Aus: Ausgabe vom 25.11.2017, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

In dünner Luft

Ein Besuch bei fremden Göttern. Tibet wirkt wie ein Land, das aus der Zeit gefallen ist

Von André Steiniger
Am heiligen Yamzhog Yumco auf 5.000 Metern Höhe.jpg
Schneebedeckte Gipfel, majestätische Landschaften: Der See Yamzhog Yumco im Süden Tibets liegt 4.440 Meter über dem Meeresspiegel

»Trashi Deleg!« – »Glück und Gesundheit!« Mit diesen Worten nimmt uns Norbu, unser tibetischer Reiseleiter, am Flughafen von Lhasa in Empfang. Um den Hals trägt er eine weiße, seidene Khatag, einen Begrüßungsschal. Was sofort auffällt auf dem »Dach der Welt«, wie Tibet gern genannt wird, ist, dass die Luft merklich anders, klarer ist.

Norbus gute Wünsche kommen nicht von ungefähr: Wer sich auf das tibetische Hochplateau begibt, sollte dies lieber gemächlich tun. Am besten steuert man es wie ein Bergsteiger in Etappen an. Wer wie wir aus dem Tiefland direkt in Tibets Herz, das auf 3.600 Meter Höhe gelegene Lhasa, einfliegt, ist schlecht beraten. Ab 2.000 Metern sollten nicht mehr als fünfhundert Höhenmeter pro Tag bewältigt werden. Schwindel, Übelkeit, Herzrasen, Kopfschmerzen, Atemnot sind nur einige der Symptome, die den allzu Wagemutigen erwarten. Im Extremfall drohen Lungen- oder Hirnödeme.

Gewarnt waren wir. Als sich unsere Reisegruppe mit zwei Dutzend Teilnehmern am Flughafen des auf 500 Metern gelegenen Chengdu, der Hauptstadt der im Zentrum Chinas gelegenen Provinz Sichuan, von der dortigen Reiseleiterin verabschiedete, ließen wir sie – nicht ohne Stolz – wissen, dass Tibet unser nächstes Ziel sei. Immerhin ist es für ausländische Touristen nicht ganz unkompliziert, an ein Visum für die Autonome Region zu gelangen. Statt der erwarteten Bewunderung gab es einen entsetzten Aufschrei: »Da würde man mich niemals hin kriegen!« Erst unlängst, berichtete sie, seien dort zwei junge Reisende – Studenten – zu Tode gekommen, weil sie die Höhenkrankheit nicht verkraftet hätten. Ihr Blick beim Abschied verriet deutlich Skepsis, ob sie uns jemals lebend wiedersehen würde. Willkommen in Tibet!

Tatsächlich gibt es niemanden unter uns, der die erste Nacht in Lhasa schadlos übersteht. Für den Fall, dass es ganz schlimm kommt, stehen in den Hotelzimmern Sauerstoffflaschen bereit. Doch Norbu hat uns sehr eindringlich gewarnt: Wer einmal davon nascht, hängt die ganze Zeit über an der Flasche, wie der Süchtige an der Nadel. Also lassen wir es. Fix und fertig schlurfen wir am nächsten Morgen zum Frühstück. Die Untoten in Roman Polanskis »Tanz der Vampire« gaben sicher eine deutlich bessere Figur ab. Wir halten uns an den Rat von Uli Franz aus seinem Buch »Gebrauchsanweisung für Tibet«: »Der kluge Reisende (auch er sieht elend aus) trinkt sehr viel.«

Spirituelles Denken

Mitten in der Altstadt von Lhasa, nur wenige Gehminuten von unserem Hotel entfernt, befindet sich der Jokhang, das bedeutendste Heiligtum des tibetischen Buddhismus, der bis ins 7. Jahrhundert zurückreicht. Um hineinzugelangen, muss man zunächst die umfangreichen Sicherheitskontrollen mit Metalldetektoren, Taschen- und Leibesvisitationen passieren. Jeder gute Buddhist sollte wenigstens einmal im Leben diesen Tempel besucht und ihn dreimal umrundet haben, heißt es.

