Aus: Ausgabe vom 11.11.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Näher zu Nazis

Von Arnold Schölzel

Kapitalismuskritik ist ein Fall für den Verfassungsschutz, Antikapitalismus Terror, in einem NATO-Land also eine Angelegenheit des Militärs, Sozialismus ist Massenmord. Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution gab es in bundesdeutschen Qualitätsmedien wenig Neues. Neu ist die Lage: Die Bundesrepublik diktiert in der EU allerhand, vor allem ist sie aber wieder einmal Zentrum der Reaktion. In einem Taz-Interview fasste der Schriftsteller Wolfgang Schorlau die daraus resultierende Situation am 4. November so zusammen: »Im Augenblick gibt es rassistische Massenbewegungen und entsprechende Wahlergebnisse.«

Die reichen noch lange nicht. AfD-Frau Alice Weidel sagte der Bild am Sonntag vom 29. Oktober: »Ab 2021 wollen wir soweit sein.« Nämlich reif für die Bundesregierung. Schließlich gehört man dazu. Der Berliner Kurier berichtete am 5. November, die Mehrheit der Mitglieder des Fördervereins der »Stasi«-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen habe für die Aufnahme des AfD-Landeschefs von Berlin, Georg Pazderski, Bundeswehroberst a. D., gestimmt. Das ist konsequent in einer Einrichtung, die deren Leiter Hubertus Knabe als »Dachau der DDR« präsentieren wollte.

Faschismusverharmlosung ist Staatsdoktrin. Der daraus resultierenden Pflicht unterzog sich in der Ausgabe vom 4./5. November der Berliner Zeitung, einem Spielzeug der Millionärsfamilie Neven Dumont, Redakteur Arno Widmann. Sein Artikel zum Jahrestag der Oktoberrevolution erschien unter dem Titel »Die Utopie vom Massenmord«. Untertitel: »Am 7. November vor 100 Jahren begann in Petersburg die Oktoberrevolution. Sie war auch ein Zivilisationsbruch und ein Verbrechen gegen die Menschheit«. Im Text äußert sich dann ein unbefangener Angehöriger jener Nation, die den Ersten Weltkrieg hauptsächlich, den Zweiten im Alleingang vor allem gegen Russland bzw. die Sowjetunion mit dem bei Herrenmenschen üblichen propagandistischen Trommelfeuer vorbereitete. Es waren vor allem Deutsche, die schon beim ersten Mal Millionen Tote in Russland hinterließen. Das hatte mit der Oktoberrevolution allerhand zu tun: Sie machte Schluss mit dem imperialistischen Gemetzel. Beim zweiten Mal waren es mehr als 27 Millionen Tote. 2017 schreibt nun der deutsche Fachmann für Russisches: »Was die Bolschewiki als die Übernahme von Läden, Gaststätten und Mühlen in die öffentliche Hand anpriesen, war nichts anderes als Raub für die neuen Machthaber.« Andere Industrien hatten die wahrscheinlich nicht und die Verstaatlichung von Mühlen ist Raub. Daher: »Sozialismus hat es zu keinem Zeitpunkt gegeben. Nirgendwo im riesigen Russland.« Die Konsequenz: Es gab nur Massenmord, sonst nichts. Daher gebe es »keinen Grund«, die Oktoberrevolution zu feiern. Denn: »Sie war – von Anfang an und in fast jeder ihrer Phasen – ›ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit‹.«

Die Sowjetunion war laut Widmann »nie eine Alternative zu Imperialismus und Krieg. Sie bedeutete Imperialismus und Krieg.« Insbesondere vermutlich vom 22. Juni 1941 bis zum 8. Mai 1945, als die Rote Armee unaufgefordert in Berlin aufgetaucht war. Richtig daran ist: Hitler war tatsächlich Opfer des sowjetischen Imperators. Das war Anlass genug, zunächst im deutschen Westen, seit 1990 in der expandierten Bundesrepublik den dritten Aufmarsch Richtung Moskau in Angriff zu nehmen. Die dafür benötigte moralische Aufrüstung liefert einer wie Widmann: »Ob Stalins Sowjetunion, Hitlers Deutschland oder das China Mao Zedongs den Rekord in Sachen Massenvernichtung halten, darüber wird gestritten.« So ist der Führer nur einer unter dreien. Widmann vergisst lediglich, wie es Nazis handhaben, die Vernichtung der amerikanischen Ureinwohner, das Abschlachten von Afrikanern und Asiaten durch europäische Mächte relativierend zu erwähnen. Etwas weiter sind die Faschisten noch.

Die Sowjetunion war laut Widmann »nie eine Alternative zu Imperialismus und Krieg. Sie bedeutete Imperialismus und Krieg.« Insbesondere vermutlich vom 22. Juni 1941 bis zum 8. Mai 1945, als die Rote Armee unaufgefordert in Berlin aufgetaucht war.


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