Aus: Ausgabe vom 17.11.2017, Seite 8 / Ansichten

Lohndrückerklitsche

Lufthansa filetiert Air Berlin

Von Simon Zeise
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Carsten Spohr auf der Lufthansa-Jahreshauptversammlung (Hamburg, 5. Mai)

Auch Kapitalisten kumpeln. Sachwalter werden ausgezeichnet, wenn sie die Arbeiterklasse mal so richtig fertiggemacht haben. Lufthansa-Chef Carsten Spohr ist für das Manager-Magazin der »Manager des Jahres«. Prämiert wurde er für seine Hartnäckigkeit den »erfolgreichen Umbau« zum größten europäischen Luftfahrtkonzern in die Wege geleitet zu haben, teilte die Zeitschrift am Donnerstag mit. Was ist dem Tausendsassa nicht alles gelungen? Die einst gutbezahlten Piloten des Konzerns hat er einer »Reform« unterzogen. Trotz jahrelanger Streiks hat er ihre Betriebsrenten kassiert – sie müssen »das Zinsrisiko« künftig selber tragen. Außerdem habe sich Spohr qualifiziert, weil er mit dem Tochterkonzern Eurowings und Teilen der insolventen Fluglinie Air Berlin das »Comeback der Lufthansa-Aktie« geschafft hat. Der Kurswert der Lufthansa-Anteile hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt. Der Konzern erwartet in diesem Jahr ein Rekordergebnis und die höchste Passagierzahl seiner Geschichte.

Die Beschäftigten halten mit ihrer Meinung über Spohrs Leistungen nicht hinterm Berg. Am 1. November hatten die Mitarbeiter von Eurowings Europe anonym in einem offenen Brief vor der eigenen Lohndrückerklitsche gewarnt. Die Angestellten des in die Pleite getriebenen Air-Berlin-Konzerns wurden von Spohr aufgefordert, sich bei der Kranich-Tochter zu bewerben. Der Unternehmenssitz wurde kurzerhand nach Wien verlegt, um die strengeren deutschen Bedingungen zu umgehen. Da es bei Eurowings Europe keinen Tarifvertrag und keinen Betriebsrat gebe, würden die »jeweils nach Landesrecht maximal schlechtest möglichen Konditionen« etabliert, warnten die Autoren.

Am Donnerstag dankten die Mitglieder des Air-Berlin-Kabinenpersonals den Autoren, weil »diese den Mut gefunden hätten, offen und deutlich auf Missstände bei ihrer Firma, der Eurowings Europe, hinzuweisen«. Sie hätten somit in der Öffentlichkeit klargestellt, »dass den Airberlinern mitnichten Lufthansa-Verträge angeboten werden, sondern lediglich die Möglichkeit eingeräumt wird, sich zu deutlich schlechteren Bedingungen bei Eurowings bewerben zu können«. Mit diesem Griff in die Trickkiste umgehe die Lufthansa den Betriebsübergang, um betriebswirtschaftlich das optimale Ziel zu erreichen. »Tatsächlich ist es so, dass wir Airberliner jetzt unseren Kündigungen entgegensehen und wir uns dann auf unsere eigenen – ehemaligen – Stellen und die gleiche Tätigkeit bei deutlich schlechteren Bedingungen und Gehältern bewerben dürfen«, schrieben die Beschäftigten von Air Berlin in ihrem offenen Brief.

Spohr hatte bereits im März 2016 ausgemacht: »Die drei Schwachstellen der Lufthansa sind Kostennachteile, Kostennachteile und Kostennachteile.« Er schnappt sich also Start- und Landeplätze sowie Personal zu prekären Bedingungen und sichert sich damit Monopolpreise. Die darf er noch eine ganze Weile ansetzen, hatten ihm am Mittwoch die Chefs vom Bundeskartellamt und der Monopolkommission bescheinigt.


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