Vielen Zeitgenossen dürfte dies wegen der beschwerlichen und kostspieligen Anreise nicht vergönnt sein. Die dennoch unzähligen Besucher werden für ihre Mühen belohnt: Die mit zahllosen Heiligenbildern und -figuren angefüllten, von Tausenden von Kerzen erhellten und vom schweren Duft der Räucherstäbchen erfüllten Gänge und Räume des Tempels bieten großartige Eindrücke. Es sind wahre Schatzkammern: Bündelweise liegt Geld zu Füßen der Heiligen. Die zu kleinen Ballen gerollten Banknoten sind Opfergaben von Pilgern. Für den europäischen Reisenden dürften es keine großen Summen sein, für den durchschnittlichen Tibeter jedoch beachtliche Beträge. Dargebracht werden sie in der Hoffnung auf die Wiedergeburt in ein besseres Leben. Auch Norbu glaubt fest an ein solches Comeback. Seine dreijährige Tochter, erzählt er, begrüßte ihn eines Tages mit genau denselben Worten und Gesten, die seine verstorbene Mutter einst gebraucht hatte: »Hier, mein Sohn, hast du deine Lieblingstasse.« Nur Zufall?

Mönch mit Handy in Xining.jpg
Draht nach oben: In ganz China sind Mobiltelefone längst Teil des Alltags. Die Autonome Region Tibet bildet da keine Ausnahme

Wie Norbu ist die Mehrzahl der Tibeter nach wie vor buddhistisch und strenggläubig. Nicht wenig erstaunt sind wir daher, keine hundert Meter vom Jokhang-Tempel eine Moschee vorzufinden. »Muslime und Buddhisten kommen gut miteinander aus«, versichert uns unser Führer. Allerdings seien Ehen zwischen Angehörigen beider Religionen nicht gern gesehen. Überhaupt ist das mit der Eheschließung bei den Tibetern etwas speziell: Heiratet ein Mann, sind auch seine Brüder Ehemänner seiner Frau. Umgekehrt gilt das auch für ihre Schwestern. Wer bei dieser Form der Polygamie die Nacht miteinander verbringt, steht nicht von vornherein fest. Den Zutritt zum Schlafzimmer erhält, wer als erster seine Hausschuhe vor die Tür eines der gemeinsamen Ehepartner stellt. Klingt verwirrend, aber das Leben wird es schon regeln. Arrangiert werden die meisten Ehen, wie in alten Zeiten, noch immer von den Eltern. Scheidungen seien zwar möglich, aber selten, beteuert Norbu. Vielleicht wären sie auch einfach zu komplex.

Auf unseren Erkundungsgängen durch die tibetische Hauptstadt treffen wir auf zahlreiche Bettler. Niemand habe das hier nötig, sagt man uns, denn bezahlte Arbeit finde sich genug. Doch das Betteln sei ein recht recht einträgliches Geschäft. Diesen Eindruck haben wir auch. Es wird sehr großzügig gegeben. Es nicht zu tun, wäre schließlich schlecht fürs Karma. Damit spielt man nicht, selbst wenn man selbst nicht an Reinkarnation glaubt. Die chinesische Regierung und deren Ableger in der Provinz scheinen sich an der Bettelei auf den Straßen auch nicht zu stören. Im Westen wird Chinas Offiziellen wohl zu pauschal eine übergroße Liebe zu Ordnung, Gehorsamkeit und Disziplin nachgesagt.

