Aus: Ausgabe vom 20.11.2017, Seite 8 / Inland

»Kirchentage erschleichen sich überhöhte Zuschüsse«

Sächsische Landesregierung finanzierte religiöses Großereignis mit Steuergeldern in Millionenhöhe. Gespräch mit Maximilian Steinhaus

Interview: Gitta Düperthal

Die Kunstaktion »Elftes Gebot: Du sollst deinen Kirchentag selbst bezahlen!« erhebt Vorwürfe gegen die Stadt Leipzig und die sächsische Landesregierung. Letztere habe leichtfertig Steuergeld verprasst und es für den Kirchentag ausgegeben, für eine ideologisch gefärbte Veranstaltung. Um wieviel Geld geht es?

Insgesamt sprechen wir über einen Betrag von 5,36 Millionen Euro: Soviel hat der Kirchentag in Leipzig gekostet. Die Stadt Leipzig, der Freistaat Sachsen und die Stadt Torgau haben davon 3.230.000 Euro aus Steuergeldern finanziert. Die evangelische Landeskirche selbst hat nur etwas mehr als ein Fünftel davon, 630.000 Euro, zugeschossen. Die restlichen 1,5 Millionen Euro wurden über Karten und Merchandising erzielt. Der Staat ist aber gehalten, sich neutral zu Glaubensfragen zu verhalten. Wenn das Leipziger Kulturdezernat zur Kenntnis gibt, die »Kirchentage auf dem Weg« hätten der »spirituellen Einstimmung auf den Abschlussgottesdienst in Wittenberg« gedient, wird damit ein Verstoß gegen die Pflicht des Staates zur weltanschaulichen Neutralität deutlich.

Was hatte der Klerus mit seinen »Kirchentagen auf dem Weg« beabsichtigt?

Angesichts des Reformationsjubiläums wollten die Kirchen ganz viel feiern und haben deshalb sogenannte Kirchentage auf dem Weg in Mitteldeutschland veranstaltet. So viele christliche Events in neun verschiedenen Städten machten sich aber gegenseitig Besucher abspenstig. Für die meisten nichtreligiösen Bürger in Mitteldeutschland und auch in Leipzig stellte die Festivität ein rein innerkirchliches Ereignis dar. Es ist so: Kirche und Politiker wollten glauben machen, die Reformation sei ein Schritt in Richtung Freiheit, Demokratie und Menschenrechte gewesen. Tatsächlich wurden diese Werte aber erst während der Phase der Aufklärung erkämpft – gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen.

Sie monieren, die Kirche manipuliere Besucherzahlen, um mehr staatliche Subventionen zu ergattern. Wie ist das zu belegen?

Seit Jahren weisen wir darauf hin, dass die Kirchentage stets mehr Besucher versprechen, als dann tatsächlich kommen, um überhöhte Zuschüsse zu erschleichen. In diesem Jahr in Leipzig waren zunächst rund 50.000 Gäste angemeldet, von denen ca. 35.000 Dauerteilnehmende sein sollten. Tatsächlich kamen dann 12.000, die Hälfte davon waren Mitwirkende beim Kirchentag. Beim Katholikentag 2016 in Leipzig war es ähnlich dubios zugegangen: Es hatte geheißen, 80.000 Gäste würden erwartet. Gerade die Hälfte davon erschien schließlich. Dass viel mehr im zu 80 Prozent konfessionsfreien Osten nicht drin war, hätten sich die Politiker denken können.

Sie beschweren sich, dass keineswegs so viele Gelder, wie behauptet, über Tourismus zurückgeflossen seien, sondern Verluste gemacht wurden.

Kirchentagsbesucher übernachten bekanntermaßen oft in privaten Unterkünften, auch wurden Schulen zu dem Zweck zur Verfügung gestellt. Argumentiert wurde, dass über eine »Wertschöpfungskette« 2,6 Millionen Euro der Stadt zufließen würden. Fördergelder gab es jedoch in Höhe von 3,2 Millionen. Die Differenz ist beachtlich.

Das Kulturdezernat Leipzig hatte darauf hingewiesen, ein »hochwertiges Programm« sei angeboten worden. Sehen Sie das anders?

Allerdings. Zum Programm gehörten etwa 29 sogenannte Bibelarbeiten. ­Darunter sind Gruppensitzungen zur Interpretation der Bibel zu verstehen, woran unter anderem Politiker teilnehmen. Der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) saß beispielsweise mit etwa einem Dutzend Teilnehmern in den großen Kongresshallen bescheiden in einem Stuhlkreis unterhalb der Bühne. Ein Flop. Es ist völlig schleierhaft, was daran hochwertig sein und wieso der Steuerzahler das finanzieren soll.

Ist es schwieriger geworden, sich mit säkularer Kritik durchzusetzen?

Ja. Um Fördergelder zu erhalten, hat die Kirche sich früher meist Formulierungen einfallen lassen, die wenigstens den Anschein erwecken, dass es sich um nichtkonfessionelle Veranstaltungen handelt, die einen gesellschaftlichen Anspruch haben. Neuerlich geht sie unverblümt religiös zur Sache.

Maximilian Steinhaus ist Sprecher der von der ­Giordano-Bruno-Stiftung (GBS) getragenen Kunstaktion »Elftes Gebot«


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