Aus: Ausgabe vom 18.11.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Alle Verschwörungen führen nach Moskau

Von Reinhard Lauterbach

Wer etwas gegen die Regierung und die hier herrschenden Verhältnisse hat, der kann dafür nie und nimmer gute, gar nachvollziehbare, Gründe haben. Da ist der Vorwurf der »Verschwörungstheorie« sofort bei der Hand. Und völlig zu Recht. Schließlich herrschen hierzulande Transparenz/Ehrlichkeit/Demokratie/Chancengleichheit (Zutreffendes bitte ankreuzen). Aber es ist natürlich nicht so, dass es keine Verschwörungen gäbe. Urheber sind nur immer die anderen. Die Süddeutsche Zeitung brachte am Mittwoch ein ganzes Schock davon in einer einzigen Ausgabe.

Mit dem Aufmacher ging es los: BND-Chef Bruno Kahl tritt vor der Hanns-Seidel-Stiftung auf und warnt davor, Russland noch länger als Partner zu betrachten. Es sei vielmehr eine Gefahr. Die Krim geschluckt (»vergessen Sie die Hoffnung auf eine Rückgabe«), wann komme das Baltikum dran? Die NATO müsse sich auf eine lange Konfrontationsphase einstellen, erklärt der Mann seinem Publikum. Die Russen hätten »erschreckende« Fortschritte bei ihrem Militär gemacht, zu besichtigen bei den Sommermanövern dieses Jahres. Dass die sich das aber auch trauen, ihr Militär auf Trab zu bringen. Unglaublich. War da nicht auch mal das Geraune, Russland werde bei diesem Manöver flugs Belarus annektieren, seine Truppen einfach dalassen – und, Herr BND-Präsident – was ist aus dieser Verschwörungstheorie geworden? Nichts? Beerdigt? Egal, auf zur nächsten.

Das Wort hat Theresa May, der Britischen Majestät Premierministerin. Die warf am Montagabend Russland vor, die »Weltordnung untergraben« zu wollen. Das ist natürlich verboten, zumal schließlich »wir« es sind (wie heißt es im heute noch gesungenen Lied so schön: »Rule, Britannia, Britannia rule the waves«), die die »Weltordnung« definieren. Und welchen Anteil am Untergraben der gewohnten europäischen Ordnung May und ihr Vorgänger David Cameron mit dem aus dem Ruder gelaufenen Brexit-Referendum haben, hinter dem nach dem Urteil irgendwelcher anderer Verschwörungsschnüffler auch der Russe stehen soll, das wollen wir bei der Gelegenheit mal lieber nicht fragen. May weiß auch, wo die Moskowiter noch überall wühlen: zum Beispiel in Katalonien. Warum sollten sie das? Na klar, um die Abtrennung der Krim zu rechtfertigen. Nur, Prime Minister: Wie war das vor schon fast 20 Jahren mit der Abspaltung des Kosovo? Wer hat damals die Büchse der Pandora aufgemacht? War wahrscheinlich ebenfalls Wladimir Putin, auch wenn er nach außen dagegen aufgetreten ist. Und wenn nicht Putin, dann Nicolás Maduro, venezolanischer Präsident: Rund um das katalanische Unabhängigkeitsreferendum habe es verdächtigen Onlineverkehr mit Venezuela gegeben. Sagt jedenfalls Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy, bekannt für Wahrheitsliebe und Bescheidenheit. May sieht offenbar im Traum das Gespenst eines neuen schottischen Referendums über den Austritt aus dem Königreich vor sich. Für den Fall, dass es die EU verlässt, baut sie schon mal vor: Alle Wege des Separatismus führen nach Moskau. Ein sachdienlicher Hinweis am Rande: Bereits in dem allerliebsten Kinofilm »Local Hero« von 1983 empfangen die Bewohner eines schottischen Fischerdorfs, das der Errichtung einer Raffinerie zum Opfer fallen soll, alljährlich einen sowjetischen Kutter mit einem großen Fest. Höchst verdächtig und ein starkes Indiz für eine schottisch-russische Verschwörung.

Der Theologe und Revolutionär Thomas Müntzer stellte vor inzwischen fast 500 Jahren eine wilde These auf: Es seien »die Herren selbst, die machen, dass ihnen der gemeyne Mann feindt wirdt«. Sogar wenn sie ihn mit ihrem Wirken nur zu Aktionen von zweifelhaftem Nutzen wie irgendwelchen Separatismen treiben. Aber psst, nicht verraten! Sonst gibt’s noch Verschwörungen.

May weiß auch, wo die Moskowiter noch überall wühlen: zum Beispiel in Katalonien. Warum sollten sie das? Na klar, um die Abtrennung der Krim zu rechtfertigen. Nur, Prime Minister: Wie war das vor schon fast 20 Jahren mit der Abspaltung des Kosovo? Wer hat damals die Büchse der Pandora aufgemacht?


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Regio:

Mehr aus: Wochenendbeilage