Nicht weniger beeindruckend als der Jokhang ist der Potala-Palast. Er thront auf dem Lhasa 130 Meter überragenden Roten Berg. Erste Grundmauern werden auf das 7. Jahrhundert datiert. Seine dreizehn Stockwerke und 999 Zimmer sind eine Hinterlassenschaft jener klerikalen Feudalkaste, die bis zum Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee 1950 über das Land herrschte. Die am höchsten gelegenen Gemächer dienten dem geistlichen und einst auch weltlichen Oberhaupt Tibets, dem Dalai-Lama, bis zu seiner Exilierung 1959 als Privaträume. Die untersten Etagen sind angefüllt mit den Sarkophagen seiner verstorbenen Vorgänger. Am imposantesten ist der über 17 Meter hohe und aus 3.700 Kilogramm Gold gefertigte kegelförmige Stupa des 5. Dalai Lama aus dem 17. Jahrhundert. Es ist nicht zu leugnen: Eine gewisse Ehrfurcht befällt hier jeden.

Zum Glück hat der Potala-Palast – ein Prunkstück des Weltkulturerbes – die blinde Zerstörungswut der Roten Garden mit ihrem Höhepunkt besonders in den 1960er Jahren unbeschadet überstanden. Leider trifft das auf viele religiöse Bauwerke in Tibet nicht zu. Von den etwa 2.700 Klöstern und Tempeln (andere Quellen sprechen sogar von 6.000) sollen diese Zeit nur ganze acht unbeschadet überstanden haben. Nach westlicher Lesart war ausschließlich die chinesische »Kulturrevolution« von 1966 bist 1976 die Ursache für hunderttausendfache Exzesse nicht nur in Tibet, sondern in ganz China. Allerdings gibt es auch Stimmen, die dieser einseitigen Geschichtsschreibung widersprechen.

Einmarsch des Fortschritts

Norbu erläutert uns seine Sicht auf die jüngere Geschichte. Vor dem Einmarsch der Chinesen, berichtet er, herrschte eine Kaste von Feudalherren und Priestern über Sklaven – die ungestraft drangsaliert und getötet werden durften – sowie über die große Masse leibeigener Bauern und Tagelöhner. Diese Masse war rechtlos, blieb ungebildet, wurde ausgebeutet und unterdrückt. Die tiefe Religiösität der Menschen nutzten die Privilegierten, um sie in Schach zu halten. Mit den Chinesen kam nicht nur die Befreiung von der Leibeigenschaft. Sie brachten Fortschritt in eine von der übrigen Welt bis dahin bestenfalls als exotisches Randgebiet wahrgenommene Region: unter anderem Bildung für alle und ein umfassendes Gesundheitswesen.

Die Entwicklung verlief allerdings langsam. Bis in die 1980er Jahre hinein, erzählt unser Führer, habe es in seinem Dorf weder Telefon noch Strom gegeben. Und damit auch kein Radio oder Fernsehen. Als einmal zwei ausländische Touristen mit Rucksäcken durch den Ort kamen, hätten sich die Einheimischen versteckt, aus Angst, Yetis seien gekommen, um sie zu holen.

Der Potala-Palast in Lhasa.jpg
Überragend: Der ­Potala-Palast auf ­Lhasas ­Rotem Berg war einst das Zentrum weltlicher und religiöser Macht. Heute zählt er zum Weltkulturerbe

In erster Linie waren es die Tibeter selbst, die bereits in den 1950er Jahren, also noch vor der chinesischen »Kulturrevolution«, die eigenen Klöster als Sinnbild eines verhassten Systems niederrissen. Sagt Norbu. Das mag so gewesen sein, doch fanden diese Zerstörungen bereits unter chinesischer Aufsicht statt. Die Verantwortung dafür, dass immer mal wieder gegen Chinas Oberhoheit aufbegehrt wird, sieht unser einheimischer Begleiter hauptsächlich bei den Exiltibetern. Die entstammen meist der alten Herrscherkaste. Aus dem sicheren Exil heraus opponierten sie fortgesetzt gegen die bestehende Ordnung. Nicht unerwähnt bleiben sollte in diesem Zusammenhang, dass China in den letzten Jahrzehnten Hunderte buddhistische Klöster in Tibet hat wiederaufbauen oder renovieren lassen.

