Aus: Ausgabe vom 18.11.2017, Seite 6 / Ausland

Überläufer

Sprecher der Syrisch-Demokratischen Kräfte setzt sich in die Türkei ab. Hintergründe unklar

Von Nick Brauns
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Talal Silo spricht auf einer Pressekonferenz in Rakka am 6. Juni

Der Sprecher der Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDK), General Talal Silo, hat sich am Mittwoch in die Türkei abgesetzt. Der Turkmene mit der markanten Glatze war eines der bekanntesten Gesichter der von den USA im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) militärisch unterstützten multiethnischen Militärallianz. Der 1965 in Aleppo geborene Silo war zunächst Offizier in der syrischen Armee. 2013 gründete er die aus syrischen Turkmenen bestehende und im Norden von Aleppo gegen syrische Regierungstruppen operierende Seldschuken-Brigade. Diese Brigade wurde anfangs von der Türkei mit Waffen versorgt, schloss sich aber Ende 2015 den SDK an. Die Ernennung des prominenten Turkmenen zum SDK-Sprecher im Jahr 2016 war ein wohl auf US-Berater zurückgehender vergeblicher Versuch, die Sorgen der Türkei wegen der militärischen Kooperation zwischen US-Militärs und den innerhalb der SDK führenden kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG/YPJ zu zerstreuen.

Silo habe seine Flucht im geheimen mit Kommandeuren der Freien Syrischen Armee (FSA) koordiniert, erklärte ein Sprecher dieser von Ankara unterstützten Söldnertruppe, Ibrahim al-Idlibi, gegenüber der Agentur Reuters. Über soziale Netzwerke verbreitete Bilder sollen Silo in der türkisch besetzten syrischen Zone um die Grenzstadt Dscharabulus beim Einsteigen in ein gepanzertes Fahrzeug der türkischen Armee zeigen. Silo habe dem türkischen Geheimdienst Informationen zur militärischen Situation innerhalb des von der türkischen Armee belagerten Kantons Afrin geliefert, meldete die Zeitung Hürriyet Daily News am Donnerstag. Eine in Istanbul ansässige »Syrische Übergangsregierung« erklärte gegenüber dem Medienunternehmen Al-Araby al-Jadeed, Silo habe sich ihr angeschlossen, da er die Dominanz der kurdischen Kräfte innerhalb der SDK sowie die Marginalisierung der arabischen und turkmenischen Einheiten nicht mehr ertragen habe.

Das Generalkommando der SDK hingegen äußerte in einer am Donnerstag veröffentlichten Erklärung die Vermutung, der General sei vom türkischen Geheimdienst gekidnappt worden. Seinen Sprecherposten habe Silo bereits zuvor aufgrund von Druck und Problemen bei seiner Arbeit niedergelegt. Sein anschließendes »Verschwinden« sei möglicherweise auf eine »Spezialoperation« des türkischen Geheimdienstes in Kooperation mit einigen Familienmitgliedern Silos zurückzuführen. Er habe unter großem Druck des türkischen Staates gestanden, seine in der Türkei lebenden Kinder seien bedroht worden. Die SDK kündigten eine Untersuchung des Vorfalls an.

Innerhalb der SDK repräsentierte Silo den durch arabische und turkmenische Stämme gebildeten konservativen Flügel. Dieser wird von den USA als Gegengewicht zur libertär-sozialistischen Ausrichtung der YPG/YPJ favorisiert. Der Stammesflügel, der mit Rätedemokratie und Frauenbefreiung wenig am Hut hat, war im Zuge der Operation zur Befreiung der vormaligen IS-Hauptstadt Rakka und des weiteren Vordringens der SDK in arabische Siedlungsgebiete deutlich angewachsen. So wird der maßgeblich auf Silos Initiative gebildete Militärrat von Deir Al-Sor von arabischen Stämmen dominiert. Mitglieder dieses Militärrates waren wegen Vorwürfen der Korruption, Plünderungen und Kontakten zu Dschihadisten in die Kritik geraten.


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