Aus: Ausgabe vom 23.11.2017, Seite 2 / Ausland

Rücktritt vom Rücktritt

Libanesischer Ministerpräsident Hariri zurück in Beirut

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Saad Al-Hariri lässt sich am Mittwoch in Beirut von Anhängern feiern

Der libanesische Ministerpräsident Saad Hariri hat nach seiner Rückkehr nach Beirut eine Kehrtwende vollzogen und seinen Anfang des Monats von Saudi-Arabien aus verkündeten Rücktritt zunächst aufgeschoben. Damit sei er einer Bitte des libanesischen Präsidenten Michel Aoun nachgekommen, erklärte Hariri am Mittwoch in einer kurzen Ansprache. Eine Verschiebung des Rücktritts werde einen ernsthaften Dialog innerhalb des Landes ermöglichen. Anschließend ließ er sich im Zentrum der Hauptstadt von Hunderten Anhängern feiern. »Ich werde bei euch bleiben, damit wir die Stabilität des Libanons verteidigen«, rief Hariri ihnen zu.

Nachdem der Regierungschef in Riad unter nach wie vor mysteriösen Umständen seine Demission erklärt hatte, waren Sorgen über einen weiteren Stellvertreterkonflikt zwischen dem sunnitischen Königreich Saudi-Arabien und dessen schiitischem Rivalen Iran aufgekommen. Aoun hatte Riad vorgeworfen, den Ministerpräsidenten festzuhalten und dessen Rücktritt nicht akzeptiert. Die an der libanesischen Regierung beteiligte Hisbollah erklärte, Hariri sei zum Rücktritt gezwungen worden. Riad wies die Vorwürfe zurück. Hariri selbst hatte bei seiner Rücktrittserklärung ein Mordkomplott gegen ihn angedeutet. Bereits sein Vater Rafik Hariri, selbst lange libanesischer Ministerpräsident, war 2006 durch eine Autobombe getötet worden.

Der Regierungschef war am Dienstag abend in den Libanon zurückgekehrt. Nach Besuchen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Frankreich, Ägypten und auf Zypern landete er in Beirut. Am Mittwoch morgen zeigte er sich erstmals wieder bei einem offiziellen Termin in der libanesischen Öffentlichkeit. Der 47jährige gehörte zu den Gästen einer Militärparade zum Unabhängigkeitstag des Landes.

Der Libanon ist ein multikonfessionelles Land mit einem fragilen politischen Gleichgewicht. Die Macht ist nach einem jahrzehntealten Proporz zwischen Sunniten, Schiiten und Christen aufgeteilt. Einflussreichste Kraft ist aber mittlerweile die Hisbollah. Deren Chef Hassan Nasrallah hatte bereits am Montag seine Bereitschaft zum Dialog und zur Fortsetzung der Koalition mit Hariri erklärt.

In Syrien zählt die Hisbollah zu den wichtigsten Verbündeten der dortigen Regierung. Damit steht sie den Interessen Saudi-Arabiens entgegen, das aufständische Islamisten im Kampf gegen den syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad unterstützt. (dpa/AFP/jW)


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