Aus: Ausgabe vom 25.11.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Atomkriegsträume

Von Arnold Schölzel

Weil der frühere Bankrotteur und heutige Porsche-Fahrer Christian Lindner runter vom Balkon der Parlamentarischen Gesellschaft wollte, verglich der Millionenerbe, Verleger und Chefredakteur der Wochenzeitung Freitag. Das Meinungsmedium, Jakob Augstein, am Montag im sogenannten sozialen Netzwerk »Twitter« die Kanzlerin mit Küchenschaben, Skorpionen, Brackwespen und Obstfliegen: »Merkel erinnert inzwischen an die Insekten, die sogar noch den Atomkrieg überleben. Sie bleibt einfach immer übrig.« Wenn einem Spiegel-Kolumnisten wie ihm Nicht-Menschliches zur Politikerklärung einfällt, ist das keine große Überraschung. Wohlwollen für die laufende rassistische Massenbewegung oder den zoologisch getönten Unfug der angeblich »neuen« intellektuellen Rechten in hiesigen Medien ist Pflicht. Das herrschende reiche Gesindel will in seinen Gazetten seit jeher mehr über Schmetterlinge als über Menschen mit wenig oder gar – igitt – ohne Geld lesen. Nekrophile Insektenkunde ist zudem so etwas wie altbundesdeutsche Leitkultur, spätestens seitdem der schriftstellernde nationale Kriegsknallkopf und Käfersammler Ernst Jünger (1895–1998) 1993 von Frankreichs damaligem Präsident François Mitterand und Bundeskanzler Helmut Kohl durch einen gemeinsamen Besuch ins geistige Pantheon beider Länder aufgenommen wurde.

Wo solch einer also den Lindner mit einem Atomkrieg gleichsetzt, kann die FAZ nicht nachstehen. Noch bevor die Nachricht vom vorläufigen FDP-Wegfall aus der Regierungsbildung eintraf, veröffentlichte die »Zeitung für Deutschland« in der Montagausgabe einen Leitartikel ihres Redakteurs Nikolas Busse unter der Überschrift »Postatlantische Welt«. Das ist zwar eine Nummer kleiner als Augstein, aber geistesverwandt. Busse fragt, wie die Erde nach dem Ab- oder Ausstieg der USA als Supermacht aussieht. Ihren Niedergang hält er für unumkehrbar oder schon vollzogen, ganz klar wird das nicht. Umso selbstgewisser ist dafür seine Vorhersage.

Mit dem entsprechenden Untergangsvokabular geizt er jedenfalls nicht: Die USA seien »eine überdehnte Großmacht, die ihren Herrschaftsanspruch aufgeben muss, weil sie ihn nicht mehr verwirklichen kann.« Ja, sie hätten noch ihre Militärmacht, aber die sei »letzter Trumpf« und zu teuer. Allein die Ausgaben für die Kriege im Irak und in Afghanistan gingen in die Billionen. Busse meint, Donald Trump, der das Land wieder groß zu machen versprach, handele »wie ein Sachwalter des Niedergangs«. Während es unter US-Präsident William Clinton (1993-2001) gereicht habe, »einen Flugzeugträger loszuschicken, um eine Krise zwischen China und Taiwan zu entschärfen«, müsse Trump heute in Beijing »um Unterstützung bei der Lösung des koreanischen Konflikts betteln«. Mit den Ländern Asiens, auf die ein Drittel der globalen Wirtschaftskraft entfalle, wolle er nur bilateral verhandeln. Busse: »ein Offenbarungseid«. Und dann noch die Restwelt: »Rückzug aus dem Nahen Osten«, in Afrika und Lateinamerika die gleiche »Grundtendenz« – keine politischer Wille und keine militärische Kraft, Krisenregionen »zu stabilisieren«. Und dann werde noch das US-Interesse an (Deutsch-)Europa »immer geringer«. Mehr Apokalypse war nie seit Stalingrad.

Was tun? Busses Antwort lautet: Macron. Der habe treffend formuliert, worum es in einer multipolaren Welt gehe: Europa werde »seine Souveränität« nur bei engerer Zusammenarbeit wahren können. Im Klartext: Aufrüstung und Kriegsvorbereitung gegen Russland, das die »Souveränität« bedroht. Wer sonst? Kanzlerin, SPD, Grüne, Lindner und AfD sehen das ähnlich: Mehr deutsche Kriege wagen. Der Insektenkundler Augstein vergaß in seinem Twitter-Traum lediglich: Der Atomkrieg soll mit eigenen Atombomben, nicht mehr nur ausgeliehenen stattfinden.

Der Insektenkundler Augstein vergaß in seinem Twitter-Traum lediglich: Der Atomkrieg soll mit eigenen Atombomben, nicht mehr nur ausgeliehenen stattfinden.


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