Tibet ist in mehr als einer Hinsicht atemberaubend. Der Anblick der Landschaft, der sich bei einer Bustour durchs Land bietet, ist gigantisch. Es geht vorbei an schneebedeckten Gipfeln von Sechs- und Siebentausendern. Das Auge schweift über schier endlose Weiten, die menschenleer scheinen. Tiefblau glitzern Seen. Bis auf 5.000 Meter Höhe bringen uns die Fahrzeuge hinauf. Erstaunt stellen wir fest, dass es bis in diese Lagen kaum Schnee und Eis gibt. Das liege an der Erderwärmung, klärt uns Norbu auf. Dieses Phänomen stelle ein enormes Problem für die gesamte Himalaja-Region dar. Denn wenig Schnee bedeute auch wenig Wasser. Und dieser Mangel sei schlecht für die Landwirtschaft. Tatsächlich führen die Flüsse, die wir passieren – jetzt im April müssten sie von der Schmelze übervoll sein – Niedrigwasser.

Auf unserer Fahrt durch die Region, die an die chinesischen Provinzen Qinghai und Sichuan grenzt, begegnen wir überall Landarbeitern und ihren Familien, die in althergebrachter Art und Weise ihre Felder in mühseliger Handarbeit und mit von Yaks gezogenen Pflügen beackern. Auch hier sind Smartphones allgegenwärtig. Sogar in den Klöstern sitzen Mönche in Nischen herum und spielen auf ihren Handys.

Andere Sitten

Obwohl wir durch eine Reihe von Dörfern und Städten kommen, ist zu unserer Verwunderung nirgends ein Friedhof auszumachen. Dafür gibt es Gründe. Der über lange Zeiten hartgefrorene Boden lässt Erdbestattungen kaum zu. Ohnehin wäre im Buddhismus die Feuerbestattung der klassische Ritus, doch ist das dafür nötige Holz an vielen Orten nicht aufzutreiben. Zum Glück, meint Norbu, denn Brennholz sei teuer, und nicht selten müsse die ganze Dorfgemeinschaft der Familie eines Verstorbenen finanziell zur Seite stehen, wenn der Lama eine Feuerbestattung angeordnet hat. Allein der örtliche Priester bestimmt über Zeit und Art der Beisetzung.

Die »Himmelsbestattung« ist am gebräuchlichsten. Dafür wird der Tote zunächst mehrere Tage lang im Haus aufgebahrt und symbolisch mit Speisen versorgt. Ein Lama liest ihm immer wieder aus dem Tibetischen Totenbuch vor, um seine Seele zum Verlassen des Körpers zu bewegen. Am Tag der Zeremonie wird der Leichnam noch vor Sonnenaufgang zum Bestattungsplatz gebracht. Dort wird der Körper von einem speziell ausgebildeten Bestatter, dem Ragyapa, in 108 (eine heilige Zahl) Teile zerlegt. So können die Geier anschließend den Verstorbenen Stück für Stück in ein Reich zwischen Tod und Wiedergeburt tragen.

Eine Seebestattung läuft ähnlich ab, nur dass die Leichenteile den Tieren im Wasser überlassen werden. Daher gelten einige Seen als heilig, die darin lebenden Fische dürfen nicht gefangen werden. Denn sie tragen die Seelen der Toten in sich. Daneben gibt es noch die Baum-, die Felsen- und die Stupa-Bestattung. Letztere ist die höchste Ehre, die einem Verstorbenen zuteil werden kann. Vorbehalten ist sie den Dalai-Lamas, Pantschen-Lamas und anderen hohen religiösen Würdenträgern. Norbu wünscht sich, dass auch der aktuelle, im indischen Exil lebende 14. Dalai Lama, sein Mönchsname lautet Tenzin Gyatso, nach seinem Ableben wie seine Vorgänger seine letzte Ruhestätte in einem Stupa im Potala-Palast findet.

Wir überleben das tibetische Abenteuer. Und beenden es mit einer spektakulären Fahrt auf der höchstgelegenen Bahnstrecke der Welt bis in die fast 2.000 Kilometer entfernte chinesische Provinzhauptstadt Xining. In den Spezialwaggons mangelt es nicht an Sauerstoff.


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