Aus: Ausgabe vom 20.11.2017, Seite 4 / Inland

»Einer der größten Justizskandale«

Mordverdacht im Fall Oury Jalloh: Zehntausende unterstützen Petition gegen Einstellung des Verfahrens

Von Susan Bonath
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Langer Kampf um Aufklärung: Protest zum zehnten Todestag von Oury Jalloh 2015 in Dessau-Roßlau

Die jüngsten Berichte zum Fall des 2005 im Dessauer Polizeirevier verbrannten Oury Jalloh schlagen Wellen. Drei Tage nach junge Welt berichtete am Donnerstag das ARD-Magazin »Monitor« über die neuen Anhaltspunkte für eine Tötung des Flüchtlings aus Sierra Leone durch deutsche Polizisten. Zahlreiche andere Medien griffen das Thema ebenfalls auf. Nun protestieren der Gründer der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh, Mouctar Bah, und die in Guinea lebende Familie Jallohs mit einer Onlinepetition gegen die Einstellung der Ermittlungen. Rund 82.000 Menschen haben diese bis Sonntag mittag unterzeichnet.

»Es kann nicht sein, dass die beteiligten Polizisten ohne Strafe davonkommen«, heißt es in der Petition an die Staatsanwaltschaft Halle, Sachsen-Anhalts Justizministerin Anne-Marie Keding (CDU) und das Bundesjustizministerium. Dies sei offenbar das Ziel der Verantwortlichen, so Bah. Er stehe mit Jallohs Bruder Mamadou Saliou Diallo und dessen Vater Boubacar Dial­lo in Kontakt, sagte er gegenüber jW. In der Petition mahnt er: »Oury war mein Freund. Ich kann diese Tat nicht vergessen.«

Wie jW am 13. November berichtete, hatte die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau ihre Selbstmordthese aufgrund der Analysen von acht Gutachtern aufgegeben. Anders als Sachsen-Anhalts Generalstaatsanwalt Jürgen Konrad und Halles Leitende Oberstaatsanwältin Heike Geyer kürzlich im Magdeburger Landtag behaupteten, teilen die Experten in wichtigen Punkten mehrheitlich eine Auffassung: Danach war Jalloh beim Brandausbruch tot oder handlungsunfähig. Weil er kein Kohlenmonoxid im Blut hatte, könne er keinen Rauch eingeatmet haben. Fehlendes Noradrenalin in seinem Körper schließe bewusstes Erleben des Feuers aus. Zweitens seien die Verbrennungen ohne Brandbeschleuniger wie Leichtbenzin nicht erklärbar. Drittens hat sich ein verschmortes Feuerzeug, das die Polizei drei Tage nach dem Brand präsentierte, wohl nie in der Zelle befunden. Konrad zufolge könne dieses auf dem Podest neben der Ma­tratze gelegen und darum keine Spuren abbekommen haben. Allerdings: Die Matratze war breiter als das Podest.

Im April hatten die Staatsanwälte damit den Generalbundesanwalt konfrontiert und konkret tatverdächtige Polizisten benannt. Dieser lehnte es ab, selbst zu ermitteln. Daraufhin entzog Generalstaatsanwalt Konrad der Behörde in Dessau das Verfahren. Am 12. Oktober stellten die Ermittler in Halle das Verfahren ein. Bereits am 30. August begründeten sie unter anderem: Man könne Selbstmord weiterhin nicht völlig ausschließen.

»Ich bin überwältigt von der Anteilnahme«, sagte Mouctar Bah. »Die Täter müssen verurteilt werden.« Er bat zudem um Spenden an die Initiative. Da die Familie keine Prozesskostenhilfe erhalte, müsse sie die Anwälte finanzieren. Sie habe bereits mehrere Gutachten selbst bezahlt. Allein das letzte habe rund 30.000 Euro gekostet. Jetzt will sie eine unabhängige Untersuchungskommission auf die Beine stellen.

Auch vor Ort sorgt die Berichterstattung für Empörung. Am Freitag protestierten bis zu 120 Menschen vor der Staatsanwaltschaft Halle unter dem Slogan »Oury Jalloh – das war Mord«. Der Fall sei einer der größten Polizei- und Justizskandale in der jüngeren BRD-Geschichte, hieß es. In Magdeburg fand bereits am Donnerstag eine spontane Demonstration statt. Die Mobile Opferberatung, der Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt, das Multikulturelle Zentrum Dessau und der Verband der Migrantenorganisationen Halle forderten in einer gemeinsamen Erklärung ebenfalls die Wiederaufnahme des Verfahrens. Aus Angst vor Anschlägen, wie die Polizei mitteilte, zog diese am Freitag verstärkt Einsatzkräfte vor Dessauer Justizgebäuden zusammen.


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