Aus: Ausgabe vom 18.11.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Stärkt eure Sowjets!

Knapp zwei Wochen nach der Oktoberrevolution wandte sich Lenin mit einem Aufruf an die Bevölkerung Russlands

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»Es lebe der Übergang der Fabriken und Werke in die Hände der Sowjetrepublik!«: Arbeiter der Likinoer Manufaktur im Dezember 1917

Genossen! Arbeiter, Soldaten, Bauern, alle Werktätigen!

Die Arbeiter- und Bauernrevolution hat in Petrograd endgültig gesiegt; die letzten Reste der wenigen von (Alexander) Kerenski (1881–1970, Sozialrevolutionär, war seit Juli 1917 Chef der Provisorischen Regierung und floh vor der Oktoberrevolution aus Petrograd, jW) betrogenen Kosaken sind zerstreut und festgenommen. Die Revolution hat auch in Moskau gesiegt. Noch bevor in Moskau einige Militärzüge aus Petrograd eintrafen, unterzeichneten dort Offiziersschüler und die anderen Kornilowleute (Lawr Kornilow, 1870–1918, monarchistischer General, von Kerenski zum Oberkommandierenden ernannt, unternahm Anfang September 1917 nach Gregorianischem Kalender einen Putschversuch gegen die Provisorische Regierung, jW) die Friedensbedingungen, die Entwaffnung der Offiziersschüler und die Auflösung des Komitees zur Rettung des Vaterlands (am 7. November bei der Moskauer Stadtduma gegründetes »Komitee für öffentliche Sicherheit«, das sich als Organ der Konterrevolution erwies. Es kapitulierte am 15. November vor dem Revolutionären Militärkomitee, jW).

Von der Front und vom Lande kommen täglich und stündlich Mitteilungen, dass die überwiegende Mehrheit der Soldaten in den Schützengräben und der Bauern in den Landkreisen die neue Regierung und ihre Gesetze über das Friedensangebot und die unverzügliche Übergabe des Grund und Bodens an die Bauern unterstützt. Der Sieg der Arbeiter- und Bauernrevolution ist gesichert, denn die Mehrheit des Volkes hat sich bereits für sie erklärt.

Es ist durchaus verständlich, dass die Gutsbesitzer und Kapitalisten, die mit der Bourgeoisie eng verbundenen leitenden Angestellten und die Beamten, mit einem Wort, alle Reichen und ihre Handlanger, die neue Revolution feindselig aufnehmen, sich ihrem Sieg widersetzen und drohen, den Bankbetrieb stillzulegen, die Arbeit verschiedener Behörden stören oder stillegen, sie in jeder Weise behindern, sie bald direkt, bald indirekt hemmen. (…)

Den Widerstand der Kapitalisten und der leitenden Angestellten werden wir brechen. Wir werden niemandem seinen Besitz nehmen, es sei denn durch ein besonderes Staatsgesetz über die Nationalisierung der Banken und Syndikate. Dieses Gesetz ist in Vorbereitung. Kein einziger Werktätiger, kein Arbeitender wird auch nur eine Kopeke verlieren, im Gegenteil, ihm wird geholfen werden. Außer der strengsten Rechnungsführung und Kontrolle, außer der Erhebung der früher festgelegten Steuern will die Regierung keine anderen Maßnahmen treffen. (…)

Genossen! Werktätige! Denkt daran, dass ihr selber jetzt den Staat verwaltet! Niemand wird euch helfen, wenn ihr euch nicht selber vereinigt und nicht alle Angelegenheiten des Staates in eure Hände nehmt. Eure Sowjets sind von nun an die Organe der Staatsgewalt, bevollmächtigte, beschließende Organe. Schließt euch um eure Sowjets zusammen. Stärkt sie. Ohne auf jemand zu warten, geht selbst ans Werk, beginnt von unten. Stellt die strengste revolutionäre Ordnung her, unterdrückt schonungslos jeden Versuch von Säufern, Raufbolden, konterrevolutionären Offiziersschülern, Kornilowleuten und dergleichen, Anarchie hervorzurufen.

Führt die strengste Kontrolle über die Produktion und über die Erfassung der Produktion ein. Nehmt jeden fest und stellt ihn vor das revolutionäre Gericht des Volkes, der es wagt, die Sache des Volkes zu schädigen, ganz gleich, ob sich dies in Sabotage (Schädigung, Hemmung, Unterminierung) der Produktion, in der Zurückhaltung von Getreide- und Lebensmittelvorräten äußert oder in der Verzögerung von Getreidetransporten, der Desorganisation von Eisenbahn, Post, Telegraf, Telefon und überhaupt in jedem wie immer gearteten Widerstand gegen die große Sache des Friedens, die Übergabe des Grund und Bodens an die Bauern, die Sicherstellung der Arbeiterkontrolle über die Produktion und über die Verteilung der Produkte.

Genossen! Arbeiter, Soldaten, Bauern und alle Werktätigen! Nehmt die ganze Macht in die Hand eurer Sowjets! Schützt und hütet wie euren Augapfel den Boden, das Getreide, die Fabriken, die Maschinen, die Produkte, das Verkehrswesen – das alles wird von nun an gänzlich euer Eigentum, wird Gemeineigentum des ganzen Volkes sein. Nach und nach werden wir, mit Zustimmung und Billigung der Mehrheit der Bauern, auf Grund der praktischen Erfahrungen der Bauern und der Arbeiter, fest und unbeirrt zum Sieg des Sozialismus voranschreiten, den die fortgeschrittenen Arbeiter der zivilisiertesten Länder verankern werden und der den Völkern einen dauerhaften Frieden und die Befreiung von jeglicher Unterdrückung und jeglicher Ausbeutung bringen wird.

Der Vorsitzende des Rats der Volkskommissare

W. Uljanow (Lenin)

W. Uljanow (Lenin): An die Bevölkerung. Zuerst erschienen in: Prawda Nr. 182 vom 20. November 1917. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 26. Dietz Verlag, Berlin 1961, Seiten 293–295


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