Aus: Ausgabe vom 24.11.2017, Seite 2 / Inland

»Wir benötigen polizeilichen Schutz«

Aktivistengruppe »Zentrum für ­politische Schönheit« ­errichtete in Thüringer Dorf Nachbau des Holocaustmahnmals. Gespräch mit Fabian Adam

Interview: Anselm Lenz
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»Blickdicht« und in konzertierter Aktion aufgestellt: Die an die Stelen des Berliner Holocaustmahnmals erinnernden Betonblöcke im Nachbargarten des AfD-Politikers Björn Höcke

Sie haben dem Thüringer AfD-Fraktionschef Björn Höcke ein Holocaustmahnmal vor die Tür gebaut. Warum?

Björn Höcke ist wie kein zweiter Politiker dafür verantwortlich, dass Rassismus, Geschichtsrevisionismus und völkisch-nationalistisches Denken wieder in den öffentlichen Raum kommen. Es sind 24 Stelen, die denen des Berliner Holocaustmahnmals nachempfunden wurden; das Mahnmal steht gegen die Normalisierung des Faschismus in Deutschland.

Höcke sprach zuvor im Zusammenhang mit dem Holocaustmahnmal in Berlin von »Schande«.

Genau von dieser Dresdner Rede Höckes geht unsere Aktion aus. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Das Holocaustmahnmal steht für die absolute Schuld und die dunkelste Stunde der deutschen Geschichte. Der Holocaust ist für das Bewusstsein unserer Nation der zentrale Punkt, an dem wir uns zu messen haben. Höckes Äußerungen sind die größtmögliche Entgleisung.

Höcke kommt aus dem Westen, wohnt im Osten. Nun haben Sie der Ortschaft Bornhagen, die Höcke als sein Idyll bezeichnet, ein Holocaustmahnmal geschenkt. Wie sind die Reaktionen der Leute an Ort und Stelle?

Beim Aufbau waren wir anonym, keiner hat das entdeckt. Wir haben den Garten neben Höckes Haus weiträumig abgeschirmt und blickdicht gemacht. Nach der Enthüllung haben wir große Probleme gehabt mit unterschiedlichen Rechtsextremen. Nicht mit Klischeefaschisten, sondern mit Leuten, die AfD-Plakate hochhielten, während sie schrien, wir seien »Jesuitenpack« und »Bolschewiken«. Zunächst standen etwa 30 Bürger bei Höcke auf dem Grundstück, schließlich sind sie zu unserem Grundstück hinuntergelaufen, bedrohten uns und blockierten die Zufahrt. Es gab Tritte gegen Journalisten, auch wir wurden körperlich angegriffen. Die Polizei hat zunächst einmal unser Haus ohne Erlaubnis durchsucht...

Bitte, wie?

Ja. Wir haben erst Unterstützung bekommen, als es zu den körperlichen Angriffen kam und unsere Anwälte dazu aufforderten. Die Lage hier ist schwierig, und wir benötigen dringend polizeilichen Schutz.

Die Rechten sehen sich als Opfer Ihrer Aktion. Landtagspräsident Christian Carius von der CDU wirft Ihnen »Stasi-Methoden« vor. Der Jurist urteilte, was Sie machten sei »keine Kunst«. Sind Sie enttäuscht von der Partei der bürgerlichen Mitte?

Wir sind mehr als enttäuscht. Carius hat ja in seiner Landtagsrede am Donnerstag morgen den Landesinnenminister auch noch dazu aufgefordert, die Aktion sofort zu beenden, die Künstler zu überwachen und Ermittlungen einzuleiten. Man kann uns in keiner Weise nachsagen, dass wir in die Persönlichkeitsrechte von Höcke eingegriffen hätten. Im Gegenteil: Die AfD-Anhänger übertreten diese Schwelle, sind auf unser Grundstück vorgedrungen, das wir angemietet haben.

Lenin hat geschrieben, »die Feindschaft gegen die Juden hält sich zäh nur dort, wo die Knechtung durch Gutsbesitzer und Kapitalisten die Arbeiter und Bauern in stockfinsterer Unwissenheit gehalten hat«. Sie benutzen mit dem ZPS Medien als Waffe, wie es Politiker und Künstler tun. Geben Sie mit Ihrer Aktion den Rechten die Aufmerksamkeit, die sie wollen?

Wir vertreten offensiv humanistische Ideale, die Gleichheit aller Menschen fern von Rasse, Nation, Sexualität und so weiter. Man bedenke, wie viele Menschen in Höckes Dresdner Rede persönlich beleidigt worden sind. Wir wollen nicht den Verfassungsschutz ersetzen, das sollte die Zivilgesellschaft selber tun. Die Landesämter für Verfassungsschutz stecken selbst aber tief im rechten Sumpf, wie beispielsweise nach dem NSU-Skandal bekannt wurde.

Das ist Fakt. – Reinhard Schramm von der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen sagte allerdings, Ihre Aktion sei »gut gemeint, aber schlecht gemacht«.

Leider hat Schramm keine Begründung dazu gesagt, das ist also nur eine Einschätzung. Wir instrumentalisieren nicht das Berliner Mahnmal, sondern haben eine Außenstelle dort eröffnet, wo es gebraucht wird. Wir können auf vielfältige Unterstützung zählen, etwa durch die jüdische Publizistin Lea Rosh.

Sie haben bekanntgegeben, dass Sie ein geheimes Dossier über Höcke angelegt hätten. Was steht da drin?

Dazu können wir natürlich noch nichts sagen, das ist Dienstgeheimnis des zivilgesellschaftlichen Verfassungsschutzes.

Fabian Adam ist Mitglied der interventionistischen Aktivistengruppe »Zentrum für politische Schönheit« (ZPS); er koordiniert die Kunstaktion in Thüringen


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