Aus: Ausgabe vom 17.11.2017, Seite 15 / Feminismus

Sexismusdebatte treibt seltsame Blüten

Soziologin fordert: Abschminken! Weltweit werden immer mehr Fälle von Belästigung publik

Von Jana Frielinghaus
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Am 12. November demonstrierten Hunderte Menschen in Los Angeles in der Nähe der Hollywood-Filmstudios für die »Überlebenden sexueller Übergriffe«. Weltweit machen Frauen derzeit unter dem Stichwort »Me Too« ihre Erfahrungen mit Belästigung publik

Seit sechs Wochen machen unter dem Schlagwort »#MeeToo« Frauen aus aller Welt ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung im Internet publik. Jetzt gibt es praktische Ratschläge zur Prävention – an Frauen. Die Soziologin Barbara Kuchler, Jahrgang 1974, forderte ihre Geschlechtsgenossinnen vergangenen Sonntag in einem Gastbeitrag für Zeit online auf, High Heels, Lippenstift und Make-up-Tiegel wegzuwerfen. Dann, so ihre Logik, werde potentiellen Grapschern weniger Angriffsfläche geboten.

Das hat ein wenig von dem Argument, Vergewaltigungsopfer, die freizügige Outfits bevorzugen, seien schon ein bisschen selbst schuld. Finden auch die meisten der mehr als 2.000 Kommentatorinnen und Kommentatoren des Beitrags auf der Webseite der Hamburger Wochenzeitung. Kuchler empfiehlt, Frauen sollten aufhören, »sich zu schminken, zu schmücken und zu stylen, sich selbst permanent als Körper zu präsentieren«. Die wichtigste Ursache für männliche Übergriffigkeit sieht sie nicht etwa im ökonomischen und gesellschaftlichen Machtgefälle zwischen den Geschlechtern, sondern in der »sozial verfestigten Asymmetrie, dass es bei Frauen mehr aufs Aussehen ankommt«.

Derweil stolpern immer mehr prominente Männer über ihre bisher offenbar selbstverständlich praktizierten Tätscheleien und Nötigungshandlungen bis hin zur Vergewaltigung. So wächst in den USA der Druck auf den republikanischen Senatskandidaten Roy Moore. Zuletzt schilderten zwei Frauen der Washington Post vom Mittwoch, wie sie Opfer von Übergriffen Moores wurden. Es handelt sich um Vorfälle in den Jahren 1991 und 1982. Eine der beiden war demnach erst 17, als der damalige Anwalt sie belästigte. Bereits zuvor war der 70jährige von fünf Frauen beschuldigt worden, ihnen in der Vergangenheit nachgestellt zu haben oder gar übergriffig geworden zu sein.

Trotz der Aufforderung des Chefs der Republikaner im Senat, Mitchell McConnell, weigert sich der Rechtsaußenpolitiker jedoch, seine Kandidatur bei einer Nachwahl im Dezember zurückzuziehen. Er weist alle Anschuldigungen kategorisch zurück. Zahlreiche Parteifreunde sind bereits von ihm abgerückt. Am Dienstag forderten ihn auch der Vorsitzende des Repräsentantenhauses, Paul Ryan, und Justizminister Jefferson Sessions zum Rückzug auf. Beide erklärten, sie hielten die bislang erhobenen Vorwürfe für glaubwürdig. Moore kandidiert für den Sitz, der durch den Wechsel von Sessions an die Spitze des Justizministeriums frei geworden ist.

Die #MeToo-Kampagne und die sich häufenden Medienberichte über Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen Prominente aus Politik, Wirtschaft und Unterhaltungsindustrie wurden durch Enthüllungen über den bis dahin mächtigen US-Filmproduzenten Harvey Weinstein ausgelöst. Ein am 5. Oktober veröffentlichter Artikel der New York Times über den Hollywoodmogul hatte den Stein ins Rollen gebracht. Darin warfen ihm mehrere Schauspielerinnen Übergriffigkeit bis hin zur Vergewaltigung vor. Mehrere mutmaßliche Opfer haben inzwischen Klage gegen ihn eingereicht.

Unterdessen berichtete die Abgeordnete Jacqueline Speier von den oppositionellen Demokraten am Dienstag bei einer Anhörung im Repräsentantenhaus in Washington, auch im Kongress gebe es zahlreiche Fälle von sexueller Belästigung und Gewalt. Derzeit wird im Repräsentantenhaus über Reformen diskutiert, mit denen es den Opfern erleichtert werden soll, Übergriffe zu melden. (mit Agenturen)


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