Aus: Ausgabe vom 22.11.2017, Seite 15 / Antifa

Krötentour gegen Neofaschismus

Kampagnenstart mit aktualisierter John-Heartfield-Grafik in Plauen

Von Marek Yanowski
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Ein Motiv des Künstlers John Heartfield aus dem Jahr 1936 haben Antifaschisten für eine Kampagne gegen Neonazis in Plauen und darüber hinaus aufgegriffen

Trotz der eisigen Kälte herrschte unter den Anwesenden eine fast ausgelassene Stimmung. Vor den Augen der etwa 30 Kundgebungsteilnehmer in Haselbrunn, einem Ortsteil im vogtländischen Plauen, vollzog sich am Sonnabend Erstaunliches: Zwei Aktivisten präsentierten eine braune Gummikröte und ein Logo des »III. Weges«. Ein Werbegeschenk der neonazistischen Partei, die in Sichtweite ihr Büro unterhält, abgeschirmt von der Bereitschaftspolizei? Keinesfalls. Vielmehr haben sich lokale Bürgerinitiativen, darunter linke, geeinigt, als Symbol ihres Protestes gegen die militante rechte Kaderorganisation »Der III. Weg« an eine Grafik des antifaschistischen Künstlers John Heartfield anzuknüpfen – woraus in Zusammenarbeit mit Bernd Langer von der Berliner Initiative »Kunst und Kampf« das Konzept für eine ganze Kampagne entstand, die am Samstag in Plauen gestartet wurde.

Heartfield hatte in den 1930er Jahren die Absurdität des Rassenwahns mit einer Tiermetapher deutlich gemacht. Siegesgewiss macht sich auf seinem Bild eine Kröte vor einem Hakenkreuz breit. Der Text des Originals (»3.000 Jahre konsequenter Inzucht beweisen die Überlegenheit meiner Rasse«) wurde leicht abgewandelt. Offizielle Staatsideologie ist Rassenwahn seit 1945 nicht mehr. Doch die »Stimme aus dem Sumpf«, wie Heartfield 1936 im Prager Exil die Krötencollage betitelte, wurde in den letzten Jahren wieder lauter. Und so greift die aktualisierte »Kunst und Kampf«-Plakatversion die historische Vorlage auf, ergänzt sie jedoch um die Logos diverser Akteure der heutigen extremen Rechten, die der Kröte zu Füßen liegen: »Die Rechte«, »Pegida«, die »AfD« – und eben auch »Der III. Weg«. Organisationen, geeint im völkischen Rassismus als dem gemeinsamen Nenner.

Es gehe darum zu verhindern, dass rechte Strukturen sich ausbreiten, erklärte ein Redner. Und so wird die aufgeblasene Plastikkröte zwischen zwei Holzbrettern eingeklemmt. Sie wehrt sich – und gibt schließlich nach. Die Luft ist raus. Auch bei den Plauener Neonazis? Seit fast einem Jahr hält sich das Büro des »III. Wegs« in einem ansonsten leerstehenden Altbau an einer Ausfallstraße. Die Neonazis versuchen, in dem als problematisch geltenden Bezirk Fuß zu fassen. Antifaschisten berichten, dass die sogenannte »nationale Volksküche« eher spärlich frequentiert sei. Anwohner meiden das Haus weitgehend, ob aus Desinteresse oder politischer Ablehnung ist unklar. Dennoch gilt es als Ausgangspunkt rechter Aktivitäten in der Region und darüber hinaus. Hier finden ungestört rechte »Liederabende«, Vorträge und sogar Kampfsportkurse statt.

Überregionale Neonazikader wie Tony Gentsch, Rico Döhler oder René Großkopf verfolgen hier ihre Machenschaften. Die Aktivitäten verbotener neofaschistischer Gruppen wie der »Fränkischen Aktionsfront« oder des »Freien Netzes Süd« würden von ihnen in Plauen fortgeführt, wie am vergangenen Freitag der Journalist Robert Andreasch auf einer Begleitveranstaltung zu den Protesten sagte. Nur dass die Akteure eben ins Vogtland gezogen sind und sich unter dem Schutz des Parteienprivilegs versammeln.

Doch ihre Gegner sind zu weiteren Protesten entschlossen. Die Veranstalter der Aktion am Samstag kündigten an, mit der »Krötenperformance« auf Tour zu gehen. Die Plauener »III. Weg«-Kader hatten zur gleichen Zeit den »Volkstrauertag« zum Anlass genommen, am Ort der Grabstätte des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß im bayrischen Wunsiedel aufzumarschieren, und konnten somit der temporären Belagerung ihres Lokals nichts entgegensetzen. Nach einer gut besuchten Vortragsreihe an verschiedenen Orten in Plauen und der Kunstaktion werden nun weitere Städte für die Kampagne nebst »Krötentour« gesucht.


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