Aus: Ausgabe vom 22.11.2017, Seite 8 / Ansichten

Besorgter Großbürger des Tages: Jakob Augstein

Von Sebastian Carlens
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Wer etwas über den Kapitalismus – über die Verwüstungen, die sein Prinzip der baren Zahlung in der Gesellschaft wie den zwischenmenschlichen Beziehungen anrichtet – lernen möchte, kann sich mit dicken Büchern beschäftigen. Oder mit Jakob Augstein. Der Spiegel-Erbe mag ein bramarbasierender Salonsimpel sein, wofür er nicht viel kann. Aber er hat – dafür kann er noch weniger – dermaßen viel Geld, dass sein Bedürfnis, der Welt all das mitzuteilen, was ihm in den Ganglien brät, eben kein privates, sondern längst ein öffentliches Problem ist.

Andere gehen zu Pegida oder gründen einen Blog – Augstein, besorgter Großbürger, kauft sich eine Zeitung. Nicht nur ein Exemplar, die ganze natürlich. Und weil das nicht reicht, kommen die Kolumne auf Spiegel Online und das Talkformat mit dem Bild-Pistolero Nikolaus Blome auf Phoenix hinzu. »Wir sind nicht souverän«, befindet Seine Erbschaft, und meint die BRD samt ihrer herrschenden Klasse. In der steckt er mehr als knietief drin, und deshalb krepiert seine Rolle als kleiner Mann gegen »die da oben« meist schon ganz vorn im Rohr.

Er mag die Kanzlerin nicht, das ist bekannt – sie soll schuld an der fehlenden Souveränität sein. »Merkel erinnert inzwischen an die Insekten, die sogar noch den Atomkrieg überleben. Sie bleibt einfach immer übrig«, twitterte Augstein am Dienstag. Soweit AfD-kompatibel, doch der mit Zoologismen um sich werfende, geifernde Demagoge, das ist nicht der wahre Jakob. Der nämlich schreibt einfühlsame Bücher über englischen Gartenbau (eine »literarische und philosophische Reflexion, ein Buch gegen das Zaudern, ein politisches Buch«, so die FAZ). Und das ist keineswegs als Distinktionsmerkmal gegenüber den wenigen, komischen Leuten ohne Landgut gedacht – er weiß es nicht anders. Man ist halt »auf der Spiegel-Seite des Lebens geboren« (Martin Walser).


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