Aus: Ausgabe vom 21.11.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Im Flüchtlingslager

Hunderttausende Menschen haben im Libanon Zuflucht gefunden

Von Karin Leukefeld, Al-Mardsch
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Spielende Mädchen in einem Flüchtlingslager im Bekaa-Tal

Nach Angaben des UN-Hilfswerks für Flüchtlinge, UNHCR, leben im Irak, in der Türkei, in Jordanien und im Libanon insgesamt rund 5,34 Millionen Flüchtlinge aus Syrien. Im Zedernstaat ist rund eine Million Syrer beim UNHCR als Flüchtlinge registriert, die tatsächliche Gesamtzahl dürfte bei mehr als 1,5 Millionen liegen. Rund 70 Prozent von ihnen leben unter der Armutsgrenze, die mit einem Einkommen von 1,5 US-Dollar am Tag angegeben wird. Weil im Libanon Flüchtlingslager offiziell nicht zugelassen sind, hausen die Menschen in selbstgebauten Hütten in mehr als 2.100 städtischen und ländlichen Gemeinden. Manchmal können sie sich mit anderen Familien die Miete einer Wohnung teilen.

»Haben Sie eine Genehmigung?« Der Mann mittleren Alters ist Koordinator für die Lager in Al-Mardsch im westlichen Bekaa-Tal. Er arbeitet für eine internationale Hilfsorganisation, die für Flüchtlinge Gesundheitsdienste, sichere Unterkünfte und sauberes Trinkwasser anbietet. Das Flüchtlingslager in Al-Mardsch ist nur eines von unzähligen kleinen und größeren Lagern, die seit Jahren in den Feldern der libanesischen Bekaa-Ebene entstanden sind. Die Genehmigung des libanesischen Informationsministeriums und Pressebüros, die ich vorzeige, reiche nicht, sagt der Mann: »Sie brauchen eine Genehmigung des Sozialministeriums in Beirut und eine Genehmigung der Hilfsorganisationen, deren Projekte Sie besuchen«, klärt er auf und verabschiedet sich wieder: »Tut mir leid, Ihre Fragen darf ich nicht beantworten.«

Um so gesprächiger ist der Leiter des Lagers, Ali S. 250 Familien lebten in diesem Lager, erzählt er bereitwillig. »Eine Familie umfasst durchschnittlich fünf Personen, also leben in den Hütten hier etwa 1.250 Menschen.« Kinder schreien, Motorräder knattern, ein Mann rückt seinen Plastikstuhl vor die Tür und zündet sich eine Wasserpfeife an.

Ali S. kommt aus der Altstadt von Homs und lebt seit fünfeinhalb Jahren im Libanon. Nach Syrien zurückkehren könne er gegenwärtig nicht: »Dort gibt es keine Sicherheit, alles ist zerstört.« Vor dem Militärdienst habe er keine Angst: »Egal wer nach dem Krieg an der Macht ist, Baschar (Al-Assad) oder die ›Freie Syrische Armee‹, wir Männer werden so oder so eingezogen.« Wichtig sei, dass der »Islamische Staat« verschwinde. Wenn die Lage in Syrien wieder sicher sei, werde er zu den ersten gehören, die zurückgingen.

Vor dem Krieg hat Ali S. im Baugewerbe gearbeitet. Gute Geschäfte habe er gemacht, erinnert er sich. Nun koordiniert er das Flüchtlingslager, wofür er Lohn erhält. Die Leute kämen aus Homs, Rakka, Aleppo oder aus dem Umland von Damaskus. Die Hilfsorganisationen hätten eine Grundschule eingerichtet, andere böten Gesundheitsdienste an. Manche der Flüchtlinge seien beim UNHCR registriert und erhielten Unterstützung. Andere lebten vom dem, was die Helfer verteilen. Arbeiten könnten die Leute nicht, weil sie keine offiziellen Papiere hätten. »Wenn sie erwischt werden, werden sie festgenommen.« Pro Monat würden im Lager 20 bis 25 Kinder geboren, an manchen Tagen seien es drei oder vier Kinder auf einmal.

Marwa S. ist 18 Jahre jung. Sie stammt aus Hadschar Al-Aswad im Süden von Damaskus. Sie war 13, als sie mit ihren Eltern in den Libanon kam. In Syrien war sie zur Schule gegangen. Ihr Vater habe ein Lebensmittelgeschäft gehabt, jetzt sei er arbeitslos. Die Großeltern lebten heute im Damaszener Stadtteil Dscharamana. Ab und zu würden sie telefonieren, ihnen gehe es ganz gut. Mit 16 heiratete sie, erzählt Marwa. Ihre Tochter Rim ist 15 Monate alt. Ihr Mann sei nicht zu Hause, er arbeite auf dem Bau. 10.000 Libanesische Pfund – etwa 5,50 Euro – verdiene er pro Tag, manchmal auch nur 7.000 (3,80 Euro). Sie und ihre Tochter seien beim UNHCR regis­triert. Zurückkehren? Darüber habe sie nicht nachgedacht, sie sei mit ihrem Leben ganz zufrieden. Mit Tochter und Ehemann hat Marwa eine Hütte für sich. Sie ist gut abgedichtet gegen Regen, mit einem festen Boden. Es gibt ein Wohn- und ein Schlafzimmer, eine Küche, ein Bad und sogar eine Waschmaschine. Ob sie einen Wunsch für ihre Zukunft habe? »Eigentlich nicht. Wir leben heute und warten, was morgen geschieht.«


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