Aus: Ausgabe vom 17.11.2017, Seite 15 / Feminismus

Faszination für die Moderne

Avantgardefotografin und Novemberrevolutionärin: Vor 120 Jahren wurde Germaine Krull geboren. In München sind derzeit einige ihrer Werke zu sehen

Von Christiana Puschak
Germaine Krull, Selbstporträt mit Icarette, 1925
Germaine Krulls programmatisches »Selbstporträt mit Icarette« (1925)

Einer der ersten Bewunderer ihrer Bilder war Walter Benjamin. Er schätzte ihre radikale Ästhetik und engagierte Haltung, würdigte ihre Arbeit in seinem Aufsatz »Kleine Geschichte der Fotografie«. Ihr berühmter Berufskollege Man Ray nannte Germaine Krull die größte Fotografin der Moderne, und in die Kunsthistorie ging sie als Pionierin des »Neuen Sehens« ein. Derzeit wird in der Münchner Pinakothek der Moderne ihre 1928 veröffentlichte Serie »Métal« präsentiert. Diese wie auch die vor zwei Jahren im Berliner Gropiusbau gezeigte Krull-Schau dokumentieren ein anhaltendes Interesse an dieser ungewöhnlichen Künstlerin.

Geboren wurde sie am 20. November 1897 in Posen, dem heutigen Poznań. Sie wuchs in Italien, Frankreich und der Schweiz auf. Unterrichtet wurde sie von ihrem Vater, der ihr zwar wenig Wissen, aber viel Liebe zur Freiheit vermittelte, wie Boris Friedewald in seinem Band »Meisterinnen des Lichts« über große Fotografinnen schreibt. Mit 21 Jahren eröffnete sie ein eigenes Atelier in München und fotografierte noch ganz im Stil des Piktorialismus, inszenierte also Personen und Interieurs im Stil von Gemälden.

Während und nach der Novemberrevolution 1918 wurde Krulls Studio zum Treffpunkt der Intellektuellenszene Münchens. Tatkräftig unterstützte sie die revolutionäre Bewegung. Mit dem Revolutionär und Schriftsteller Ernst Toller war sie befreundet, und von Kurt Eisner, dem im November 1918 gewählten ersten Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern, schuf sie grandiose Porträts, von denen zwei erhalten geblieben sind. Nach dem Sieg der Gegenrevolution, die der Münchner Räterepublik mit Unterstützung von Reichswehrtruppen und rechten Freikorps den Todesstoß versetzte, wurde Germaine Krull aus Bayern ausgewiesen.

Vorübergehend lebte sie in Russland, bevor sie 1922 in einem Fotostudio am Berliner Kurfürstendamm zu arbeiten begann. Dort entstanden unkonventionelle Aktaufnahmen. Über Amsterdam gelangte sie 1926 nach Paris, wo sie erneut ein Atelier eröffnete. Hier gelang ihr mit Aufnahmen von technischen Bauwerken der Durchbruch. Sie schuf einen neuen Typus technischer Fotografie, dokumentiert in dem Buch »Métal«, einer Hommage an Kräne, Brücken und Industrieanlagen in ungewöhnlichen Perspektiven und Bildausschnitten, die von ihrem ambivalenten Verhältnis zur Technik künden, das sie selbst so beschrieb: »Vielleicht haben mir diese Metallriesen, in deren Nähe ich mir ganz klein und unscheinbar vorkam, Angst eingeflößt; aber eine unwiderstehliche Lust, sie im Bild festzuhalten, sie näher heranzuholen und dadurch vielleicht menschlicher zu machen, zwang mich, sie zu fotografieren.« In der Zeit, in der dieser Zyklus entstand, hielt sie sich mit Modefotografien über Wasser – bis sie lukrative Werbeaufträge von den Pariser Elektrizitätswerken sowie von den Automobilunternehmen Citroën und Peugeot erhielt. Aber was sie da tat, entsprach nicht ihren Vorstellungen und Ambitionen. »Der Fotograf ist ein Zeuge. Der Zeuge seiner Epoche«, schrieb sie in einem Brief an den Schriftsteller und Regisseur Jean Cocteau.

Mit ihrer kleinformatigen Ica­rette-Kamera realisierte sie experimentelle Aufnahmen, die sich durch ihren sozialkritischen Blick und durch die Nähe zu ihrem Sujet auszeichnen. Sie habe »eine neue Welt entdeckt, in der Technik und Seele einander durchdringen«, meinte Cocteau. Um 1928 entstand mit Hilfe eines Spiegels auch ihr programmatisches Selbstbildnis mit Icarette. Es zeigt eine moderne Frau: Kurzhaarschnitt, extravagante Kleidung, rauchend und berufstätig. In der rechten Hand hält die Fotografin eine Zigarette, hinter der Kamera ist eine Gesichtshälfte, hinter dem Sportsucher ein zusammengekniffenes Auge erkennbar. Damit inszenierte Germaine Krull wie ihre Kolleginnen Ré Soupault, Florence Henri und Marianne Brandt ein Porträt als Moment der Selbstbefragung und -vergewisserung über Beruf und Medium. Zugleich schuf sie damit den Prototyp der selbstbewussten »Neuen Frau«.

Während des Zweiten Weltkriegs lebte sie zeitweilig in Brasilien und in Afrika, 1946 ging sie als Kriegsberichterstatterin ins damalige Indochina. Auf Anregung des Dichters André Malraux fotografierte sie dort buddhistische Stätten, Monumente und Personen. Als 70jährige lebte sie für längere Zeit mit Exil-Tibetern in einem Tempel zusammen und machte dort die Aufnahmen für ihren letzten Bildband »Tibetans in India«. Nach einem Schlaganfall zog Germaine Krull 1983 zu ihrer Schwester ins hessische Wetzlar, wo sie 1985 verstarb.

Ausstellung »Germaine Krull. Métal« in der Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, München, Saal 8. Di–So 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Bis zum 10. Juni 2018

pinakothek.de


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