die saudische Militärintervention für legitim und verlangt als Teil einer Friedenslösung die einseitige Entwaffnung und Kapitulation der Ansarollah und ihrer Verbündeten. An dieser Maximalforderung sind bisher alle Verhandlungen gescheitert.


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